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Reise nach Norden - Eine Braut auf dem Weg
Gestern, 11:21 AM,
Beitrag #41
RE: Reise nach Norden - Eine Braut auf dem Weg
Es war selten, dass Fintan etwas nicht wusste. Auch, wenn keiner ihm berichtete, schien er immer Informationen zu haben. Er behauptete als Kind immer steif und fest, die Vögel und den Wind zu verstehen - wie Cathbad. Doch von dem, was Alun getan hatte, wusste er nichts. Hätte er es, hätte dies etwas geändert? Auch ohne diese Erfahrung blieb seinem Bruder noch genügend Schmerz - wie ihnen allen.
"Glaubst du, dass wir wieder zusammen sind?", wollte er wissen. "Manchmal frage ich mich, ob Cal Recht hatte... Cathbad will nicht, dass wir leben... Warum sollten die Götter wollen, dass wir in die jenseitige Welt kommen?" Es hatte für Fintan stets festgestanden, dass ihre Lebenszeit auf Erden dadurch bemessen war, wie lange sie für ihre Aufgabe brauchten. Oder wie lang es dauerte, bis sie dabei draufgingen. Wenn es nach Cathbad ging, würde es für sie kein Nachleben geben, ganz gleich welchen Glaubens. Kein Wandeln in den Hainen der Anderswelt, den Weiten der Unterwelt oder in den Gefilden der Binsen - oder was dort draußen noch so existieren mochte. Der Druide hatte es geschafft, all seinen Hass für die Römer auf die sieben Jungen unter seinem Fittich zu übertragen. Fintan fand den Gedanken nicht abwegig, dass der Alte für ihren Fall in das ewige Vergessen betete. Sie würden ihre Mütter selbst im Tod nicht wiedersehen. Aber wenn dem so war... dann ja vielleicht Dunduvan? Auf dass sie zu siebt gemeinsam durch die Leere fallen konnten.
Vielleicht war es falsch, so zu denken. Doch bei Calum war er sich nicht sicher. Dessen Mutter wollte ihn selbst im Tod vermutlich nicht mehr sehen. Ob Alun das wusste?

"Entschuldige", murmelte er. "Ich sollte sowas nicht sagen... Mann... Dabei sollte ich doch euch trösten... Tut mir leid."
Beschämt wandte er den Blick ab und sah hinaus in die Nacht. Diese war inzwischen undurchdringlich. Zu regnen hatte es auch wieder begonnen, wenn auch nicht so stark wie zuvor.
"Willst du zurück? Ich... Ich mache dir auch gern Platz. Heu haben wir genug", sagte er und rutschte ein Stück, damit sie, wenn Alun wollte, beide bequem liegen konnte. "Müssen wirklich langsam schlafen. Lou peitscht uns morgen sicher wieder den ganzen Tag... So viel zum Badehaus. Wenn wir die Römer vertrieben haben... also, das warme Wasser werde ich schon vermissen."
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Falke
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Gestern, 02:31 PM,
Beitrag #42
RE: Reise nach Norden - Eine Braut auf dem Weg
Unser Zwischenstopp in der römischen Siedlung war einerseits bequem und es tat vor allem meiner Kehrseite gut, aber gern hielt ich mich dort nicht auf. Einerseits ging mir das Einsiedlerleben im Wald auf den Geist, aber bei den Römern wollte ich auch nicht herumgammeln. Auch wenn Ciaran und ich eher römisches als keltisches Aussehen geerbt hatten, konnte man bei unserem Aufzug und wie wir unser Haar trugen ganz klar sehen, dass wir uns als Kelten sahen. 

Als der neue Tag anbrach, beschloss ich nicht auf den kleinen Markt mit seinen drei oder vier Ständen zu gehen, sondern runter zum Fluss. Es war ein angenehmer Sommertag und ich nahm meinen Ledereimer mit um ein paar Flusskrebse aufzulesen bevor ich mich in den Fluss werfen konnte. Ich summte gemütlich vor mich hin, während ich die kleinen Krebse auflas und sie in den Eimer warf und diesen zwischen den Steinen am Ufer abstellte und mich dann auch aus meinen Klamotten schälte. 

