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Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
03-23-2025, 04:59 PM,
Beitrag #1
Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
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Ich wusste nicht mehr, wo ich war.
Nachdem ich Aglaia stehen gelassen hatte, war ich einfach losgelaufen. Nur weg! Weg von ihr, weg von ihrem Gift, weg von meinem eigenen Zorn. Und weg von meinem Kind, das ich wohl nie wiedersehen würde.

Die Straßen von Londinium verschwammen zu einem endlosen Labyrinth aus engen Gassen, rutschigem Pflaster und gesichtslosen Fremden. Ich hatte längst die Orientierung verloren, aber das war mir egal. Ich lief weiter, gehetzt von Wut, von Enttäuschung, von einer Leere, die mich von innen heraus auffraß.
Mein Atem ging schwer. Meine Hände zitterten noch immer vor unbändigem Zorn, der einfach nicht abklingen wollte. Ihre Worte hatten sich in meine Gedanken gebrannt, wiederholten sich immer und immer wieder. Du bist nicht ihr Vater. Wie konnte sie das sagen? Wie konnte sie mit solch kalter Gewissheit sprechen, als wäre ich nichts weiter als ein unbedeutendes Stäubchen in ihrem Leben, das sie nach Belieben fortblasen konnte?
Ich blieb stehen, drehte mich um – und erkannte nichts. Die Straße, die Häuser, alles war mir fremd. Ein dumpfes Gefühl von Unbehagen machte sich breit. Ich versuchte, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, doch es war sinnlos. Also lief ich weiter. Bog in eine Gasse ab, dann in die nächste. Die Stadt um mich herum wurde zu einer grauen, formlosen Masse.
Die Menschen, an denen ich vorbeiging, warfen mir Blicke zu – misstrauische, neugierige, einige belustigt. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein Mann, der nicht wusste, wohin mit sich. Und genau das war ich.
Ich hätte stehen bleiben sollen. Einen Moment nachdenken, mich sammeln. Aber der Sturm in mir ließ es nicht zu.
Irgendwann fand ich mich auf einer belebteren Straße wieder. Ich hätte jemanden nach dem Weg fragen können. Doch ich tat es nicht. Ich wollte nicht stehen bleiben, konnte nicht. Mein Herz schlug hart gegen meine Rippen, nicht aus Angst, sondern weil mir bewusst wurde, dass ich in dieser Stadt verloren war.

Deirdre.
Ich musste zu ihr. Jetzt. Sofort. Sie war mein einziger Halt, mein Anker, mein Fels in der Brandung. Doch sie war so weit weg!
Ich lehnte mich schwer gegen eine Hauswand, schloss die Augen. Aber selbst dort fand ich keine Ruhe. Ich sah nur ihr Gesicht. Kalt. Unnachgiebig.
Ich hätte mich lieber in den Bleiminen zu Tode geschuftet, als dich jemals zu treffen. Das waren meine Worte gewesen. Ich hatte sie gesagt. Ich hatte sie gemeint – oder nicht? Ich wusste es nicht mehr. Mein Inneres war ein einziges Chaos aus Wut und Schmerz.
Ich fuhr mir mit den Händen übers Gesicht, versuchte, tief durchzuatmen. Doch es half nichts. Die Enge der Stadt drückte mich nieder, die endlosen Straßen verschlangen mich. Und die Worte hallten weiter in meinem Kopf wider.
Als ich weiterging, stieß ich mit einer Bettlerin zusammen, die in Lumpen gehüllt war. Ich hatte sie zu spät gesehen. Sie murmelte etwas, vielleicht einen Fluch, doch ich blieb nicht stehen. Ich lief weiter. Ich flüchtete.
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03-23-2025, 06:26 PM,
Beitrag #2
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Die Hinrichtung war bereits vor Stunden vollstreckt worden. Die Schaulustigen, die gierig einen Blick auf den armen Kerl werfen wollten, der heute seinen Kopf verloren hatte, waren längst wieder zu ihrem Tagwerk zurückgekehrt. Das Leben in Londinium nahm wieder seinen gewohnten Lauf.

