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[Thorianum A] - A II Praxis des Medicus Flav. Pytheas
08-19-2023, 03:56 PM,
Beitrag #50
RE: [Thorianum A] - A II Praxis des Medicus Flav. Pytheas
(08-17-2023, 09:20 PM)Ciaran schrieb: “Spitzwegerich, Schafgarbe, Frauenminze und Kamille. Denke ich“, meinte ich, als er mich fragte, was ich ihm dalassen würde, und legte den Kopf schief. Ich wusste nicht, was davon er kannte und wo das alles wuchs. Ich war nie südlicher als Nordgallien gewesen, auch wenn ich das für eine Verschwendung hielt. Wenn Cathbad wirklich die Römer vom Kopf abschneiden wollte, hätte er mich und Cinead nach Rom schicken sollen. Ich hätte schon einen Weg in den Palast gefunden, und von da an wäre es ein leichtes, alle umzubringen. Die Schwierigkeit wäre höchstens, dass ich mich nicht selbst mit vergiftete, aber das war höchstens eine kleine Unannehmlichkeit. Es wäre höchstens nervig, erst einmal ein paar Leben als Tier wiedergeboren zu werden, ehe ich mein Wissen vertiefen konnte.

Aber er verstand genausowenig wie die meisten, warum sein Peiniger sich an ihm ausgetobt hatte und eben nicht an einem Sklaven. “Es ist genauso wenig dasselbe, einen Sklaven oder einen anderen zu quälen, wie es dasselbe ist, ein Stallkaninchen zu schlachten oder einen Feldhasen zu jagen. Oder besser, einen Hirsch.“ Ich machte mir nicht die Mühe, den genauen Unterschied erklären zu wollen. Wer selbst nicht so empfand, wer selbst nicht so fühlte, konnte es nicht nachvollziehen. Für die sogenannten normalen Menschen war es unbegreiflich, dass es tatsächlich einen Unterschied machte, wen man tötete, und dass die Auswahl des Opfers nichts mit Zufall oder überwältigender Lust oder Zorn, Eifersucht oder niederen Instinkten zu tun hatte, sondern sorgfältig vorgenommen wurde und vor allen Dingen extrem schwierig war und Genauigkeit erforderte.
Und wahrscheinlich war meine Antwort auf die nächste Frage auch nicht das, was er erwartete. “Ich verlasse mich nicht auf Freiwillige, und erst recht nicht auf das, was sie sagen“, meinte ich mit schiefem Grinsen. Aber ja, es würde sich wohl kaum jemand freiwillig dafür melden, lebendig aufgeschnitten zu werden oder die Haut abgezogen zu bekommen. “Und diese Autoren, die meinen, dass man Dinge mit den Mitteln heilen kann, die die Krankheit auslösen, oder ähnlich sind, sind Idioten. Du würdest Fieber doch auch nicht damit heilen, den Fiebernden in einen heißen Raum zu stecken, oder jemandem, der sich den Magen mit schlechtem Essen verdorben hat, dafür nun schimmliges Brot geben. Wenn die Lösung so einfach wäre und direkt beim Problem zu finden wäre, bräuchte es keine Heiler, weil jeder Idiot früher oder später auf die Lösung käme.“
Ich war überzeugt davon, dass diese Bleikrankheit nicht mit einem anderen Metall einfach zu behandeln wäre, wobei ich dieses Scheinsilber noch nie so genau untersucht hatte. “Hast du denn die Personen, die an dieser Krankheit gestorben sind, untersucht? Ihre Organe?“ Die Römer hatten da aus irgendeinem Grund manchmal angst davor, Leichen aufzuschneiden und auseinander zu nehmen. Bei jedem Opfer betrachteten sie die Leber des Opfertieres sehr genau, um Krankheitsanzeichen zu finden, aber bei einem Menschen weigerten sie sich aus irgendwelchen Gründen. Wahrscheinlich, weil sie sie auch nicht opferten. Und ja: Uns nannten sie Barbaren!

Pytheas fragte auch, ob er es erlernen könnte, seinen Geist so zu gestalten. Ich zuckte als Antwort die Schultern. “Das wirst du wohl nur herausfinden, wenn du es versuchst“, meinte ich, denn in den Geist eines anderen zu schauen, vermochte ich trotz mannigfaltiger Bemühungen nicht.
Dann erzählte er doch noch etwas interessantes. Er war Sklave gewesen und hatte deshalb gelernt, sich bei Gefahr tot zu stellen. Ich kannte das von einigen Tieren, wenn die Situation ausweglos war, dass sie einfach so taten, als wären sie schon tot. Mäuse, Vögel… Aber Menschen schrien nach meiner Erfahrung nach eher, riefen um Hilfe, weinten, kratzten, jammerten, versuchten zu verhandeln, wo es nichts zu verhandeln gab. Ich legte wieder den Kopf schief und betrachtete Pytheas genau. “Ich experimentiere an mir selbst, wenn ich sicher bin, anders eine Antwort nicht zu erfahren. Aber nicht alles, was man anderen tut, kann man sich selbst tun. Oder könntest du dir mit deinem Bohrer selbst in den Kopf bohren?“ kam ich auf das Ding zurück, nach dem ich mich anfangs erkundigt hatte.

