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04-15-2026, 06:16 PM,
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[Biclinium] Der Patrizier und der Medicus
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In dem kleinen, aber mit schönen Wandgemälden geschmückten Biclinium befanden sich, wie der Name schon sagt, zwei Klinen. Das Speisezimmer war nicht für offizielle Abendessen gedacht, sondern bot einen eher intimen Rahmen zum Ausruhen, zum Vorlesen von Lektüre, einem vertraulichen Gespräch und sonstigen Aktivitäten, die die eine gewisse Privatheit angenehmer machte. Den Kindern war der Zutritt verboten.
(04-09-2026, 02:57 PM)Ronan schrieb: Es war erstaunlich, doch wirkte Furius Saturninus nicht im Ansatz so wütend, wie er es unter diesen Umständen beinahe erwartet hätte. Flavianus hatte ihn vor der Arroganz der Patrizier gewarnt und auch vor dessen Wut. Tatsächlich verengten seine Augen sich ein wenig, als der Furier seine Tochter als hysterisch darstellte. Er hatte womöglich nicht Unrecht, aber das Kind noch blamieren dabei? Immerhin wandte er sich wenigstens kurz an seinen Sohn, der förmlich nach der Aufmerksamkeit des Vaters zu lechzen schien.
"Es geht ihm soweit gut. Es war nur ein Spielunfall. Solche Dinge passieren." Vermutete er jedenfalls. Nicht, dass er in seiner Kindheit viel hatte spielen können... In Minenschächten wurde eher selten gelacht. Dennoch bekam er Mitleid mit dem Jungen. So waren die Römer eben. Nicht viel besser, selbst zu ihren eigenen Kindern. Als der Vater sich dann an ihn wandte bezüglich eines weiteren Problems nickte der junge Medicus bloß. Unter vier Augen. Sicher was mit der Potenz oder so. Wenn er in dieser Stadt mal herumerzählen würde, wie viele der patrizischen alten Säcke keinen mehr hochbekamen, ohohoho. Da wäre die Gerüchteküche aber am Brodeln.
"Schön, ich folge dir", sagte er bloß und nickte den beiden Kindern noch einmal freundlich zum Abschied zu. An Carus gewandt, sagte er außerdem noch: "Und sieh dich beim Spielen vor."
Er folgte dem Hausherrn hinaus und in einen anderen Raum. Na mal sehen, was jetzt kam. Er war auf alles gefasst. Meister Flavianus hatte Recht gehabt: Irgendwann überrascht einen nichts mehr.
"Das sehe ich genauso", nickte Saturninus, als Primus seinen Sohn ermahnte, künftig vorsichtiger zu sein. Es war typisch, dass Carus darauf hin nur grinste, aber nichts sagte. Der Junge hatte wirklich seine Zunge verschluckt. Lieber Himmel, warum konnte er sich nicht etwas wohlerzogener benehmen?!
Der Medicus schien jedoch ein verständiger junger Mann zu sein. Er machte Saturninus wie gesagt neugierig. Warum hatte Pytheas ausgerechnet ihn als Lehrling ausgewählt? Einen Kelten oder Germanen, einen Barbaren gewiss, und die konnten, wie man allgemein wusste, weder lesen noch schreiben. Einen Moment dachte Saturninus sogar, dass der Junge vielleicht als Spitzel auf ihn angesetzt worden war. Aber dann ließ er die paranoiden Gedanken beiseite. Diejenigen, die seinem Vater hatten schaden wollen, waren vermutlich schon lange tot, und in Rom kannte ihn kein Mensch mehr...
Der Furius und sein Besucher betraten jetzt das Biclinium. Saturninus ließ Zeit, dass die geschmackvolle Einrichtung und der private Rahmen auf den jungen Medicus wirken konnten.
Saturninus wies einladend auf die beiden Klinen: "Nimm bitte Platz, wo du möchtest!"