Auch Gwen streifte wieder durch die Straßen. Ihre Augen waren wachsam, die Finger locker und bereit. In ihrer Aufmachung als Bettlerin erregte sie kaum Aufmerksamkeit. Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu, und die meisten wohlhabenden Römer hatten sich hinter die sicheren Mauern ihrer Villen zurückgezogen. Doch Londinium schlief nie. Es gab immer jemanden, der unachtsam war.

Mit geschultem Blick ließ Gwen ihre Umgebung nicht aus den Augen. Die meisten Menschen, die an ihr vorübergingen, waren entweder zu arm oder zu vorsichtig, um sich als lohnende Beute anzubieten. Doch das störte sie nicht weiter – der Tag war bereits erfolgreich gewesen. Während der Hinrichtung am Vormittag hatte sie den Beutel eines reichen römischen Geldsacks erbeutet. Das würde für ein paar Tage reichen.

Gerade wollte sie ihre Suche für heute beenden, als ihr Blick an einem Mann hängen blieb. Ein Kelte. Feine Kleidung. Bronzene Fibeln. Kein Bettler, sondern jemand mit Silber in der Tasche – und, noch besser, er wirkte vollkommen abgelenkt. Ziellos trieb er durch die Straßen, als wäre er von inneren Dämonen gejagt. Perfekt.
Gwen spürte das vertraute Kribbeln der Vorfreude. Lautlos setzte sie sich in Bewegung, hielt aber stets einen gewissen Abstand. Mit der Geschmeidigkeit einer Jägerin passte sie sich seinem Tempo an und lauerte auf den perfekten Moment.
Plötzlich blieb der Mann stehen, lehnte sich gegen eine Hauswand und schloß seine Augen. Gwen verlangsamte ihren Schritt, beobachtete ihn weiter. Dann setzte er sich wieder in Bewegung. Jetzt!
Mit einem scheinbar unbeabsichtigten Stolpern prallte sie gegen ihn.
"Pass doch auf!" fauchte sie gespielt verärgert, während ihre geschickten Finger unbemerkt unter seinen Mantel huschten.
Der Geldbeutel glitt wie von selbst in ihre Hand. Der Blonde bemerkte nichts. Kein misstrauischer Blick, kein Zögern – er lief einfach weiter, ohne ein Wort der Entschuldigung. Und ohne zu ahnen, dass er gerade erleichtert worden war.

Gwen unterdrückte ein Grinsen, ließ den Beutel in den Falten ihres löchrigen Umhangs verschwinden und bog in die nächste Gasse ab. Wenn das kein erfolgreicher Tag! Doch wer wusste – vielleicht bot sich noch eine weitere Gelegenheit.
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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03-27-2025, 04:57 PM,
Beitrag #3
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium

Sidonius war auf Grund von Fürsprache von Damaris nicht bestraft worden. (Und so wie der Abgrund den Abgrund rief, rief vielleicht auch Güte noch  Gütehervor). Sidonius war zukünftig allerdings wachsam. Er schaute sich nicht mehr bewundernd in Londiniums Straßen um, sondern beobachtete sehr genau, was um ihn herum geschah. Und als nun eine rothaarige junge Frau, die gerade - mit Absicht - einen blonden Kelten angerempelt und etwas in den Falten ihres Gewandes verschwinden ließ, in seine Richtung kam, da dämmerte es ihm, dass er dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte. War das nicht....aber klar.... ohne groß nachzudenken, verstellte Sidonius ihr den Weg und hielt sie fest:
"Du kleine Diebin!", rief er aufgebracht: "Du bist es doch gewesen, die mich beklaut hat! Jetzt erkenne ich dich wieder!"
Aber weil man ihm die Strafe erlassen hatte, hatte er sie nur am Handgelenk gepackt und schlug nicht auf sie ein, was er als Sklave eigentlich auch nicht durfte - nur vertraute er darauf, dass sein Herr ihn beschützen würde. So hatte die junge Frau Glück, keine Maulschellen zu empfangen. Gleichzeitig rief Sidonius doch: "Das ist eine Diebin!", um allen klar zu machen, warum er die Frau festhielt. Er deutete auf den Blonden, der völlig gedankenverloren schon sich in der Menge verlor:
"Den hat sie auch bestohlen!"

