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Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
03-18-2025, 11:32 PM,
Beitrag #11
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Da stand sie nun vor mir. Nach all der Zeit seit unserer Trennung, nach den endlosen Tagen des Suchens, des Zweifelns – da war sie. Und sie war noch immer so schön wie damals. Vielleicht sogar schöner. Ihre dunklen Haare schimmerten im fahlen Licht, und ihre Augen funkelten mit dieser unerschütterlichen Entschlossenheit, die ich so gut kannte. Es war der Ausdruck, den sie zeigte, wenn sie sich weigerte, etwas zu akzeptieren, das sie nicht kontrollieren konnte.

Einen Moment lang brachte ich kein Wort heraus. Ich sog ihren Anblick in mich auf, als hätte ich ihn mir nicht unzählige Male in schlaflosen Nächten heraufbeschworen, während ich mir einzureden versuchte, dass es vorbei war, dass es keine Bedeutung mehr hatte. Doch das war eine Lüge.
Dann sprach sie mit einer eisigen Stimme, scharf wie eine Klinge. Sie wollte wissen, was ich hier wollte. Sie sagte, ich hätte hier nichts zu suchen. Ich solle verschwinden.
Ihre Worte hätten mich verletzen sollen. Vielleicht taten sie das auch. Doch es war nicht ihre Stimme, die mich traf – sondern ihr Blick. Diese Wachsamkeit, diese Panik, als wäre ich eine Bedrohung für sie. Ich, der sie einst geliebt hatte wie nichts auf der Welt.
Ich atmete tief durch. "Ich habe dich gesucht, Aglaia."
Unbeirrt blieb ich stehen und schaute ihr direkt in die Augen. "Ich musste dich finden. Nicht, weil ich hoffe, dass sich noch etwas ändern kann." Ich ließ eine Pause, suchte nach einer Regung in ihrem Gesicht. "Sondern weil du es wissen solltest."
Ein kurzer Moment des Zögerns entstand. Dann sagte ich es. "Ich habe geheiratet, Aglaia. Erst vor wenigen Wochen."
Ich wusste nicht, wie es sich anfühlen würde, ihr das zu sagen. Ob es mir Erleichterung bringen würde oder nur diese bittere Endgültigkeit. Jetzt wusste ich es. Es war beides.

Ich atmete noch einmal tief durch. "Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich hier bin." Ich hielt inne, suchte nach den richtigen Worten. "Ich möchte sie sehen, Aglaia. Nur ein einziges Mal."
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03-19-2025, 10:44 AM,
Beitrag #12
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Später, wenn ich die Ruhe haben würde, über diesen Auftritt nachzudenken, würde ich sicher die Zeit haben, alle meine Gefühle einzuordnen, die er hervorrief. Aber jetzt im Moment unterdrückte ich sie alle, wie ich es jahrelang geübt hatte, wie ich eine Meisterin war, mir nichts anmerken zu lassen von den Dingen, die ich dachte, weil ich sie jetzt zu denken schlicht mich weigerte. Jetzt musste ich funktionieren, und ich hasste Owen dafür, dass ich das musste und er mich dazu zwang. Es war doch alles dabei, gerade gut zu werden! Er hatte ja keine Ahnung von den vielen, vielen kleinen Opfern, die ich auf dem Weg hierher erbracht hatte, wie ich mir selbst mein Herz herausgeschnitten hatte, um eine Zukunft für meine Tochter sichern zu können und mein altes Leben wirklich hinter mir zu lassen. Nicht nur den schrecklichen Teil, den meine eigene Mutter mir angetan hatte, sondern auch ihn.
“Das weiß ich schon lange. Kiki hat mir bereits letzten Sommer erzählt, dass du mit einer Keltin öffentlich herumposierst“, sagte ich noch immer leise, aber eine Spur lauter, als ich es wollte. Und ich ließ auch jetzt nicht zu, dass sich dieser Dolch in meinen Eingeweiden deshalb drehte oder die ungeweinten Tränen jetzt kamen. Später, wenn ich allein war, dann konnte ich weinen, wie ich es damals auch getan hatte, nachdem Kiki weg war und ich Abends allein in meinem Bett gelegen hatte, da konnte ich all das rauslassen, aber nicht jetzt.
Die Information, dass sie tatsächlich erst vor einigen Wochen geheiratet hatten, nahm ich so hin. Ich glaubte keinen Augenblick lang, dass sie nicht schon ebenfalls mindestens seit dem Sommer miteinander vögelten. Und auch darüber würde ich jetzt nicht nachdenken!