Sein Tonfall war sehr höflich. Normalerweise bat der Furier die niedrigen Stände um nichts; er befahl.
Der junge Sklave Sebastos trat ein, verneigte sich und lächelte schüchtern.
"Mir einen Wein, vom Falerner", Saturninus zeigte mit der Hand das Mischverhältnis - viel Wein, weniger Wasser - an, und richtete dann seinen Blick auf den Gast:
"Und was darf es für dich sein, Meister Primus?"
Bisher war es Geplänkel, wie man das so tat mit Besuchern. Aber Saturninus konnte eine gewisse innere Unruhe nicht ablegen. Das Thema, welches er ansprechen wollte, war heikel.
"Ich hoffe doch, dass ich auf deine Verschwiegenheit zählen kann", spann er den Gesprächsfaden weiter, während er darauf wartete, dass Sebastos das Gewünschte brachte und rasch wieder verschwand.
Bildnachweis: public domain
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04-15-2026, 07:22 PM,
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Ronan
"Primus"

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Registriert seit: Jul 2025
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RE: [Biclinium] Der Patrizier und der Medicus
Ronan betrachtete das Haus, während ihn der Patrizier in ein zweites Zimmer führte, weg von den Kindern und Ammen. Scheinbar sollten die Kleinen es nicht mitbekommen. Das Haus fand Ronan ziemlich hübsch. Er kannte ja bloß die Praxis. Er hatte es sich dort nett gemacht, doch den Geruch von Medizin bekam man eben nicht so leicht raus. Zu Beginn hatte er eine ziemliche Unordnung in seinem Zimmer gehalten, bloß weil er es konnte. Sich ausgebreitet, zum ersten Mal im Leben. Inzwischen war er etwas zurückgefahren und war nicht mehr rebellisch, bloß um rebellisch zu sein. Flavianus war ein geduldiger und guter Lehrer gewesen, in mehr als einer Hinsicht.
Und doch war er nicht Flavianus. Er konnte sich durchaus für hübsche große Häuser, Luxus und Wein begeistern, wenngleich er natürlich von allem nicht besonders viel bekam. Sein Meister kam ihm manchmal vor wie ein Eremit.
Nun folgte der Blonde ins Biclinium des Hauses. Es war hell, Wandgemälde schmückten es, die Clinen waren sauber.
Ronan hatte in den letzten Jahren zwar weniger Hass für die Römer übrig als zuvor, doch manche ihrer Bräuche fand er noch immer furchtbar. Er fand es lästig, beim Lesen, essen oder reden auf der Seite zu liegen. Stühle fand er weitaus praktischer, doch diese hatten die Römer Frauen vorbehalten. Dieses Volk war völlig bescheuert.
"Danke", sagte er höflich und nahm die Cline gleich rechts von dem Patrizier, auf die er sich erst setzte und dann vorsichtig auf die Seite niederließ. Dem hinzugekommenen Jungen nickte er dankbar zu.
"Ich nehme dasselbe", lautete die Antwort. Flavianus hätte - aus nachvollziehbaren Gründen - auf den Wein verzichtet, doch Ronan hatte nichts dagegen und nahm einen Becher entgegen. Dem Geruch nach war die Mischung weinlastiger als üblich. Immer noch verwässert allerdings...
"Ich danke dir", sagte er freundlich zu dem Sklavenjungen, der sich entfernte, ehe er sich dem Gastgeber zuwandte, der bereits das Gespräch weitersponn. Um Verschwiegenheit bat.
Ein Lächeln breitete sich auf dem hübschen Gesicht des Blonden aus, ehe er einen Schluck nahm.
"Natürlich. Die Geheimnisse oder Gebrechen meiner Patienten herumzutratschen, wäre sicher nicht gut fürs Geschäft. Dein Geheimnis ist sicher bei mir. Also, was ist es? Was kann ich für dich tun?"