Saturninus schickte einen anderen seiner vier Sklaven, es war Safar, hinter dem potentiuellen Opfer her. 
[Bild: Safar2.jpg]
Der holte Owain ein, wagte es aber nicht, ihm am Mantel festzuhalten, sondern rannte um ihn herum, wobei er sich, da er schmal war, gut durchquetschte und sprach ihn dann atemlos an:
"Dominus, Dominus, bist du gerade bestohlen worden? Halte ein des Weges, und bitte komm mit mir"

Saturninus aber schaute auf die junge Frau herab, die von Sidonius fest umklammert wurde.
"Erwürge sie nicht!", mahnte er und: "Lass doch  einmal sehen, was du in deinem Gewand so ängstlich verborgen hälst, Frau!"

Schon fing eine Menschenmenge an, sich zusammen zurotten. Eine Diebin zu verprügeln, das war ein Spaß!
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
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03-28-2025, 10:46 PM,
Beitrag #4
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Gwen fühlte das Gewicht des frisch erbeuteten Geldbeutels und unterdrückte ein zufriedenes Lächeln. Der Blonde hatte nichts gemerkt – nicht einmal einen misstrauischen Blick hatte er ihr geschenkt. Jetzt musste sie nur noch in eine ruhige Gasse verschwinden, und dann würde sie sich in einer Taberna ein ordentliches Essen gönnen.
Doch als sie gerade in eine andere Richtung abbiegen wollte, prallte sie plötzlich gegen eine feste Brust. Eine Hand schoss vor und packte ihr Handgelenk.
Gwens Herz setzte einen Schlag aus. Ihre Augen schnellten nach oben, trafen das Gesicht eines jungen Mannes – ein Sklave, wenn sie sich nicht irrte. Und dann, wie ein Faustschlag, die Erkenntnis. Sie kannte ihn. Irgendwo hatte sie ihn schon einmal gesehen. Hatte sie ihn bestohlen? Vermutlich. Aber das war doch schon Tage her, oder? Woher zum Henker erinnerte der sich noch an sie?
Natürlich, die Hinrichtung! Sie hatte den Kerl am Vormittag bei der Hinrichtung bestohlen! Er gehörte zu dem römischen Geldsack, der sowieso genug Geld zum fressen hatte.
Panik flammte in ihr auf. Gwen riss an ihrem Arm, doch der Kerl ließ nicht los. Schlimmer noch: er rief auch noch laut, dass sie eine Diebin war.
Schon spürte sie die ersten Blicke. Stimmen wurden lauter, Füße bewegten sich auf sie zu. Verdammt. Sie musste hier weg, und zwar schnell!
"Lass mich los!", zischte sie, doch ihr Versuch, sich loszureißen, war zwecklos. Der Sklave hielt sie mit einem eisernen Griff. Und dann fiel ihr Blick auf den Römer, dem der Sklave gehörte. Noch vor wenigen Stunden hatte sie sich über ihn köstlich amüsiert, als er in einer Taberna bemerkt hatte, dass er bestohlen worden war und er kein Geld hatte, den Wirt zu bezahlen. Die daraus entstandene Schlägerei, war wirklich sehr unterhaltsam gewesen. Jetzt aber schien er seinen Spaß mit ihr haben zu wollen.
Gwen schluckte. Um sie herum begann die Menge sich zusammenzurotten. Ein Tumult war im Entstehen. Leute liebten es, eine Diebin in die Finger zu bekommen. Sie waren begierig, zu sehen, wie sie windend um Gnade flehte und für ihr Vergehen  Schläge erhielt. Manchen bereitete es auch Freude, selbst ein paar Schläge zu verteilen, um sich den Abend zu versüßen.
Ihr Verstand raste. Vielleicht könnte sie noch lügen, sich rauswinden oder ein Drama vorspielen. Sie war eine gute Schauspielerin – wenn sie das richtig anstellte, konnte sie Mitleid erregen oder sich irgendwie aus der Sache herausreden.
"Was? Nein, bitte, ihr müsst mir glauben! Ich habe nichts gestohlen!" beteuerte sie laut rufend. "Ich schwöre es bei allen Göttern! Das ist ein Missverständnis! Ich bin nur gestolpert, ich schwöre es!"
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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03-29-2025, 08:57 AM,
Beitrag #5
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was der Junge von mir wollte. Seine Worte klangen gedämpft in meinen Ohren, als kämen sie von weit her.