Ich löste noch die Lederbänder, die mein mittlerweile fast schulterlanges Haar zusammenhielten und schnürte damit das Kleiderbündel zusammen und legte es hinter ein paar Steine neben meinen Eimer mit den Krebsen. Nicht dass hier irgendwo Bälger rumstreiften, die dachten, dass sie sich bei Reisenden einen Spaß erlauben konnten, die bald weiterzogen. Nicht dass ich mich meiner Nacktheit schämte - aber nachts war es dann doch schon ein wenig kühl, vor allem draußen. 

Kurz blickte ich links und rechts und dachte, dass noch jemand am Baden war ein Stück weiter oberhalb am Fluss, aber wirklich jucken tat es mich nicht. Ich ließ mich in das kühle Nass sinken und sah entspannt den Fischen dabei zu, wie diese auseinanderstoben und sich hastig davonmachten. Ich ließ mich ein wenig im Wasser treiben, wo es flach war und so gut wie keine Strömung herrschte. Was gab es Besseres als kühles Wasser und warme Sonne, die sich mittlerweile breit machte.
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Falke
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Vor 11 Stunden,
Beitrag #43
RE: Reise nach Norden - Eine Braut auf dem Weg
Alle stieben sie auseinander wie Kühe auf einer Weide. So wirklich verdenken konnte und wollte ich es ihnen nicht, denn das hier war das erste Mal ein klein wenig Zivilisation und Pause seit zwei Wochen, und vermutlich würde es auch der einzige solche Halt für zwei Wochen bleiben. Wir hatten die Pferde im Stall unterstellen dürfen, unsere Habseligkeiten in einem Lager unterstellen und Stroh in der Herberge bekommen, also konnte jetzt quasi jeder tun, was er wollte, und das war offensichtlich weit weg von mir.
“Falls irgendwer Hilfe braucht, weckt mich“, sagte ich nur und ging zu der Herberge. Es war gerade einmal früher Nachmittag, also viel zu früh, um zu schlafen, und eigentlich sollte ich besser auch baden, essen und ein paar Annehmlichkeiten genießen, aber ich war zu müde. Zu müde von der vielen Verantwortung auf meinen Schultern, von der Wachsamkeit, zu müde von den vorwurfsvollen Blicken und dem Gejammere und Gestöhne, und definitiv viel zu müde von Fintans ständigen Störungen und Versuchen, mir meine Aufgabe noch so viel schwerer zu machen, als sie sowieso schon war. Als ob ich mir ausgesucht hätte, das hier zu machen. Als ob ich mir ausgesucht hätte, sie alle nach Norden zu geleiten und für ihre Sicherheit zu sorgen. Als ob ich nicht auch gerade mal nicht ganz 19 Jahre alt war. Aber natürlich nahm niemand darauf Rücksicht. Natürlich behandelten mich alle, als wär ich ihr Feind und würde nur den ganzen Spaß verderben. Natürlich wollten daher jetzt alle weg von mir.

Ich ging in die Herberge und ließ mich an einer Wand hinunter und lehnte mit dem Rücken einfach dagegen und schloss die Augen. Ich sollte etwas essen, das war mir klar. Ich hatte ganz sicher schon abgenommen, meine Hose saß lockerer als sonst und die Muskeln an meinem Arm traten ein winziges bisschen zu deutlich unter der haut hervor. Und irgendwo hier in der Nähe kochte auch jemand etwas, das Fleisch und Zwiebeln enthielt und sicher weit besser schmeckte als alles, was wir in den letzten zwei Wochen gegessen hatten. Aber trotzdem konnte ich mich nicht aufraffen, jetzt aufzustehen und danach zu suchen.
Ich schaffte es gerade so, den Mantel auszuziehen und mir über die Beine zu legen, damit er ein wenig trocknete, auch wenn mir darunter dann kälter wäre, als wenn ich das Ding einfach weglegen würde. Aber Diebe waren hier genauso schnell wie überall anders auch. Also blieb er bei mir, so dass ich seinen Verlust gleich merken würde.