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04-23-2026, 02:56 PM,
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RE: [Biclinium] Der Patrizier und der Medicus
Saturninus lächelte, als Primus seinen Wein in der gleichen Mischung bestellte wie er selbst. Wenigstens ist er nicht so pedantisch wie sein Lehrmeister, dachte er. Pytheas hätte mich ermahnt, dass das nicht gesund sei.
Er schickte Sebastos fort; was der Furius jetzt bereden wollte, nachdem ihm der junge Medicus seine Vertrauenswürdigkeit zugesichert hatte, war nicht für Sklavenohren bestimmt.
"Den Göttern zur Ehre" , vergoss er einige Tropfen auf dem Boden, dann hob er den Becher:
"Und auf dein Wohl, Meister Primus. Ich danke dir für dein Kommen. Ich hoffe, dass du nicht schlecht von meiner ältesten Tochter denkst. Sie hat sich sehr erschrocken, als sie sah, dass ihr Bruder verletzt war...."
Das war bestimmt nicht die Wahrheit. Saturnina würde, soweit Saturninus seine Tochter kannte, sich niemals erschrecken, wenn Carus etwas zustieß. Sie fragte auch nie nach Antias, dem kleinsten Bruder, den Serena mitgenommen hatte. Sie liebte keinen von beiden sonderlich. Als sie jünger gewesen war, hatte sie eine Vorliebe für Victor gehabt. Doch mittlerweile schienen die Halbgeschwister - aus welchen Gründen auch immer - entfremdet:
"...und daher eigenmächtig gehandelt. Ihr fehlt die fürsorgliche Hand der Mutter. Meine Frau ist leidend und verträgt das raue Klima Britanniens nicht Nun hat sie mich mit meinen drei ältesten Kindern alleine gelassen. Auch mir fehlt sie sehr" , es war selten, dass Saturninus über seine Einsamkeit sprach. Trotz seiner vielen Liebschaften war Serena seine große Liebe geblieben. Auch sie liebte und ehrte ihn, aber er hatte nie den Eindruck gehabt, dass sie das körperliche Zusammensein mit ihm genoss. Das hatte ihn, Saturninus, eigentümlicherweise noch enger an sie gebunden. Er hatte aber nie darüber nachgedacht, ob er seine Frau mit seinen vielen weiblichen und männlichen Geliebten nicht doch kränkte.
"Aulus Furius Carus, der hingefallen ist - er hatte mit seinem großen Bruder Victor gespielt - ist mein Erbsohn. Er ist ein großes, gutgewachsenes Kind. Die Götter haben ihn vor Krankeiten verschont. Aber dennoch - Was hast du für einen Eindruck von ihm, Meister Primus?"
Die letzte Frage kam schnell, allzu schnell.
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04-23-2026, 07:08 PM,
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Ronan
"Primus"

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Beiträge: 23
Themen: 2
Registriert seit: Jul 2025
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RE: [Biclinium] Der Patrizier und der Medicus
Ronan blieb gespannt, wenn auch argwöhnisch. Immerhin lag er im Haus eines Patriziers. Und die waren bekanntlich tückisch. Allerdings sorgten sie auch für seinen Lebensunterhalt. Ein zweischneidiges Schwert also. Er beobachtete, wie sein Gastgeber den Wein verschüttete, tat es ihm jedoch nicht gleich. Erst als Saturninus den Becher hob, folgte der seine in einer Geste des Respekts, bevor er einen Schluck nahm.
"Sie meinte es sicher gut. Sie ist... zauberhaft." Ein kleines Monster. In einem Anflug von verspieltem Witz fügte er noch hinzu: "Die Rechnung musst du leider trotzdem zahlen."
Das kleine Mädchen war wirklich ziemlich herrisch für ihr Alter. Da fehlte eindeutig die Mutter. Apropos, jene weilte im fernen Süden, gemeinsam mit einem oder mehreren jüngeren Kindern, wie es sich anhörte. Er dachte kurz darüber nach, wie er das fände. Der Mann, nicht unattraktiv und im besten Alter, musste wahnsinnig werden ohne seine Frau. Doch wie man hörte, waren alle Patrizier untreue Tomaten, also würde er sich wohl zu helfen wissen.