"Hä... ? Was... ? Bestohlen?", wiederholte ich langsam und schüttelte den Kopf. "Ich… ich weiß nicht."
Meine Hand wanderte wie von selbst zu meinem Gürtel. Dort, wo mein Geldbeutel sein sollte. Doch da war nichts mehr. Nur noch Leere. Ein Fluch kam über meine Lippen. Natürlich. Warum auch nicht? Als ob dieser verfluchte Tag nicht schon schlimm genug gewesen wäre.
Ich seufzte und fuhr mir mit den Fingern durchs Gesicht und folgte dem Jungen schließlich schweren Schrittes. Ich hatte keine Lust mehr auf Ärger. Nicht nach meiner Begegnung mit Aglaia. Ebenso wenig war ich auf Gespräche erpicht. Und erst recht hatte ich kein Verlangen danach, Furius Saturninus zu begegnen. Doch genau der stand plötzlich vor mir,  wenn auch ziemlich ramponiert.

"Salve, Furius Saturninus," sagte ich schließlich, meine Stimme klang rauer, als sonst. "Was für eine Überraschung." Eine Überraschung, auf die ich an diesem Tag gut und gerne hätte verzichten können. Ich war müde und fühlte mich verloren. Mein Kopf war noch immer ein einziges Chaos aus Wut und Schmerz. Und nun stand ich hier, bestohlen, verwirrt – und musste mich ausgerechnet mit ihm auseinandersetzen.

Und dann sah ich sie - eingehüllt in Lumpen. Um sie herum eine wütende Menge. Die Luft wich aus meiner Brust. Mein Herz stolperte.

"Bryn?" Der Name verließ meine Lippen, bevor ich ihn zurückhalten konnte. Aber das konnte doch nicht sein. Das war unmöglich. Und doch…
Die junge Frau vor mir sah ihr so ähnlich, dass mir fast schwindelig wurde. Der gleiche rötliche Schimmer im Haar, der gleiche herausfordernde Blick, dieselben kantigen, feinen Züge. Aber da war etwas… anders. Sie war jünger. Jünger, als Bryn es jetzt wäre. Sie musste in dem Alter sein, als ich sie zur Frau genommen hatte. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Was für ein grausames Spiel trieb das Schicksal nun mit mir?

