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Absentia vulnerat, non necat.*
09-20-2026, 04:48 PM,
Beitrag #1
Absentia vulnerat, non necat.*
Der Regen Britanniens schlug gegen die Fensterspalten der Stadtvilla in Iscalis. Im goldenen Licht einer Öllampe saß Tiberius Furius Saturninus, Princeps Officii, Patrizier, Honoratior von Iscalis am Schreibtisch seines Tablinums.

Seine Gedanken flogen in den Süden, dorthin, wo seine Sehnsucht lag. Im fernen, sonnenverwöhnten Tusculum, auf dem alten Landgut im Stammland der Furier, weilte seine Ehefrau Furia Serena. Sie hatte sich im rauen, feuchten Klima Britanniens nach der Geburt ihres dritten Kindes, des kleinen Antias, nicht gut erholt. Saturninus hatte sie fortschicken müssen, um ihr Leben und ihre Gesundheit zu retten. Er hing mehr an Serena, als es üblich in seinen Kreisen  war, und während jeder Geburt  ihrer Kinder hatte er zur göttlichen  Iuno gefleht: Nimm sie mir nicht!
Furia Serena war eine Lucretia seiner Zeit, einer Zeit, in der sich die römischen Frauen seiner Ansicht nach zügellos emanzipierten – von erlesener Tugend, sanft, gütig und von vollkommenem Gehorsam. Auf dem Landgut webte sie mit eigenen Händen die Wolle für die Kleider der Familie. Doch in dieser makellosen Tugend lag ihre Macht über Saturninus: Serena begehrte ihn zumindest körperlich nicht. Sie war treu, begehrte auch keinen anderen Mann, das war es nicht. Aber sie schenkte sich ihm rein aus Pflichtgefühl und ehelicher Pietät. Weil sie nichts von ihm wollte, war Saturninus ihr gegenüber hilflos; er wartete auf jedes ihrer seltenen, süßen Worte.
Zweimal nur hatte er sie seither im fernen Italia besuchen können. Aus diesen bittersüßen Wiedersehen waren zwei kleine Töchter hervorgegangen, die nun bei der Mutter in Italien aufwuchsen: die ältere Silvana, benannt nach seiner Großmutter, und die jüngere Maximilla, die den Namen von Serenas Mutter trug.
(Dazu drückte ihn die Last des Geldes, denn Saturninus war ...hmm sparsam. Drei Töchter jedoch bedeuteten drei immense, standesgemäße dotes, die er aufbringen musste, um die Allianzen seines Hauses in Rom zu sichern. Das Vermögen schwand unter den Ansprüchen einer fernen Provinz und dem Hofstaat seiner Frau in Latium.)

Um den Hunger nach echter Leidenschaft zu stillen, hatte Saturninus Liebschaften. Er wählte sie mit kühlem Kalkül unter Plebejern, Freigelassenen, Sklaven oder Peregrini der Stadt –  schöne Gesichter , ein liebes Wesen, Männer wie Frauen. Manche hatten ein warmes Herz, und Saturninus hatte sie aufrichtig  gerne. Er sorgte für sie wie früher für Deirdre oder wie für den  jungen reizenden Medicus, der ihm die Einsamkeit versüsste, jener blonde Primus, seine aktuellste Flamme, klug und sehr gut aussehend. 
Saturninus redete sich ein, dass diese Liebschaften mithin ein Beweis seiner unerschütterlichen Loyalität zu seiner Ehefrau waren. Niemals hätte er eine Frau seines eigenen Standes berührt. Niemals eine Patrizierin. Das, so glaubte er fest, wäre der einzige echte Verrat an Serena gewesen. Indem er sich mit jenen umgab, die gesellschaftlich im Schatten standen, hielt er den Thron seiner Ehefrau unbefleckt.
In den Armen dieser Geliebten suchte er nach dem, was seine angebetete Serena ihm nicht gab: das brennende, ungezügelte Gefühl,als Mann begehrt zu werden. Für ein paar Stunden erkaufte er sich jene Illusion. Sein Unbehagen kettete ihn wiederum fester an Serena, den Leitstern seines Lebens. Sie sagte ihm stets, wie ein Patrizier zu sein hatte.
Er wusste nicht, ob er Serena damit kränkte. Wie sollte er auch? Ihre Ergebenheit war absolut; sie hätte ihn niemals kritisiert