Ich wollte ihn also gerade zurückschicken zu dieser Keltin, mit der er mich so schnell ersetzt hatte, als er sagte, er wolle sie sehen. Ich hatte nicht einen Augenblick lang einen zweifel, wen er damit meinte. Meine Tochter. “Nein.“ Das war nicht verhandelbar. Ich würde definitiv nicht zulassen, dass er sie mir wegnahm. Auch wenn er sagte, dass er sie nur sehen wollte, ich vertraute ihm nicht mehr. Und warum sollte er sie denn sonst sehen wollen? Nachdem er eine neue Frau hatte, mit der er fleißig Kinder machte?
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
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03-19-2025, 04:51 PM,
Beitrag #13
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Für einen Moment ließ ich ihre Worte einfach stehen. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder wütend den Kopf schütteln sollte. Eine Keltin, mit der ich öffentlich herumposierte. Als wäre das alles, was sie in mir sah. Ein Mann, der sich kopflos in das nächste Abenteuer stürzte, der sie mühelos ersetzt hatte, ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen.
Sie hatte keine Ahnung. Keine Ahnung, wie sehr ich gelitten hatte. Wie oft ich meinen Schmerz im Alkohol ertränkt hatte. Wie viele Nächte ich wach gelegen und mir eingeredet hatte, dass es keine Rolle mehr spielte. Und selbst wenn ich ihr jetzt davon erzählen würde – sie würde mir nicht glauben. Wahrscheinlich würde sie mich auslachen.
Ein Kloß bildete sich in meiner Kehle, als die Bitterkeit ihrer Worte in mir nachhallte. Ich hatte nie nach jemandem gesucht. Ich hätte es nicht einmal gekonnt. Nach ihr … nach dem, was zwischen uns gewesen war, hatte ich nicht geglaubt, dass ich jemals wieder jemandem so nahe sein könnte. Doch das Leben hielt sich nicht an Pläne. Es kümmerte sich nicht um die Mauern, die man um sein eigenes armes Herz errichtete. Und so hatte es mich zu Deirdre geführt, zu der Frau, die nun meine Frau war – nicht weil ich Aglaia vergessen wollte, sondern weil ich irgendwann begriffen hatte, dass ich nicht für immer in diesem Schmerz gefangen bleiben konnte.
Aber das alles würde sie nicht hören wollen. Sie würde auch das nicht glauben wollen.
Außerdem war ich nicht hier, um mich mit ihr zu streiten. Über diesen Punkt waren wir längst hinaus. Es gab nur noch eine einzige Sache, die ich von ihr wollte. Etwas, das sie mir schuldete. Und ihr Nein würde ich nicht einfach so hinnehmen.