"Ich hoffe, deiner Frau geht es bald besser. Mit drei Kindern allein ist es nicht einfach - auch, wenn du eine Menge Hilfe haben musst, mit all deinen Sklaven und Dienern. Doch ich verstehe natürlich, wenn deine Frau dir fehlt. Ich schätze, mir würde es ebenso gehen. Doch ich bin nicht verheiratet und kann mir anders behelfen."
Ein Schulterzucken, begleitet von einem verhaltenen Lächeln, zeugte vom Humor des jungen Kelten, der darüber nachdachte, was Furius mit der Frage wohl gemeint haben mochte.
"Mein Eindruck von ihm? Nun, er wirkt auf mich vollkommen gesund. Die Verletzung ist wirklich nur eine kleine. Sie wird von selbst heilen. Es wird nicht einmal eine Narbe bleiben. Er ist ein einnehmender Junge von freundlichem Gemüt, wie es scheint."
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04-27-2026, 02:11 PM,
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RE: [Biclinium] Der Patrizier und der Medicus
Saturninus Lächeln kehrte einen Moment lang zurück. Saturnina war wirklich zauberhaft, und als sie klein gewesen war, hatte er sie nach Strich und Faden verwöhnt. Sie war auch dasjenige seiner Kinder, die ihm an Temperament am nächsten kam. Aber Launen gehörten sich nicht für ein junges Mädchen, das bald verheiratet werden sollte.
Die Freimütigkeit des Primus gefiel ihm.
"Auch ich weiß mir zu helfen", sagte er amüsiert, während sein dunkler Blick eine Spur zu lange auf dem ansehnlichen Medicus ruhte:
"Wir Römer wählen unsere Frauen jedoch nicht wegen Sex aus. Wir brauchen eine Mater Familias, eine Herrin, die die Hausgewalt in ihren Händen hält und die gute Ratschläge gibt. Wir sind uns nicht zu stolz, auf den Ratschlag einer guten Ehefrau zu hören"
Dann wurde Saturninus ernst, nämlich dann als es um Carus ging. Einen einnehmenden Jungen von freundlichem Gemüt, nannte der Medicus ihn.
Der Furius runzelte die Stirn: "Du willst mir nicht zu nahe treten, nicht wahr, Meister Primus? Einnehmend und freundlich zu sein mag stimmen, doch es genügt nicht für einen Furier. Carus ist unglaublich langsam für sein Alter. Er war schon immer langsam und sehr träge. Ich dachte erst, dass es an seiner Amme läge, der dicken Phaedra. Doch das ist es nicht. Carus strengt sich an. Er scheint erste Erfolge im Lesen zu haben, sagt Victor, das ist mein Ältester...."
In Iscalis war allgemein bekannt, dass Victors Mutter die hübsche Keltin Furiana Deirdre war, und dass er deshalb nicht das furische Erbe antreten konnte. Saturninus wusste allerdings nicht, wie weit Primus in den Kleinstadtklatsch involviert war:
"Nun, nicht jeder Junge taugt zum Gelehrten. Ich dachte also, dass ihm mehr an Sport liegen könnte. Aber er kommt auf kein Pferd hoch, und wenn wir Ball spielen, so fängt er keinen einzigen. Sogar Saturnina kann viel schneller laufen als er und Bälle zurückschlagen. Carus ist langsam an Geist und Körper, und ich möchte dich ganz im Vertrauen fragen, ob die Heilkunst hier etwas ändern könnte. Man ist doch schon so weit heutzutage mit der Medizin"
Saturninus schwieg. Nun war es ausgesprochen, was er sonst jedem verbot hier im Haus auszusprechen.
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