Pytheas setzte sich noch einmal langsam auf, und er hoffte, dass es diesmal keinen Blutsturz geben würde: "Du kennst dich in der Psyche von Menschen sehr gut aus, Heiler Pally.  Du meinst, nicht das Blut ist es, das den Verbrecher reizt sondern die Jagd an sich?
Die Kräuter, die du nennst, kenne ich auch. Welche hattest du eigentlich benutzt, um meinen Hirndruck zu mindern? 
Nein, natürlich kann ich mir nicht selbst in den Kopf bohren. Aber wenn ein Kollege das machen muss, sollte ich es zumindest ertragen - 
Die Autoren, die davon ausgehen, das Gleiches mit Gleichem geheilt wird, haben zuvor das Alltagsleben beobachtet: Beispielsweise verursacht eine Zwiebel Tränen und eine laufende Nase; Zwiebeln sind jedoch gut gegen Erkältung, die ähnliche Symptome hat und so weiter", er schaute nachdenklich drein:
"Die Bleikrankheit ist ein anderes Kaliber als mein Beispiel. Wenn sie nicht heilbar ist, so müsste man ihr eben vorbeugen, bevor sie ausbrechen kann. Nur dürfen alle Maßnahmen nur wenig oder am besten gar nichts kosten. Die Römer werden keine teure Ausstattung für Minensklaven bezahlen.

 Meine Ärzteschule arbeitet empirisch und gestattet keine Vivisektionen und kaum Autopsien. Es ist so, dass in der römischen Ärzteschaft ein Streit zwischen den sogenannten Theoretikern und den sogenannten Empirikern besteht. Theoretiker meinen, man müsse den Menschen präzise inwendig kennen, um zu heilen. Dagegen wenden die Empiriker ein, dass sich beim Öffnen die inneren Organe veränderten und dadurch die Befunde gar nicht verwertbar seien. Daher habe ich nur ein einziges Mal einen Toten aufgeschnitten. Das war noch in Rom. Und zum Vergleich hatte ich nur einen Schweinekadaver. 

Führt ihr keltischen Heiler denn Autopsien durch? Nach Vivisektionen frage ich nicht, die sind im ganzen Imperium mit Ausnahme von Alexandria verboten"


Er schaute Ciaran, mit dem er gerade mitten in einem Fachgespräch war, interessiert an. 
 Dann blickte er zur Tür. Wenn nur Louarn käme. Er wollte ihm etwas Wichtiges, was Atreus betraf, anvertrauen. Auch wenn der Medicus diesmal überlebt hatte, konnte es sein, dass der Tribun sein Vorhaben wiederholen und dann einfach mehr Glück haben würde. Und dann wäre jeder, der sich um seinen, Pytheas, Nachlass kümmern wollte, in großer Gefahr. 
Außerdem waren bestimmt Patienten da. Pytheas wollte sie nicht fortschicken. 

(08-19-2023, 01:38 PM)Louarn schrieb: “Ciaran ist ein guter Heiler“, erinnerte ich Calum noch einmal, bevor wir eintraten. Wahrscheinlich war er der beste Druide unter uns allen. Wenn er nur nicht diese komischen, beängstigenden Anwandlungen hätten, die ihn erschreckende Dinge tun ließen.

Und dann kam Louarn zurück. Er hatte Atreus dabei.
 Pytheas konnte es zunächst nicht glauben. Er dachte an ein Trugbild.  Danach kam die tiefe Freude, eine solch jähe Gefühlsregung, so dass Pytheas Augen aufleuchteten wie wenn die Sonne hinter Wolken hervortrat. Sein geliebter Freund war hier. 

"Wie...", wollte er Louarn fragen, wie er auf Atreus gestoßen war. Und er schaute zu dem jungen Römer: "Ich sehe schrecklich aus, aber mir geht es wieder gut, bitte sorge dich nicht", sagte er leise:
"Der Heiler Pally hat mir das Leben gerettet"
[Bild: 3_20_01_23_11_54_02.png]
Titus Caesar Vespasianus Augustus (NSC)
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Das Experiment - von Flavianus Pytheas - 03-19-2023, 12:12 AM
RE: [Thorianum A] - A II Praxis des Medicus Flav. Pytheas - von Flavianus Pytheas - 08-19-2023, 03:56 PM

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