"Ich will sie dir nicht wegnehmen, Aglaia." Meine Stimme klang wesentlich ruhiger, als ich mich fühlte. Ich wollte nicht, dass sie meine Verletztheit hörte, auch wenn sie tief in mir brannte. "Ich würde so etwas nie tun. Ich will nur sehen, was aus ihr geworden ist. Ein einziger Blick, und ich gehe. Das verspreche ich, bei allem, was mir heilig ist. Und du weißt, dass ich zu meinem Wort stehe."
Ich sah, wie ihr Atem schneller ging, wie sich ihr Kiefer spannte. Sie hielt sich zurück, das kannte ich. Aber hinter dieser kalten Maske lauerte mehr – Angst, Wut, vielleicht sogar Schmerz.
Ich atmete tief durch. "Bitte," flehte ich. Kein Befehl. Keine Forderung. Nur ein einziges Wort.
Wenn ich ihr jemals etwas bedeutet hatte, würde sie mir diesen einen Wunsch nun nicht verwehren.
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03-19-2025, 08:18 PM,
Beitrag #14
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Ach, wusste ich, dass er zu seinem Wort stand? Er hatte mir auch mal versprochen, dass er mich lieben würde und zu mir stehen würde, was auch immer kommen würde. Und trotzdem waren wir jetzt heute hier, er mit seiner neuen Familie, und ich fast mit meiner.
“Was soll das bringen? Du spielst keinerlei Rolle in ihrem Leben. Oder wo warst du, als sie Koliken hatte und die ganze Nacht geweint hat? Wo warst du beim ersten Zahn? Beim ersten Wort? Beim ersten Schritt? Wo warst du, als sie Fieber hatte und ich die ganze Nacht wach geblieben bin und auf jeden ihrer Atemzüge gelauscht habe, weil ich Angst hatte, es wäre der letzte?“
Verdammt, ich hatte nicht weinen wollen, aber ich merkte, dass es auf meiner Wange nass war. Ich fing mich schnell wieder und wischte unauffällig die Tränen weg. Sah beiseite, um ihn nicht ansehen zu müssen, damit ich nicht nochmal die Beherrschung verlor.
“Du bist nicht ihr Vater, Owen. Das ist jetzt ein anderer. Jemand, der wirklich für sie sorgt und Teil an ihrem Leben hat. Also geh zu deiner Familie, mach ein Dutzend weiterer Kinder, um das du dich dann hoffentlich doch kümmerst, und lass uns in Ruhe.“
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
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03-20-2025, 12:12 AM,
Beitrag #15
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Ihre Worte trafen mich mit einer Härte, die mir den Atem raubte. Sie brannten sich in mich ein, wie eine Klinge, die langsam ins Fleisch getrieben wurde. Doch ich wusste nicht, was mehr schmerzte – ihre Worte selbst oder die Kälte, mit der sie sie aussprach. Jeder einzelne Satz war wie ein Dolchstoß, präzise gesetzt, direkt dorthin, wo es am meisten wehtat.

Du bist nicht ihr Vater.

Meine Kiefer spannten sich an, während mein Atem schwerer wurde. Sie hatte mich aus ihrem Leben verbannt, aus dem Leben unseres Kindes. Und nun wollte sie mir auch noch das Recht nehmen, mich Vater zu nennen. Ich hätte darauf vorbereitet sein müssen. Wahrscheinlich hatte ich es sogar befürchtet. Doch es aus ihrem Mund zu hören, mit dieser eisigen Härte, mit dieser endgültigen Gewissheit … Es fühlte sich an, als würde sie mir das letzte Stück entreißen, das von dem Leben übrig geblieben war, das wir einst gemeinsam hatten.
Dabei war sie es gewesen, die mir zu verstehen gegeben hatte, dass ich nie genug für sie und unsere Tochter sein könnte.
Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht hatte ich versagt. Vielleicht war ich nicht genug.
Aber verdammt noch mal – sie tat ja gerade so, als hätte ich mich bewusst dafür entschieden, nicht da zu sein. Als wäre ich einfach gegangen, hätte mich gegen sie, gegen unser Kind, gegen alles, was wir hatten, entschieden.
"Denkst du, ich wollte das so?" Meine Stimme war rau, angespannt, bebend vor unterdrückten Gefühlen. "Glaubst du wirklich, ich hätte mich einfach umgedreht und wäre gegangen, weil ihr mir nichts bedeutet habt?"
Langsam machte ich einen Schritt auf sie zu, vorsichtig, als könnte jede falsche Bewegung sie noch weiter von mir forttreiben.
"Wir wollten doch einmal dasselbe, Aglaia. Erinnerst du dich überhaupt noch daran?" Meine Stimme wurde leiser, eindringlicher. "Wir wollten ein neues Leben beginnen. Hier in Londinium. Ein Haus und eine Schmiede. Eine Familie sein. Mehr wollte ich nie."
Meine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. All die Monate hatte ich diese Gedanken tief in mir vergraben, hatte versucht, nicht zurückzublicken, nicht darüber nachzudenken, was hätte sein können. Doch jetzt, da sie vor mir stand, war es unmöglich, all das weiter zu verdrängen.

"Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Ich weiß, dass ich nicht perfekt war. Aber glaub nicht eine Sekunde lang, dass mir das hier egal war. Dass ihr mir egal wart." Ich lachte bitter auf, fuhr mir mit einer Hand durchs Haar, als könnte ich die aufgestauten Emotionen damit fortwischen. "Verdammt, Aglaia! Ich liebe dich noch immer. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben." Die Worte waren draußen, bevor ich sie aufhalten konnte. Doch es war die Wahrheit. Wie hätte ich aufhören können? Sie war in jeder Faser meines Seins.

Ich atmete tief durch, zwang mich zur Ruhe, zwang mich, nicht laut zu werden.
"Ich bin nicht hier, um dir irgendetwas wegzunehmen. Ich verlange nicht, dass du mich in euer Leben zurücklässt." Ich hielt ihrem Blick stand, auch wenn es schmerzte. "Aber du kannst mir nicht absprechen, was ich bin." Ein leises Zittern lag in meiner Stimme, kaum merklich, aber es war da. "Ich bin ihr Vater. Und das werde ich auch immer sein – ob du es mir erlaubst oder nicht."
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03-20-2025, 01:44 PM,
Beitrag #16
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
“Warum sagst du das?“ brachte ich nur ehrlich schockiert heraus, als er mir vorwarf, ich hätte unsere Pläne vergessen. Was bitte sollte das jetzt, hier? Was für eine Bedeutung dachte er, sollte das jetzt und hier haben? Er und ich würden niemals dieses Leben führen, was wir uns ausgemalt hatten in unserem jugendlichen Leichtsinn und der verliebten Naivität. Das war vorbei. Was nützte es, das jetzt wieder hervorzuholen?
“Alles, was ich wollte, war, dass du mir vertraust. Und das hast du nicht“, erwiderte ich verletzt und schüttelte traurig den Kopf. Ich hatte diese Streitereien mit ihm schon immer satt gehabt. Immer die Vorwürfe, immer die emotionale Erpressung, immer das Gefühl, mich schämen zu müssen für das, was ich war und worüber ich ihn nie belogen hatte. Auch wenn er sagte, dass er nur eine Familie hier mit mir in Londinium gewollt hatte, stimmte das so einfach nicht. Er wollte ein keltisches Leben und eine keltische Familie und wollte mich dahin zurechtbiegen, bis ich war, was er wollte, und nicht, was ich wollte.

Seine Liebeserklärung traf mich allerdings unvorbereitet. Ich glaube, ich zuckte sogar zusammen und sah zu meiner Tür. Ich wollte nur weglaufen, vor allen Dingen vor dem schmerzenden Gefühl tief in mir drin. Wie oft hatte ich geträumt, dass er mir sagen würde, dass er mich noch liebte? Aber ich wusste auch, dass Liebe allein eben nicht ausreichte, und das war wohl die schmerzhafteste Wahrheit, die ein Mensch begreifen konnte. Liebe allein machte noch lange nicht glücklich. In meinem Fall machte sie einen sogar verdammt unglücklich. Weil sie einem wieder und wieder das Herz zerriss.
“Und was ist mit deiner Frau?“ fragte ich mit gebrochener Stimme, noch immer nicht ihn ansehend. Ich weiß nichtmal, welche Antwort ich darauf erhoffte, da jede Antwort das hier nur schwerer machen würde. Trotzdem wollte ich es hören, aus seinem Mund, auch wenn es weh tat.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
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03-20-2025, 10:48 PM,
Beitrag #17
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Ich schüttelte langsam den Kopf, unfähig, den Knoten in meiner Brust zu lösen. "Aglaia, ich wollte immer nur das Beste für dich. Für euch beide," sagte ich leise. "Ich wollte, dass du nie wieder in eine Lage kommst, in der du dich verkaufen musst. Ich wollte dir ein Leben bieten, in dem du sicher bist, und nicht jeden Tag kämpfen musst. So, wie wir uns beide das erträumt haben. Weißt du noch? Damals, nach dieser furchtbaren Sache mit dem Tribun." Wir kam es vor, als sei dies vor einer halben Ewigkeit gewesen. Doch in Wirklichkeit war es erst vor zwei Jahren gewesen. Damals war ich noch ihr Sklave gewesen.
Ich hielt inne und suchte in ihren Augen nach etwas: vielleicht Verständnis oder Reue oder irgendetwas. Aber stattdessen fand ich nur diese unerschütterliche Entschlossenheit, die mich damals schon so verwirrt hatte.