Und lehnte da an der Wand, mit geschlossenen Augen und auf der Suche nach Ruhe vor all den Gedanken in meinem Kopf. Vor der weiteren Reiseplanung, und vor der Frage, ob wir Vorräte bekommen würden, die ausreichend wären. Ich wollte mir keine Gedanken machen müssen über die weiteren Gefahren. Über Römer, über Räuber, über die Stämme hier. Über Hochwasser an den Flüssen, weil es doch recht ausgiebig regnete und wo wir die Flüsse vor uns überqueren könnten. Über Gebirge und Felsrutsche und Wolfsrudel und Bären. Über die Gesundheit der anderen, ihren Schlaf, Verletzungen, Erschöpfung. Ihre verdammten Hintern und deren Belastbarkeitsgrenze. Darüber, wie Fintan mir das alles am nächsten Tag noch so viel schwerer machen würde, als es ohne ihn sowieso schon wäre. Ich wollte einfach nur einmal wieder Ruhe in meinem Kopf.

Und ich wollte nicht über die anderen Dinge nachdenken. Beltane war vorbei, und nicht, dass ich daran hätte teilnehmen wollen, hatte ich doch an das letzte Jahr denken müssen. An Dunduvan und Niamh, wie sie das Lager geteilt hatten. Jetzt waren beide weg. Dunduvan war tot, und Niamh… nun, sie war die Art Mädchen, die wohl nicht lange allein blieben. Bestimmt hatte sie dieses Beltane schon bei einem anderen gelegen und mich vergessen. Weil sie mich angelogen hatte, das war mir inzwischen klar. Oh, nicht absichtlich oder böswillig, aber doch hatte sie gelogen.
Sie hatte behauptet, dass einfach nur ich ihr genug wäre. Einfach nur bei mir zu sein. Dass sie mich liebte. Aber das stimmte nicht. Es stimmte bei ihr so wenig wie bei allen anderen. Sie hatte nie mich geliebt, nie mich gewollt. Sie hatte das Bild geliebt, das sie von unserer Zukunft hatte, und sie hatte mich gebraucht, aber das war etwas vollkommen anderes, als jemanden wirklich zu lieben. Sie wollte ein einfaches, glückliches, fröhliches Leben voller feste, Gesang und einer Familie. Keine Sorgen. Keine Geheimnisse. Verdenken konnte ich ihr das nicht, das wollten viele Leute. Aber das war einfach nicht ich, das war nicht das, was es gab, wenn man mit mir zusammen war. Und daher hatte sie immer weiter gesucht nach dem, was sie brauchte und wollte, so lange, bis sie das, was wir hatten, zerrissen und zerstört hatte und sie mir die Schuld daran dann geben konnte. Ich verstand das jetzt, ich hatte es eigentlich immer gewusst, hatte es besser gewusst. Und trotzdem hatte ich mich darauf eingelassen und darauf, dass es mir wieder weh tun würde. Wie immer.
Doch obwohl ich das alles wusste, hieß das nicht, dass es weniger weh tat. Obwohl ich wusste, dass es nie anders hätte sein können, hieß das nicht, dass ich nicht die Momente vermissen konnte, in denen auch ich beinahe geglaubt hatte, dass ich glücklich sein könnte. Dass ich gut genug wäre. Dass sie wirklich mich sehen würde, und nicht nur einfach einen Retter suchte.
Und scheiße, ja, ich vermisste auch den Sex. Ich war ein nicht ganz 19 Jahre alter Kerl, und es half ganz sicher nicht, tagelang von Fintan zu hören, wen er wie und wo gevögelt hatte oder noch vögeln wollte, so wie er jetzt auch wieder genau deshalb losgezogen war, für bedeutungslosen Sex, für den er keinerlei Verantwortung übernehmen würde wie eben bei allem anderen auch.

Nein, Verantwortung hatte immer nur ich, mein ganzes Leben lang und jetzt noch viel mehr. Ob es mich erdrückte, ob ich es kaum mehr ertragen konnte, ob ich einfach nur einmal auch ausruhen wollte. Alles egal.
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Falke
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