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Absentia vulnerat, non necat.* - Druckversion

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Absentia vulnerat, non necat.* - Tiberius Furius Saturninus - 09-20-2026

[Bild: (Serena-und-Sati-Verlobung-(1).png]
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Der Regen Britanniens schlug gegen die Fensterspalten der Stadtvilla in Iscalis. Im goldenen Licht einer Öllampe saß Tiberius Furius Saturninus, Princeps Officii, Patrizier, Honoratior von Iscalis am Schreibtisch seines Tablinums.

Seine Gedanken flogen in den Süden, dorthin, wo seine Sehnsucht lag. Im fernen, sonnenverwöhnten Tusculum, auf dem alten Landgut im Stammland der Furier, weilte seine Ehefrau Furia Serena. Sie hatte sich im rauen, feuchten Klima Britanniens nach der Geburt ihres dritten Kindes, des kleinen Antias, nicht gut erholt. Saturninus hatte sie fortschicken müssen, um ihr Leben und ihre Gesundheit zu retten. Er hing mehr an Serena, als es üblich in seinen Kreisen  war, und während jeder Geburt  ihrer Kinder hatte er zur göttlichen  Iuno gefleht: Nimm sie mir nicht!
Furia Serena war eine Lucretia seiner Zeit, einer Zeit, in der sich die römischen Frauen seiner Ansicht nach zügellos emanzipierten – von erlesener Tugend, sanft, gütig und von vollkommenem Gehorsam. Auf dem Landgut webte sie mit eigenen Händen die Wolle für die Kleider der Familie. Doch in dieser makellosen Tugend lag ihre Macht über Saturninus: Serena begehrte ihn zumindest körperlich nicht. Sie war treu, begehrte auch keinen anderen Mann, das war es nicht. Aber sie schenkte sich ihm rein aus Pflichtgefühl und ehelicher Pietät. Weil sie nichts von ihm wollte, war Saturninus ihr gegenüber hilflos; er wartete auf jedes ihrer seltenen, süßen Worte.
Zweimal nur hatte er sie seither im fernen Italia besuchen können. Aus diesen bittersüßen Wiedersehen waren zwei kleine Töchter hervorgegangen, die nun bei der Mutter in Italien aufwuchsen: die ältere Silvana, benannt nach seiner Großmutter, und die jüngere Maximilla, die den Namen von Serenas Mutter trug.
(Dazu drückte ihn die Last des Geldes, denn Saturninus war ...hmm sparsam. Drei Töchter jedoch bedeuteten drei immense, standesgemäße dotes, die er aufbringen musste, um die Allianzen seines Hauses in Rom zu sichern. Das Vermögen schwand unter den Ansprüchen einer fernen Provinz und dem Hofstaat seiner Frau in Latium.)

Um den Hunger nach echter Leidenschaft zu stillen, hatte Saturninus Liebschaften. Er wählte sie mit kühlem Kalkül unter Plebejern, Freigelassenen, Sklaven oder Peregrini der Stadt –  schöne Gesichter , ein liebes Wesen, Männer wie Frauen. Manche hatten ein warmes Herz, und Saturninus hatte sie aufrichtig  gerne. Er sorgte für sie wie früher für Deirdre oder wie für den  jungen reizenden Medicus, der ihm die Einsamkeit versüsste, jener blonde Primus, seine aktuellste Flamme, klug und sehr gut aussehend. 
Saturninus redete sich ein, dass diese Liebschaften mithin ein Beweis seiner unerschütterlichen Loyalität zu seiner Ehefrau waren. Niemals hätte er eine Frau seines eigenen Standes berührt. Niemals eine Patrizierin. Das, so glaubte er fest, wäre der einzige echte Verrat an Serena gewesen. Indem er sich mit jenen umgab, die gesellschaftlich im Schatten standen, hielt er den Thron seiner Ehefrau unbefleckt.
In den Armen dieser Geliebten suchte er nach dem, was seine angebetete Serena ihm nicht gab: das brennende, ungezügelte Gefühl,als Mann begehrt zu werden. Für ein paar Stunden erkaufte er sich jene Illusion. Sein Unbehagen kettete ihn wiederum fester an Serena, den Leitstern seines Lebens. Sie sagte ihm stets, wie ein Patrizier zu sein hatte.
Er wusste nicht, ob er Serena damit kränkte. Wie sollte er auch? Ihre Ergebenheit war absolut; sie hätte ihn niemals kritisiert

Unter seinem Dach gab kein Hauskind, das ihm keine Sorgen bereitete, ausser den drei Kleinen natürlich, die bei ihrer Mutter in Tusculum waren., und die er kaum beziehungsweise gar nicht kannte. 

Seine älteste Tochter, gerade erst zwölf Jahre alt und an der Schwelle zur Heiratsfähigkeit, Furia Saturnina. Sie war ihm im Charakter ähnlicher als alle anderen: stolz, trotzig und ungezähmt. Aber für ein Mädchen waren das Charakterfehler, und er glaubte, er müsse ihren Willen brechen, um eine Matrona aus ihr zu machen. Serena hatte Saturnina immer so früh wie möglich verheiraten wollen.
Dannder neunjährige Erbsohn Carus, der unbegreiflich langsam im Lernen war. Wenn Saturninus ihn nach den Lektionen des gestrigen Tages fragte, starrte Carus nur verängstigt auf seine Wachstafel, unfähig, die Buchstaben vorzutragen. Saturninus’ unterdrückte Enttäuschung hing wie eine greifbare Last über dem Jungen, der seinen Vater liebte.
Und dann Victor. Den vierzehnjährigen vielversprechenden jungen Mann, den er mit seiner keltischen Freigelassenen gezeugt hatte, hatte Saturninus in sein Haus geholt. Victor sollte eine römische Erziehung erhalten. Er hielt sich für großzügig, verstand aber nicht recht, wie sehr er Victor in eine Welt drängte, in der er nie ganz dazugehören durfte. Seine Versuche, seine britannischen Wurzeln zu bewahren, hielt Saturninus für eine gefährliche Schwäche.

Vielleicht werden Antias, Silvana und Maximilla wohlgeratener sein, dachte Saturninus, an "wohlgeratener" im Sinne von "weniger anstrengend"  Die drei jüngeren Kinder wurden von Serena erzogen. Das konnte ihnen nur gut tun.

Saturninus blickte auf eine kleine Wachstafel, auf der er keine Amtsschriften, sondern feine, tiefe Rillen gezogen hatte. Jede Rille stand für einen Tag. Die Sehnsucht nach Serena überkam ihn mit einer Wucht, die ihm den Atem raubte. Er vermisste sie so unendlich – ihre sanfte Stimme, den Duft nach römischem Sommer, den sie verströmte, und die Ruhe, die sie in sein häusliches Leben brachte. Mit fester Hand setzte er einen neuen Strich in das Wachs. Er zählte die Tage, zählte sie unermüdlich und betete und opferte zu den Heilgöttern, dass ihre Gesundheit im fernen Latium endlich wieder so weit wiederhergestellt sein möge, dass sie eines Tages die beschwerliche Reise über das Meer und die Alpen auf sich nehmen konnte, um zu ihm nach Britannien zurückzukehren....






* latein: Abwesenheit verwundet, aber sie tötet nicht
** Bldnachweis: perchance org. ai image generator