"Und ich habe dir vertraut." Ich schloss kurz die Augen, weil es wehtat, das laut auszusprechen. "Bis zu dem Moment, als du mir gesagt hast, dass du das weiterhin tun willst. Dass du weiter dein Geld als Hetäre verdienen willst und dass ich dir deine Kunden vergraule."
Ich rieb mir über das Gesicht, als könnte ich so die Erinnerungen fortwischen, die mich quälten. "Ich habe es nie verstanden, Aglaia. Nie. Ich hätte für dich gesorgt, für unser Kind. Alles! Alles hätte ich für dich und unser Kind getan. Wir hätten alles haben können. Warum? Warum nur…?" In meiner Stimme spiegelte sich pure Verzweiflung. Ich ließ die Frage unvollendet in der Luft hängen. Vielleicht, weil ich wusste, dass es keine Antwort gab, die mich zufriedengestellt hätte. Vielleicht, weil ich Angst hatte, sie zu hören.

Und dann stellte sie die Frage, die unausweichlich war. Die Frage nach meiner Frau. Ich atmete tief durch. Mein Herz schlug schwer in meiner Brust. "Deirdre …" Ich sprach ihren Namen vorsichtig aus, fast ehrfürchtig. "Ja, ich liebe sie. Ich liebe sie, weil sie mich gerettet hat, als ich am Boden lag. Weil sie mir gezeigt hat, dass das Leben weitergehen kann. Dass es neue Wege gibt, selbst wenn man glaubt, alles verloren zu haben." Ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht, versuchte, die richtigen Worte zu finden. Worte, die sie nicht noch mehr verletzten, die nicht noch mehr zerstörten, was ohnehin schon in Scherben lag. "Aber das bedeutet nicht, dass ich je aufgehört habe, dich zu lieben." Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. "Oder unsere Tochter."

Ich hob den Blick, sah sie direkt an. Ich wollte, dass sie mich ansah, dass sie verstand, wie ernst es mir war. "Ich weiß, dass wir das Leben, das wir uns damals erträumt haben, nie führen werden. Ich weiß, dass alles vorbei ist. Aber ich kann nicht so tun, als hätte es das nie gegeben. Und vor allem kann ich nicht so tun, als würde meine Tochter nicht existieren."
Ich machte noch einen Schritt auf sie zu, senkte die Stimme, aber ließ keinen Zweifel an meiner Entschlossenheit. „Ich verlange nicht, dass du mich zurück in dein Leben lässt. Ich verlange nicht einmal, dass du mir vergibst. Aber ich werde erst wieder verschwinden, wenn ich mein Kind gesehen habe, Aglaia."
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03-21-2025, 08:44 PM,
Beitrag #18
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Und wieder redete er und redete er, ohne auch wirklich einmal meine frage zu beantworten! Warum bitte erzählte er mir all das? Was genau versuchte er zu erreichen damit? Dass ich ihm Recht gab? Darauf konnte er lange warten, denn egal, was auch seine Gründe und Gedanken gewesen sein mochten, es änderte absolut nichts an den Dingen, die geschehen waren, die er gesagt und getan hatte. Die wir beide gesagt und getan hatten.
Und natürlich kam aus seinem Mund, dass er seine Keltin liebte. Etwas, das wie ein zynisches Lachen klingen konnte, kam als einmaliges Schnauben aus meiner Kehle, und ich schüttelte den Kopf. Ja, es tat weh, zu hören, dass er eine andere liebte. Ich wusste nicht, was er so Liebe nannte, aber es war nicht meine Definition. Und der Schmerz, den es mir verursachte, half mir, etwas klarer zu sehen und diese Wut, die es hervorrief, zu nutzen.