Unter seinem Dach gab kein Hauskind, das ihm keine Sorgen bereitete, ausser den drei Kleinen natürlich, die bei ihrer Mutter in Tusculum waren., und die er kaum beziehungsweise gar nicht kannte. 

Seine älteste Tochter, gerade erst zwölf Jahre alt und an der Schwelle zur Heiratsfähigkeit, Furia Saturnina. Sie war ihm im Charakter ähnlicher als alle anderen: stolz, trotzig und ungezähmt. Aber für ein Mädchen waren das Charakterfehler, und er glaubte, er müsse ihren Willen brechen, um eine Matrona aus ihr zu machen. Serena hatte Saturnina immer so früh wie möglich verheiraten wollen.
Dannder neunjährige Erbsohn Carus, der unbegreiflich langsam im Lernen war. Wenn Saturninus ihn nach den Lektionen des gestrigen Tages fragte, starrte Carus nur verängstigt auf seine Wachstafel, unfähig, die Buchstaben vorzutragen. Saturninus’ unterdrückte Enttäuschung hing wie eine greifbare Last über dem Jungen, der seinen Vater liebte.
Und dann Victor. Den vierzehnjährigen vielversprechenden jungen Mann, den er mit seiner keltischen Freigelassenen gezeugt hatte, hatte Saturninus in sein Haus geholt. Victor sollte eine römische Erziehung erhalten. Er hielt sich für großzügig, verstand aber nicht recht, wie sehr er Victor in eine Welt drängte, in der er nie ganz dazugehören durfte. Seine Versuche, seine britannischen Wurzeln zu bewahren, hielt Saturninus für eine gefährliche Schwäche.

Vielleicht werden Antias, Silvana und Maximilla wohlgeratener sein, dachte Saturninus, an "wohlgeratener" im Sinne von "weniger anstrengend"  Die drei jüngeren Kinder wurden von Serena erzogen. Das konnte ihnen nur gut tun.

Saturninus blickte auf eine kleine Wachstafel, auf der er keine Amtsschriften, sondern feine, tiefe Rillen gezogen hatte. Jede Rille stand für einen Tag. Die Sehnsucht nach Serena überkam ihn mit einer Wucht, die ihm den Atem raubte. Er vermisste sie so unendlich – ihre sanfte Stimme, den Duft nach römischem Sommer, den sie verströmte, und die Ruhe, die sie in sein häusliches Leben brachte. Mit fester Hand setzte er einen neuen Strich in das Wachs. Er zählte die Tage, zählte sie unermüdlich und betete und opferte zu den Heilgöttern, dass ihre Gesundheit im fernen Latium endlich wieder so weit wiederhergestellt sein möge, dass sie eines Tages die beschwerliche Reise über das Meer und die Alpen auf sich nehmen konnte, um zu ihm nach Britannien zurückzukehren....






