Auch der dunkelste Brunnen spiegelt das Licht der Sterne.
Es herrschte emsige Geschäftigkeit im Inneren des *Aura Herbarum*, in dem Damaris an einem der Tische im hinteren Teil des Ladengeschäfts auf einem Hocker saß und gerade damit beschäftigt war, vereinzelte Tropfen eines Harzes in ein kleineres Gefäß umzufüllen. Während es ihrem Vater Menandros zufiel, die Kaufinteressenten zu bedienen. Viele, unterschiedliche Stimmen und Tonlagen prallten aufeinander. Währenddessen Menandros die Ruhe in Person war und einen jeden Kunden nach seinen Wünschen und Vorlieben bediente. Mal war es ein feines Duftwässerchen für die Dame. Dann wiederum ein Kräuterbusch für die Köchin des Hauses. All‘ diese Aktionen und Reaktionen fertigte der bereits ergraute Menandros mit einer Seelenruhe ab, die seinesgleichen wohl noch lange suchen wird. Nachdem der größtmögliche Ansturm vorüber war, wandte sich Menandros mit einem Lächeln an seine Tochter. “Damaris. Wärst du bitte so lieb und würdest mir etwas Wasser vom Brunnen holen?“ Zwar wusste der Ältere, dass es seiner Tochter schwer fiel mit ihrem verkürzten Bein längere Zeit zu laufen. Doch ebenso wusste Menandros, dass sich nicht weit ihres Geschäftes ein Brunnen befand. Somit musste sich seine Tochter nicht allzu sehr abmühen und quälen.
Mit einem Lächeln verschloss Damaris in diesem Moment die Amphore und reichte diese ihrem Vater. “Winzige Tropfen Glücks.“ Der Bärtige streichelte seiner Tochter über die Wange und nahm ihr die winzig kleine Amphore aus den Fingern. “Winzige Tropfen Glücks.“ Sprach’s, hielt die Amphore gen einer der Fackeln, um die güldene Färbung des Öls genauer betrachten zu können. “Das sind meine Glückstropfen.“ Erklärte Damaris mit einem entschiedenen Klang in ihrer Stimme und verbarg jene Phiole unter ihrer Tunika, die sie in der Hüfte mit einem Gürtel an Ort und Stelle hielt. “Ich beeile mich und bin gleich wieder zurück.“ Versicherte Damaris. Ihrem Vater gab sie einen sanften Kuss auf die Wange, bevor sie nach einem hölzernen Eimer griff. Ihre Finger der anderen Hand umklammerten den Griff ihres Gehstocks. Und im nächsten Moment verließ Damaris das *Aura Herbarum*.
Der Weg zum Brunnen war tatsächlich nicht weit, denn nicht unweit ihres Ladengeschäftes befand sich ein eben solcher. Schon von weitem konnte die junge Frau erkennen, wie sich einige Menschen um den Brunnen herum versammelt hatten und wohl darauf warteten, bis sie endlich an der Reihe waren, um Wasser aus den Tiefen des Brunnens heraus holen zu können. Artig reihte sich auch Damaris in die Reihe derjenigen ein, die darauf warteten sich Wasser aus dem Brunnen holen zu können. Schließlich war die junge Frau an der Reihe und hinkte an den Rand des Brunnens. Ihren Gehstock lehnte sie gegen die Brunneneinfassung. Ihren eigenen Eimer stellte sie an den Rand des Brunnen und ließ den hölzernen Eimer langsam in den Brunnenschacht hinab gleiten. Bis sie spürte wie der Eimer auf Widerstand traf und sie begann den nun gefüllten Eimer langsam empor zu ziehen. Das Seil schnitt dabei in ihre Hände und Damaris verzog kurzzeitig das Gesicht. Denn der Eimer war nun tatsächlich schwerer als gedacht. Und es gelang ihr nur mit einiger Mühe den Eimer über den Rand des Brunnens zu hieven. Dabei geriet sie leicht ins taumeln und musste sich am Brunnenrand abstützen, sonst wäre sie wohl gestürzt. Ungeduldig die Mienen der anderen Männer und Frauen, die sich ebenfalls am Brunnen Wasser holen wollten. Wieso brauchte das Mädchen denn nur so lange? “Ent..Entschuldigt.“ Gelang es Damaris über ihre Lippen hervor zu stoßen, nachdem sie es endlich geschafft hatte, den Eimer Wasser zu sich heran zu ziehen. Und dann beugte sich eine dunkelhaarige Gestalt über den Brunnen, so dass sich das Gesicht des offensichtlichen Römers in ihrem Eimer widerspiegelte und Damaris erschrocken die Luft einsog. Der Mann war verletzt. “Du bist verletzt.“ Wie geistreich Damaris. “Du brauchst einen Medicus. Oder einen Pharmacopolae.“ Kurzzeitig dachte sie dabei an ihren Vater. Ihr Vater könnte ihm bestimmt auch helfen.
-reserviert-
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