“Du redest und redest, Owen, aber kannst nicht einmal die einfache Frage beantworten, warum du das alles sagst. Was willst du? Dass ich dich verstehe? Dass ich dir Recht gebe? Weißt du, es ist ganz egal. Es ändert überhaupt nichts an den Dingen, die passiert sind. Und es ist mir vollkommen gleichgültig, wer schuld ist oder dem anderen nur nicht gut genug zugehört hat oder was auch immer du jetzt hören willst. Du bist nach ihrer Geburt gegangen. Und ich bin auch gegangen. Und nichts ändert daran etwas.“
Ich drehte mich jetzt wieder zu ihm, jetzt endlich gesammelt bei mir, und sah ihn an. “Du hast kein Anrecht, irgendetwas von mir zu verlangen, Owen. Egal, was du dir einredest, es gehört weit mehr dazu, ein Vater zu sein, als Sex mit einer Frau zu haben und zufällig ein Kind dabei zu zeugen. Sehr viel mehr. Vielleicht, wenn deine Frau dir welche schenkt, wirst du das noch lernen. Im Moment aber bist du kein Vater, sondern ein selbstsüchtiger Kerl, der nur an sich selbst denkt und überhaupt nicht auch nur eine Sekunde fähig ist, an jemand anderen zu denken. Am wenigsten an meine Tochter.
Ich aber kann mir diesen Luxus nicht länger leisten, denn ich bin eine Mutter. Und ich sorge dafür, dass mein Kind eine gute Zukunft hat, in der sie nie Armut kennenlernen wird. Nie Hunger. Keine Angst. Sie wird in Sicherheit aufwachsen unter Menschen, die sie lieben, sie achten und für sie da sind.“

Ich streckte den Rücken gerade durch um etwas größer zu wirken, und um mir selber das Gefühl von Autorität zu geben. “Ich habe dich freigelassen, Owen, aber ich kann das auch genausogut wieder rückgängig machen, wenn du dich weiter so aufführst. Und deshalb befehle ich dir als deine Patronin, jetzt zu gehen und nicht mehr zurückzukommen.“
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
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03-22-2025, 08:00 AM,
Beitrag #19
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
Jedes ihrer Worte war eine Klinge, scharf und präzise geführt, und das Schlimmste war – ich konnte nichts dagegen sagen. Nichts, was nicht schwach klingen oder noch mehr zerstören würde. Aber dann kam ihre Drohung, meine Freilassung wieder rückgängig machen zu wollen.
Meine Hände ballten sich unwillkürlich zu Fäusten. Ich konnte es kaum fassen. Sie drohte mir ernsthaft damit, mich wieder in Ketten zu legen? Mich zu bestrafen, weil ich mein Kind sehen wollte?
Es wäre so leicht gewesen, in den Zorn hineinzufallen, ihr ins Gesicht zu schleudern, dass sie es doch versuchen solle. Dass sie ruhig sehen solle, was passiert, wenn sie einen freien Mann zurück in die Sklaverei werfen will. Aber dann sah ich sie an – wirklich an.
Sie stand mit geradem Rücken da, als müsste sie sich gegen einen Feind behaupten. Sie wollte unerschütterlich wirken, unantastbar. Doch hinter ihrer Wut lag etwas anderes. Angst. Nicht vor mir. Sondern vor dem, was war, und dem, was sein könnte. Vielleicht fürchtete sie sich sogar vor der Möglichkeit, dass ich bleiben könnte. Dass ich wirklich ein Teil im Leben unserer Tochter werden könnte.
Ich atmete tief durch, zwang mich zur Ruhe, doch das Gift in meiner Brust ließ sich nicht mehr zurückhalten.
Ein bitteres Lachen entkam mir, trocken, ohne jedes Gefühl von Humor. "Weißt du, Aglaia, ich hätte mich lieber in den Bleiminen zu Tode geschuftet, als dich jemals zu treffen." Meine Stimme war leise, kalt. "Du bist so niederträchtig. So herzlos. Und du redest von Liebe und Sicherheit, während du mich mit Füßen trittst, als wäre ich nichts. Als wäre ich nie etwas gewesen."
Ich schüttelte den Kopf, verbittert, wütend, doch vor allem verletzt. "Ich habe geglaubt, ich hätte dich einmal gekannt. Was für eine dumme, naive Vorstellung. Du warst immer nur auf dich selbst bedacht." Mein Blick glitt über sie, suchte nach einem Funken von dem Menschen, den ich einmal geliebt hatte – vergeblich. Ich trat einen Schritt zurück, nicht weil sie es mir befahl, sondern weil ich es nicht mehr ertragen konnte, sie anzusehen.
"Ich hoffe, du bist stolz auf dich, Aglaia. Wirklich." Meine Stimme war nur noch ein leises Grollen, durchtränkt von Bitterkeit. "Aber weißt du was? Du bist nicht fähig zu lieben. Das hast du mir selbst einmal gesagt und ich Idiot habe es damals nicht für möglich gehalten. Aber dein Herz ist kalt wie Stein. Vielleicht glaubst du, dass du deiner Tochter Liebe gibst, aber du weißt doch gar nicht, was das bedeutet."
Ich schüttelte den Kopf und musterte sie mit einem Blick, in dem kaum mehr als Ernüchterung lag. "Eines Tages wirst du allein dastehen. So, wie du es verdienst. Denn irgendwann wird auch dein neuer Ehemann erkennen, was für ein Mensch du wirklich bist. Und wenn du auch ihn in die Flucht geschlagen hast, dann bin ich gespannt, ob dir deine Härte dann noch bleibt, wenn du nachts aufwachst und merkst, dass du alles um dich herum zerstört hast."
Ich drehte mich um und ging, ohne ein weiteres Wort.