"Du bist nicht Bryn! Das kann nicht sein. Du kannst nicht Bryn sein! Aber wer bist du dann?" fragte ich sie und war dabei in meine Muttersprache abgedriftet.
Ich schluckte hart und zwang mich, den Blick von der Diebin – von ihr – loszureißen. Stattdessen richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Furius.
"Nun? Was gedenkst du mit ihr zu tun?"
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03-29-2025, 07:15 PM,
Beitrag #6
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Von allen Menschen hätte der Furius am wenigsten mit Owain gerechnet, doch er war ein bekanntes Gesicht aus Cheddar und Iscalis, und daher war Saturninus sogar erfreut, den Kelten so unerwarteterweise in Londinium zu treffen:
"Salve Licinianus! Was führte dich hierher? Hast du im Statthalterpalast deine Werke präsentieren wollen?"
Immerhin war der Legat Augusti von der "römischen Kunst" des Kelten angetan gewesen, damals auf dem Empfang. Aber das bedeutete nicht, dass man da einfach so herein spazieren konnte, wie es ein naiver Mann wie Owain vielleicht dachte. Saturninus wollte schon nachfragen, als Sidonius die junge Keltin schüttelte - und nicht nur eine, sondern gleich zwei Geldbeutel in den Dreck flogen.
Safar hob sie sofort auf, bevor es ein anderer tat.
"Das ist deines, Herr und das andere von dem anderen Herr!", rief Sidonius. Saturninus blickte zwischen seinem Sklaven und Licinianus Owain hin- und her:
"Ist das zweite Geldsäckchen deines?", fragte er. 
Aber der Kunstschmied schien ihn gar nicht mehr wahrzunehmen. Er fixierte die kleine Diebin, und er sprach auf Britonisch auf sie ein.
"Ist das dein Geld, werter Licinianus?", wiederholte Saturninus mit zusammengezogenen Augenbrauen.
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
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03-30-2025, 07:55 AM,
Beitrag #7
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Angesichts der bedrohlichen Lage wurde es selbst Gwen allmählich zu heiß. Ihre sonst so abgebrühte Fassade begann zu bröckeln. Ihre Worte prallten an dem Römer und seinen Sklaven einfach ab. Niemand glaubte ihr, dass sie nur gestolpert war. Die wütende Menge um sie herum wurde unruhig, und es fehlte nicht mehr viel, bis sie über sie herfiel.
Der Sklave, der sie festhielt, lockerte seinen Griff keine Sekunde. Im Gegenteil! Er begann, sie zu schütteln. Ihr Kopf ruckte vor und zurück, ihr zerschlissener Mantel flatterte, und dann geschah, was nicht hätte passieren dürfen: Mit einem dumpfen Geräusch fielen die Geldbeutel zu Boden. Einer der Sklaven bückte sich hastig, hob sie auf und musterte sie prüfend.
Es dauerte nur einen Moment, bis er den einen erkannte. Der seines Herrn.
"Den hab ich gefunden!" platzte ich hervor, ehe mir etwas Besseres einfiel. "Vor ein paar Stunden, als ich mir die Hinrichtung angesehen habe. Er lag da einfach auf dem Boden, also hab ich ihn eben aufgehoben!"

Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Der Kelte, den ich gerade noch erleichtert hatte, sprach mich mit einem Namen an, der mich mitten ins Herz traf. Bryn.
Mir stockte der Atem. Ich blinzelte überrascht und hob langsam den Blick. Und dann sah ich ihn. Sah ihn wirklich. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mir wurde schwindelig, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich hätte beinahe den Halt verloren. Denn dieses Gesicht… war mir nicht fremd.
Die Erinnerungen kamen wie eine Flutwelle. Damals war ich noch ein Kind gewesen, unschuldig und ahnungslos, mit einem Zuhause, mit Menschen, die mich liebten und beschützten. Das alles hatte die Welt mir genommen.
"Owain…" hauchte ich fassungslos. "Du lebst?"
Oh ja, das tat er. Und wie! Seiner Kleidung nach zu urteilen, ging es ihm zumindest materiell gut. Er war kein Sklave, das stand außer Frage. Kein Römer hätte einen keltischen Sklaven in seiner Tracht herumlaufen lassen.
Ich bemerkte, dass ich immer noch mit offenem Mund dastand, unfähig, es zu begreifen. Dann zwang ich meine Lippen dazu, sich zu bewegen.
"Nein, ich bin nicht Bryn." Meine eigene Stimme klang mir fremd. "Bryn ist tot. Schon seit einer ganzen Weile." Es fühlte sich seltsam an, ihren Namen auszusprechen. So lange hatte ich ihn nicht mehr über meine Lippen gebracht.
"Ich bin… Tegwen." Mein Name. Der Name, den man mir genommen hatte. So wie alles andere auch.

Owain löste schließlich den Blick von mir – und wandte sich wieder dem Römer zu, der ihn bei einem römischen Namen nannte: Licinianus... werter Licinianus!

"Was gedenkst du mit ihr zu tun?",  hatte Owain ... äh nein, der werte Licinianus ihn gefragt. 
Mir wurde eiskalt. Ich hielt den Atem an. Obwohl ich meine Wut auf den Verräter laut hinaus schreien wollte.  Würde er mich verraten? So wie der  Mistkerl ganz offensichtlich auch sein Volk verraten hatte. Oder… gab es noch eine Chance?
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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03-30-2025, 11:17 AM,
Beitrag #8
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Mein Hals fühlte sich plötzlich trocken an, als ich diesen Namen hörte. Tegwen - Bryns kleine Schwester. In mir kamen Erinnerung hoch, an eine lang vergangene Zeit, die unwiederbringlich verloren war.
 