* latein: Abwesenheit verwundet, aber sie tötet nicht
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Honoratior von Iscalis
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Vor 8 Stunden,
Beitrag #2
RE: Absentia vulnerat, non necat.*
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Es wurde doch noch ein langer Tag und erst später holte Scaevus die Post wieder aus dem Cubiculum, um die Saturninus vorzulesen. Er ordnete sie nach Wichtigkeit - und der wichtigste Brief trug das Siegel der Domina, was der Sekretär natürlich erkannte: 
" Domina Serena hat geschrieben" , kündigte er an.
" Hoffentlich keine schlechten Nachrichten", sagte Saturninus sofort wieder hellwach.
" Bestimmt nicht, die edle Domina hat doch eigenhändig gesiegelt", antwortete Scaevus.
" Lass hören", forderte Saturninus Scaevus auf, ohne nun mit seinem Sklaven darüber zu diskutieren, was alles schlechte Nachrichten sein könnten. Beispielsweise war die edle Furia Serena für eine Patrizierin gerade unverschämt fruchtbar. Heutzutage folgte man zumindest im Adel nicht mehr den Sitten der Vorfahren, Kinder auszusetzen, wenn man es sich leisten könnte, sie aufzuziehen. Das galt als grausam. Aber: Gleich zwei weitere Mädchen, die später standesgemäß ausstaffiert und verheiratet werden mussten. 
Scaevus las vor: 

An den edlen Tib. Furius Saturninus [/align]
Villa Furia
Iscalis
Es grüßt dich deine dir treu ergebene Gattin und Dienerin, Furia Serena, aus Tusculum. Ich hoffe, dass die Götter dir wie immer wohlgesonnen sind und es unseren edel geborenen Kindern gut ergeht. Antias und deinen Töchtern hier in Tusculum geht es gut und sie haben sich sehr über deinen letzten Brief und die Geschenke zu Saturnalia gefreut. Deine Großzügigkeit steht deinem edlen Geblüt in nichts nach, hab Dank dafür.
Wie in deinem letzten Brief gewünscht, hat mich der Medicus erneut untersucht und mir bescheinigt, dass ich nun vollends erholt bin und meiner Rückkehr nach Britannia nichts im Wege steht. Bitte lasse mich wissen, ob dies ebenfalls deinen Wünschen entspricht und ich werde mich im Frühsommer eiligst auf den Weg machen, sollte es zu deinem Gefallen sein. 
In Liebe und Demut erwarte ich deine Antwort,
Furia Serena

Sofort stand Saturninus das Bild seiner geliebten Frau im Sinn, und seine Augen wurden feucht. Er glaubte fast, ihre Stimme zu hören. Seine edle Furia Serena! Wer kann ihr gleich an Würde und tugendhaftem Verhalten? Wie einst Livia Augusta webte sie noch alle Kleider selber. ...Saturninus erster Impuls war eine ungetrübte Freude: Er hatte seine Frau seit Jahren schon entbehren müssen. Immer wieder war ihr von Britannia und dessen kalten Wintern abgeraten worden. Die kurzen Besuche wogen die vermisste Zweisamkeit nicht auf
Gerade hatte es sich so gut mit Medicus Primus angelassen, jetzt, wo der Herbst bald kam, und auch Saturninus nicht gerne alleine war. Primus war für Carus eine große Hilfe, und außerdem war er sehr attraktiv und willig. Saturninus hatte nicht vor, den Geliebten völlig aufzugeben, doch nun war wieder viel mehr Diskretion gefragt als die ganze Zeit über nötig gewesen war. Er und Primus würden nicht mehr so offen turteln oder im ganzen Haus stöhnen und schreien dürfen. Ob Primus das verstehen würde? Oder würde er glauben, er, Saturninus, schäme sich seiner?
Über diese Brücke gehe ich, wenn ich vor ihr stehe, dachte Saturninus, und vertagte das notwendige Gespräch in weite Zukunft. So eine Seereise dauerte ja auch eine ganze Weile ..