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03-22-2025, 12:12 PM,
Beitrag #20
RE: Auf nach Londinium! - Narcissus und Owains Reise
War ich stolz, ihn vertrieben zu haben? Nein, sicher nicht. Es war sehr schmerzhaft und bitter und traurig. Aber es war notwendig, um mein Kind zu beschützen, und auch ein wenig, um mich selbst zu beschützen. Ich wusste noch immer nicht, was Owen sich vorgestellt hatte, wie ich hätte reagieren sollen, denn auch nach mehrfacher Nachfrage hatte er das nicht ein einziges Mal klar beantwortet. Aber ich glaube diesen Ausgang hier hatte keiner von uns wirklich gewollt. Und trotzdem war ich der festen Überzeugung, dass es das einzig richtige gewesen war. Ich konnte mein Kind nicht einem Mann aussetzen, dessen Stimmungen nur zwischen Extremen schwankten und der ständig seine Meinung änderte. Ich konnte nicht darauf vertrauen, dass ihm ein Blick aus der ferne gereicht hätte und er dann friedlich einfach wieder gegangen wäre, ohne mit ihr sprechen oder sie berühren zu wollen, oder zu versuchen, sie wieder in seine Welt zurückzuziehen. Daraus war unsere Trennung ja überhaupt erst entstanden, dass er das so viel mehr wollte, als einfach nur mit uns zusammen zu leben. Dass er wollte, dass wir mit ihm im Dreck lebten. Mit keltischen Namen, nicht als römische Bürger.

Ich sah zu, wie er wegging, und vergrub den Schmerz, der auch nach all der Zeit darüber wieder aufwallte, ganz tief unten. Ich wartete, ähnlich wie bei Marcus, dass auch er außer Sicht verschwunden wäre, und noch etwas länger, ob er auch nicht zurückkäme, ehe ich endlich in meine Wohnung ging und den Ianitor anwies, die Tür fest zu verschließen. “Sollte in den nächsten Tagen ein blonder Kelte hier herumlungern, gib mir bescheid. Und pass auf, er ist gefährlich“, gab ich ihm als Warnung mit, damit auch er darauf achten würde.
Weiter hinten im Haus hörte ich Prima mit der Amme und deren Kind spielen. Sie jauchzte und quietschte freudig. Das war der schönste Ton auf der Welt. Und Owen irrte sich. Seit ich sie hatte, wusste ich sehr genau, was Liebe war. Und was Liebe nicht war. Und deshalb ging ich erst einmal in mein Cubiculum und nicht zu ihr, damit sie mich nicht so aufgewühlt sah, und schrie erst einmal in mein Kissen, um all das Gefühl herauszulassen, das sich durch diese Begegnung angestaut hatte. Erst, als alles heraus war und ich mich zwar noch immer traurig, aber leichter fühlte, nachdem ich mich noch einmal gewaschen und durchgeatmet hatte, ging ich durch das Haus, um meine Tochter ganz fest in die arme zu schließen.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
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