Götter,  sie war noch ein Mädchen - damals.  Und jetzt stand sie hier vor mir, lebendig, voller Wut und voller Bitterkeit. Doch hinter all dem sah ich noch etwas von dem Mädchen, das ich kannte.
 Unzählige Fragen brannten mir auf der Zunge. Was war mit ihr und Bryn geschehen? Ich wusste nur, dass sie damals verschleppt worden waren. Ich wollte es wissen – nein, ich musste es wissen. Doch nicht hier. Nicht jetzt.
Ich löste meinen Blick von Tegwen und schaute auf die Menschenmenge um uns, auf den Furius und auf seinen Sklaven, der sie noch immer festhielt. Das war der denkbar schlechteste Zeitpunkt für ein Gespräch über die Vergangenheit.
"Tegwen, bitte. du musst mir alles erzählen. Aber nicht jetzt. Ich will dir helfen, so gut ich kann. Triff mich später." Noch immer sprach ich in unserer Muttersprache mit ihr. Meine Worte waren eindringlich und ich hoffte, sie würde sich darauf einlassen.
 Ich sah ihr in die Augen, versuchte ihr zu zeigen, dass ich es ernst meinte. "Heute Abend nach Sonnenuntergang. Sag mir, wo ich dich finde."
 Doch bevor sie antworten konnte, mischte sich der Furier ein.
 
Ich riss den Blick von ihr los und drehte mich langsam zu ihm um. Noch immer war ich wie betäubt von der Begegnung, doch ich musste mich zusammenreißen. Ich zwang mich, mir nichts anmerken zu lassen.
"Nein, ich bin nicht hier, um dem Statthalter meine Arbeiten zu zeigen." Ich zögerte kurz. "Ich bin hier, um Aglaia zu sehen. Ich wollte ihr sagen, dass ich wieder verheiratet bin. Und…" Ich holte tief Luft. "Ich wollte meine Tochter sehen," fügte ich schließlich noch hinzu.
 
Für einen Moment schien mich Furius Saturninus mustern zu wollen, doch dann fiel sein Blick auf die Beutel in der Hand seines Sklaven und er fragte mich, ob der andere Geldbeutel mir gehöre.
 "Nein", sagte ich schließlich und schüttelte den Kopf. "Das ist nicht meiner." Ich warf einen Blick auf den Beutel. "Ich muss wohl meinen verloren haben, als ich kopflos durch die Stadt irrte. Der hier gehört dann wohl dieser Frau."
 Meine Stimme war ruhig, aber mein Kopf arbeitete fieberhaft. Ich wusste nicht, in was genau Tegwen hier verwickelt war, aber ich wusste, dass sie in Schwierigkeiten steckte. Und wenn ich sie jetzt einfach ihrem Schicksal überließ, würde ich mir das nie verzeihen.
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03-30-2025, 04:02 PM,
Beitrag #9
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Owain erzählte Saturninus, dass er Aglaia und seine Tochter wieder sehen wollte. Wollte, sagte er zweimal.
Saturninus runzelte die Stirn: "Deiner Wortwahl entnehme ich, dass du Aglaia und deine Tochter aufsuchen wolltest, aber dies misslang", sprach er:
"Hast du Liciniana Aglaia nicht finden können? Du wirst es nicht glauben: Ich habe sie nämlich heute früh drei Häuserblocks weiter im hiesigen Stoffmarkt angetroffen. Völlig zufällig lief sie mir in die Arme! Sie hat dort eingekauft, und durch ein wenig Kleingeld werden sich die Stoffhändler vielleicht entsinnen, wohin sie die Ware liefern sollten. Dann hättest du ihre Adresse. Wenn sie auch unter anderem Namen unterwegs gewesen sein sollte, eine Beschreibung ihrer Person wird im Gedächtnis geblieben sein"

Die Hetäre war kein alltäglicher Anblick, und die Stoffhändler waren auch nur Männer!