Die älteren Kinder hatten die Mutter auch vermisst, und gerade Saturnina fehlte offensichtlich die mütterliche Zucht.
Als Saturninus an die Kinder dachte, dachte er an Victor. Da würde er  auch Serena einiges erklären müssen. Sie würde ihn nicht offen kritisieren, doch der Furius wünschte ganz und gar keine Distanz zwischen sich und seiner Ehefrau. Wenn sie Victor sehr missbilligte, müsste er... Wie wäre es mit einem Studienjahr in Athen? Saturninus war nur zwei Jahre älter gewesen als Victor jetzt, als er bei dem berühmten Philosophen Ammonius studieren durfte. Ach, Saturninus beschloss, darüber, wie er seiner Frau die Anwesenheit des Jungen unter ihrem Dach  gut verkaufen könnte, noch in Ruhe nachzudenken. Serena besaß einen gesunden Sinn für alles, was die Macht der Furier mehrte, und ein zukünftiger Centurio würde einen guten Eindruck beim Kaiser machen. 

" Schreib!" befahl Saturninus, und Scaevus schabte mit seinem Griffel die Worte auf eine dreifach ausklappbare Tabula:

"Tiberius Furius Saturninus grüßt seine geliebte Gattin Furia Serena.
Mit unbändiger Freude und Erleichterung habe ich deinen Brief empfangen, der mir die frohe Botschaft deiner Genesung brachte. Ich habe sogleich den Gesundheit gewährenden Göttinnen Salus und Minerva gedankt, die meine täglichen Gebete erhört haben. Ihr Schutz soll dich auch auf dem Heimweg begleiten.
Da du nun vollends wiederhergestellt bist, befehle ich dir, dich beim ersten Aufleuchten des Frühsommers eiligst auf den Weg zu machen. Dein Platz und der unserer Kinder ist hier in Britannia, wo die älteren Geschwister bereits ungeduldig auf euch warten.
Mein Herz sehnt sich nach dir und unseren Kindern. Wie sehr brenne ich darauf, meinen Sohn Antias wieder zu sehen, den du als Säugling von mir fortgeführt hast und der nun gewiss zu einem stattlichen Knaben herangewachsen ist. Auch meine süßesten Töchter, die mir das Schicksal bei meinen Besuchen in Tusculum geschenkt hat, will ich endlich in die Arme schließen. Es ist nun an der Zeit, dass das Haus der Furier wieder unter einem Dach vereint wird.
Für deine Reise und dein gesamtes Gefolge habe ich dank meines Amtes die sicherste und schnellste Route über Gallien geordnet. Befolge meine Anweisungen genau:
Du wirst Tusculum mit den Kindern und deiner Entourage verlassen und dich nach Ostia begeben. Dort liegt das Schiff Neptunus Custos bereit. Vertraue dich ganz seinem Kapitän an, meinem Freigelassenen Furianus Barca. Er wird dich auf sicherem Kurs über das Mittelmeer bis nach Massilia in Südgallien bringen.
In Massilia endet die Seereise für die Neptunus Custos. Ich habe dir staatliche Reisepässe, die evectiones, zukommen lassen. Mit diesen stehen dir und den Kindern an jeder kaiserlichen Poststation frische Zugtiere und komfortable Wagen zur Verfügung. Ihr werdet Gallien von Süden nach Norden auf den sicheren Staatsstraßen durchqueren.
Am Oceanus angekommen, im Hafen von Portus Itius, werdet ihr den Ärmelkanal mit einem Schiff der Flotte überqueren. Die Überfahrt ist kurz und wird euch rasch nach Britannien bringen, von wo aus ihr direkt nach Londinium reist.
In Londinium angekommen, wirst du mit den Kindern im Hause der edlen Fabia Tertia einkehren, um dich von den Strapazen der Reise zu erholen. Sobald du dort Quartier bezogen hast, schicke mir sofort einen reitenden Boten nach Iscalis. Ich werde dir eine Eskorte entgegenschicken, die dich auf den verbleibenden neun Tagesreisen sicher zu unserer Villa geleitet.
Reise in Frieden und unter dem Schutz der Götter Roms, meine edle Gemahlin. Ich, Tiberius Furius Saturninus, erwarte dich in tiefer Sehnsucht und Liebe."

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Honoratior von Iscalis
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