*
In dem kleinen, aber mit schönen Wandgemälden geschmückten Biclinium befanden sich, wie der Name schon sagt, zwei Klinen. Das Speisezimmer war nicht für offizielle Abendessen gedacht, sondern bot einen eher intimen Rahmen zum Ausruhen, zum Vorlesen von Lektüre, einem vertraulichen Gespräch und sonstigen Aktivitäten, die die eine gewisse Privatheit angenehmer machte. Den Kindern war der Zutritt verboten.
(04-09-2026, 02:57 PM)Ronan schrieb: Es war erstaunlich, doch wirkte Furius Saturninus nicht im Ansatz so wütend, wie er es unter diesen Umständen beinahe erwartet hätte. Flavianus hatte ihn vor der Arroganz der Patrizier gewarnt und auch vor dessen Wut. Tatsächlich verengten seine Augen sich ein wenig, als der Furier seine Tochter als hysterisch darstellte. Er hatte womöglich nicht Unrecht, aber das Kind noch blamieren dabei? Immerhin wandte er sich wenigstens kurz an seinen Sohn, der förmlich nach der Aufmerksamkeit des Vaters zu lechzen schien.
"Es geht ihm soweit gut. Es war nur ein Spielunfall. Solche Dinge passieren." Vermutete er jedenfalls. Nicht, dass er in seiner Kindheit viel hatte spielen können... In Minenschächten wurde eher selten gelacht. Dennoch bekam er Mitleid mit dem Jungen. So waren die Römer eben. Nicht viel besser, selbst zu ihren eigenen Kindern. Als der Vater sich dann an ihn wandte bezüglich eines weiteren Problems nickte der junge Medicus bloß. Unter vier Augen. Sicher was mit der Potenz oder so. Wenn er in dieser Stadt mal herumerzählen würde, wie viele der patrizischen alten Säcke keinen mehr hochbekamen, ohohoho. Da wäre die Gerüchteküche aber am Brodeln.
"Schön, ich folge dir", sagte er bloß und nickte den beiden Kindern noch einmal freundlich zum Abschied zu. An Carus gewandt, sagte er außerdem noch: "Und sieh dich beim Spielen vor."
Er folgte dem Hausherrn hinaus und in einen anderen Raum. Na mal sehen, was jetzt kam. Er war auf alles gefasst. Meister Flavianus hatte Recht gehabt: Irgendwann überrascht einen nichts mehr.
"Das sehe ich genauso", nickte Saturninus, als Primus seinen Sohn ermahnte, künftig vorsichtiger zu sein. Es war typisch, dass Carus darauf hin nur grinste, aber nichts sagte. Der Junge hatte wirklich seine Zunge verschluckt. Lieber Himmel, warum konnte er sich nicht etwas
wohlerzogener benehmen?!
Der Medicus schien jedoch ein verständiger junger Mann zu sein. Er machte Saturninus wie gesagt neugierig. Warum hatte Pytheas ausgerechnet ihn als Lehrling ausgewählt? Einen Kelten oder Germanen, einen Barbaren gewiss, und die konnten, wie man allgemein wusste, weder lesen noch schreiben. Einen Moment dachte Saturninus sogar, dass der Junge vielleicht als Spitzel auf ihn angesetzt worden war. Aber dann ließ er die paranoiden Gedanken beiseite. Diejenigen, die seinem Vater hatten schaden wollen, waren vermutlich schon lange tot, und in Rom kannte ihn kein Mensch mehr...
Der Furius und sein Besucher betraten jetzt das Biclinium. Saturninus ließ Zeit, dass die geschmackvolle Einrichtung und der private Rahmen auf den jungen Medicus wirken konnten.
Saturninus wies einladend auf die beiden Klinen:
"Nimm bitte Platz, wo du möchtest!"
Sein Tonfall war sehr höflich. Normalerweise bat der Furier die niedrigen Stände um nichts; er befahl.
Der junge Sklave
Sebastos trat ein, verneigte sich und lächelte schüchtern.
"Mir einen Wein, vom Falerner", Saturninus zeigte mit der Hand das Mischverhältnis - viel Wein, weniger Wasser - an, und richtete dann seinen Blick auf den Gast:
"Und was darf es für dich sein, Meister Primus?"
Bisher war es Geplänkel, wie man das so tat mit Besuchern. Aber Saturninus konnte eine gewisse innere Unruhe nicht ablegen. Das Thema, welches er ansprechen wollte, war heikel.
"Ich hoffe doch, dass ich auf deine Verschwiegenheit zählen kann", spann er den Gesprächsfaden weiter, während er darauf wartete, dass Sebastos das Gewünschte brachte und rasch wieder verschwand.
Bildnachweis:
public domain