Sidonius biss sich auf die Lippen, als Owain nun sagte, dass der zweite Geldbeutel nicht seiner war. Er hatte gesehen, was er gesehen hatte, und er sah auf beiden Augen sehr gut: Die Keltin hatte den Blonden bestohlen. Aber sein Herr, obwohl er dem Sklaven Glauben schenkte, machte eine kurze Geste: Ganz gleich, was Owains Beweggründe waren, ein Sklave hatte eine freie Frau, wenn er nicht als Zeuge befragt wurde, nicht zu beschuldigen.

" Ich vermutete nur, dass diese Frau meinen Geldbeutel entwendet hatte", sprach Saturninus daher:
"Es kann gut sein, dass sie die Wahrheit spricht und ihn lediglich gefunden hat. Wäre der zweite Geldbeutel jedoch deiner gewesen, so hätten wir eine Diebin in Flagranti erwischt. Ich hätte sie dir überlassen, werter Licinianus, und du hättest sie bestrafen können, wie du es für richtig hälst.
So ist mein Geld wieder da, und deines ist das andere ja nicht. Lasse sie also los, Sidonius"

Sidonius machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. Aber er nahm gehorsam seinen festen Griff von Gwens Armen und trat einen Schritt zurück.
Gwen stand nun frei, und Saturninus lächelte freundlich:

"Dieses Geschöpf...." Gwen war, schmutzig und verwahrlost wie sie wirkte, nicht nach seinem Geschmack:..."Scheint dir nicht gänzlich unbekannt zu sein, werter Licinianus? Gibt es dahinter eine interessante Geschichte? Ich würde sie gerne hören - bei einer kleinen Mahlzeit vielleicht? Da mein Geld wieder aufgetaucht und kein Schaden entstanden ist, lade ich dich gerne in eine Garküche ein"
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
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03-31-2025, 09:48 PM,
Beitrag #10
RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Gwen konnte Owains Blick kaum ertragen. Diese plötzliche Sorge in seinen Augen. Sie war wie ein Dolchstoß. Die letzten Jahre hatte sie sich immer wieder eingeredet, dass niemand mehr übrig war, der sich noch um sie scherte. Und nun stand er hier, rief sie bei ihrem alten Namen und sprach von Bryn, von der Vergangenheit… von Dingen, die sie längst begraben hatte.
Aber konnte sie ihm trauen?
Er sprach mit dem Römer, als gehöre er zu ihnen. Wut brodelte in ihr. Bryn hätte ihn nicht wiedererkannt,würde sie noch leben. Nicht so, wie er jetzt war.
Sie wollte ihm ins Gesicht schleudern, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen war, das er einst kannte. Dass sie längst gelernt hatte, allein zurechtzukommen. Doch dann hörte sie, was er noch zu dem Römer sagte. Er sprach von einer Aglaia und ... seine Tochter.
Gwen stockte der Atem. Er hatte eine Tochter. Eine, die noch lebte. Eine Tochte, die nicht von seiner Frau stammte. Bryn war einmal schwanger gewesen. Aber sie hatte ihr Kind verloren.
Ihr Herz klopfte schneller, während sie ihn musterte. Da war so viel, was sie nicht wusste. So viel, was sie nicht verstand.

Dann der letzte Schlag – als er den Römer wissen ließ, dass der Beutel - sein eigener Beutel - nicht ihm gehörte. Sie hatte geglaubt, er würde sie verraten. Sie hatte es wirklich erwartet. Und doch tat er es nicht. Der Sklave ließ sie endlich los, auch wenn ihm das gar nicht gefiel. Und auch der Römer war zufrieden, nachdem er sein Geld wieder hatte.
Sie biss sich auf die Lippe. Ein Teil von ihr wollte einfach verschwinden, ihn vergessen. Doch ein anderer Teil – ein viel zu lauter Teil – wollte Antworten.
"Nach Sonnenuntergang", murmelte sie schließlich.
Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und verschwand in der Menge. Bevor er ihre Unsicherheit sehen konnte. Bevor er bemerkte, dass er sie längst ins Wanken gebracht hatte.
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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