RE: Ein kleiner Lichtblick am Horizont...
Ich hatte von Róis' Zustand gehört, so wie ich alles hörte, was in Cheddar geschah. Die Menschen nannten mich die ‚alte Gwrach‘. Kein besonders schmeichelhafter Name. Doch er drückte genau die Furcht der Menschen vor mir aus, die sie meinen Namen hinter vorgehaltenen Händen flüstern ließ, als wüsste ich nicht längst, wie sie über mich dachten. Sie fürchteten mich, so wie Kinder den Schatten im Wald fürchteten – unbegreiflich und doch vertraut. Aber wenn die Not kam, dann klopften sie an meine Tür, baten mit flehenden Augen um Kräuter und Zaubersprüche. Heute klopfte niemand, doch ich wusste, dass Róis Hilfe brauchte. Also ging ich.
Ihre Familie gehörte auch zu jenen, die ihre Heimat verlassen mussten und in Cheddar eine Zuflucht gefunden hatten. Unglücklicherweise hatte ihnen das Schicksal bisher übel mitgespielt. Nicht nur der Tod ihres Sohnes, auch der zweifelhafte Umgang ihres Mannes, der seine Familie im Stich ließ, statt einer ordentlichen Arbeit nachzugehen, um ihr zu helfen, lastete schwer auf Roís und ihrer Tochter Síofra.
Mit meinem Korb voller Kräuter und meinem Stock in der Hand machte ich mich auf den Weg zur Hütte. Als ich dort ankam, war alles still. Kein Lachen, kein Singen, nichts, was ich einst aus diesem Haus kannte. Ich trat ein, ohne zu klopfen – wozu auch? Meine Ankunft war genauso selbstverständlich wie die Dunkelheit nach Sonnenuntergang. Drinnen empfing mich die stickige Luft einer Krankenstube. Der Raum roch nach Schweiß, Kräutern und Verzweiflung. Róis lag auf ihrem Lager, kaum mehr als ein Schatten ihrer selbst. Ihre Haut war fahl, ihre Augen halb geschlossen, und ihre Atmung flach. Es war ein schlimmer Anblick, selbst für jemanden wie mich, der an das Leid der Menschen gewöhnt war.
"Síofra," murmelte ich. Sie war nicht da. Wahrscheinlich war sie bei den Schafen und Ziegen, wie immer, um das Wenige zu retten, was diese Familie noch hatte. Ich schüttelte den Kopf. "Armes Kind," flüsterte ich, während ich meinen Korb abstellte und mich neben Róis niederließ. Meine Hand legte ich auf ihre Stirn. Sie war glühend heiß. "Du hast nicht mehr viel Zeit, meine Liebe," sagte ich leise, "Aber ich werde nicht zulassen, dass du jetzt gehst. Nicht so."
Ich wusste, dass keine gewöhnlichen Kräuter dieses Fieber brechen würden. Es brauchte mehr.
Ich machte mich daran, das Feuer neu zu entfachen, das fast erloschen war. Die Flammen leckten bald wieder hungrig an den Scheiten. Dann holte ich einen Topf hervor. Während ich Wasser einfüllte, suchte ich in meinem Korb nach den richtigen Kräutern. Beifuß, um die Hitze aus ihrem Körper zu treiben, Schafgarbe, um die Schmerzen zu lindern, und Engelwurz, die die Lebenskraft zurückholen würde, wenn sie denn wollte. Während der Sud köchelte, murmelte ich die alten Worte, die ich einst auf Mona gelernt hatte. Worte, die nicht nur die Kraft der Kräuter entfalteten, sondern auch den Geist und den Lebenswillen stärkten.
Als der Sud fertig war, füllte ich ihn in einen Becher und setzte mich wieder zu Róis. "Trink," sagte ich, während ich ihren Kopf stützte. "Ich weiß, es ist schwer, aber du musst. Deine Tochter braucht dich." Langsam und widerwillig schluckte sie. Nicht viel, aber vorerst genug. Ich legte sie wieder zurück auf das Lager, strich ihr eine Strähne aus dem Gesicht. "Du wirst nicht so leicht davonkommen, meine Liebe," murmelte ich. "Noch nicht."
Ich blieb, bis ihr Atem ruhiger wurde, dann stand ich auf. Mein Blick wanderte durch die Hütte, die nach Arbeit schrie. Es war ein Ort, den nur die Hände einer verzweifelten Tochter zusammenhielten. Siofra war stark. Stärker, als ein Mädchen in ihrem Alter sein sollte. Aber selbst Stärke hatte ihre Grenzen.
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