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Ravens Geschichte
Vor 3 Stunden,
Beitrag #1
Ravens Geschichte
[Bild: Raven-als-Priesterin.png]

Einige Jahre waren vergangen, seit Raven an der Quelle der heiligen Brigid ihre Weihe empfangen und die Botschaft der Großen Mutter überbracht hatte.
Eigentlich hätte sie danach gemeinsam mit Rhiana weiterziehen sollen. Doch in der Nacht vor ihrer geplanten Abreise war Cathbad zu ihr gekommen. Er hatte ihr eröffnet, dass ein anderer Weg für sie bestimmt sei. Welcher das sein würde, hatte er ihr nicht gesagt. Nur so viel, dass sie ihrer Bestimmung vertrauen müsse.
So kehrte Raven zu ihren Schwestern in den Weißen Turm zurück.
 
Die erste Zeit fiel ihr nicht leicht. Noch immer begegneten ihr viele mit Misstrauen, denn Raven war anders. Ihre Herkunft, ihre Erfahrungen und nicht zuletzt das Leben, das sie einst als Falke geführt hatte, machten sie zu einer Fremden unter jenen, mit denen sie nun leben sollte. Sie spürte die Zurückhaltung ihrer Schwestern, auch wenn nur wenige offen darüber sprachen.
Doch es waren vor allem ihre Träume, die ihr keine Ruhe ließen.
 
Immer wieder sah sie ihre Brüder vor sich oder den Fuchs, der ihr so vertraut geworden war. Die Bilder waren lebendig, manchmal erschreckend deutlich, und doch ergab ihr Sinn nach dem Erwachen kaum einen Zusammenhang. Es waren Erinnerungen, Begegnungen oder vielleicht Botschaften. Raven wusste es nicht.
Bis zu jener trüben Herbstnacht.
 
Sie erwachte mit einem gellenden Schrei. Ihr Gesicht war nass von Tränen, ihr Atem ging stoßweise, und ihr ganzer Körper zitterte. Ihre Schwestern eilten herbei, doch kaum jemand vermochte sie zu beruhigen. Raven klammerte sich an die Decken und brachte zwischen Schluchzern immer wieder dieselben Worte hervor.
„Der Drache ... der Drache!“
Ihre Stimme brach, und sie weinte so heftig, dass sie kaum noch Luft bekam. Die Schwestern versuchten, sie zu halten und zu trösten, doch Raven schien noch immer halb in jener anderen Welt gefangen zu sein. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit gelang es ihnen, sie zu beruhigen. Erschöpft und mit ihrer Hilfe fand sie schließlich wieder in den Schlaf.
Doch auch dort ließ sie das Erlebte nicht los.
Es war, als wäre sie selbst an jenem Ort gewesen. Sie sah das blaue Feuer, roch den aufgewirbelten Staub und spürte die alles verzehrende Hitze auf ihrer Haut. Dann durchschnitt ein markerschütternder Schrei die Stille ihrer tiefsten Träume.

"DUNDUVAN"

Raven fuhr innerlich zusammen. Der Klang hallte noch lange nach, selbst als die Bilder langsam verblassten.
Erst Tage später erwachte sie aus dieser seltsamen Erschöpfung. Nach und nach gelang es ihr, den Schwestern zu erzählen, was sie gesehen und erlebt hatte. An jenem Morgen war die Nachricht von dem verheerenden Anschlag auf die Minen von Iscalis im Weißen Turm eingetroffen.
Raven hatte es gesehen. Nicht nur das Feuer und die Zerstörung, sondern auch die Größe dessen, was verloren gegangen war. Sie hatte den Schmerz und die Verzweiflung gespürt, als wäre sie selbst dort gewesen.
Noch tagelang summte sie leise ein trauriges Lied vor sich hin, dessen Melodie sie nicht vergessen konnte.
(Diese Geschichte ist hier zu lesen)

Doch dies war nicht die letzte Botschaft, die ihr in ihren Träumen begegnete.
Immer wieder sah sie ihre Brüder. Einen nach dem anderen, wie sie im Nebel verschwanden, bis schließlich nur noch der Fuchs blieb. Er war der Letzte, der sich von ihr entfernte.
Was unmittelbar davor geschah, sah sie ebenfalls deutlich. (Die Geschichte ist hier zu lesen.) Zunächst erschrak sie darüber, und für einen Augenblick empfand sie sogar Zorn. Doch dieses Gefühl wich bald einer tiefen, beinahe befreienden Erkenntnis. Es war, als würde sich ein schwerer Stein von ihrem Herzen lösen und dahinter einen verborgenen Durchgang freigeben.
Ein Weg, den sie noch nicht kannte, den sie aber erkunden musste.
In den folgenden Jahren kehrte Raven immer wieder in ihren Träumen dorthin zurück. Sie folgte diesem unbekannten Pfad, tastete sich durch die Bilder und versuchte, die Zeichen zu verstehen. In der Ferne nahm sie Lichter und Bewegungen wahr, manchmal glaubte sie sogar, Stimmen zu hören. Doch sobald sie ihnen näherkommen wollte, verschwamm alles wieder. Noch blieb ihr verborgen, wohin dieser Weg führte und was die Große Mutter ihr damit zeigen wollte.
Während ihre Nächte von solchen Erlebnissen geprägt waren, ging ihr Leben im Weißen Turm seinen gewohnten Gang.
Mit der Zeit lernte Raven, ihre Träume besser zu unterscheiden. Nicht jeder Traum war eine Botschaft, nicht jede Vision von Bedeutung für die Druiden oder die Gemeinschaft. Manche waren ausschließlich für sie bestimmt. Hinweise, Mahnungen oder Wegweiser, die ihr die Große Mutter schickte. Sie lernte, auf ihre innere Stimme zu hören und nicht vorschnell nach einer Erklärung zu suchen.

Raven war inzwischen fünfundzwanzig Jahre alt. 
Vor einigen Jahren hatte sie endlich den Mond auf ihrer Stirn empfangen und war zu einer hoch angesehenen Priesterin geworden.
In ihr sahen viele die Verkörperung der Großen Mutter – in ihren drei Gestalten als Jungfrau, Mutter und Alte. Sie war nicht nur eine Frau des Glaubens, sondern auch eine geschätzte Ratgeberin. Schon oft hatte sie dem Druidenrat mit ihrer Weisheit zur Seite gestanden und manche Auseinandersetzung zwischen den Stämmen geschlichtet, bevor daraus ein ernsthafter Konflikt entstehen konnte.
Selbst die Römer kannten inzwischen ihren Namen. Sie wussten, dass Raven eine Frau war, deren Worte Gewicht hatten und deren Einfluss man nicht einfach übergehen konnte. Mochten manche von ihnen auch glauben, dass einer Frau eine solche Stellung nicht zustand – ihre Stimme wurde gehört.
In letzter Zeit jedoch hatten sich ihre Träume verändert.
Immer wieder erschienen darin zwei kleine Mädchen. Auch Rhiana tauchte in diesen Visionen auf. Die Bilder kehrten so häufig wieder, dass Raven schließlich nicht mehr daran zweifeln konnte, dass die Große Mutter ihr etwas zeigen wollte.
Diesmal würde sie nicht nur beobachten und auf weitere Zeichen warten.
 
Nur von Siri, ihrer Schülerin, und einem jungen Druiden, der ihr als Diener zur Seite gestellt worden war, begleitet, machte sie sich schließlich auf den Weg.
 
Ihr Ziel war der Hof von Cahir und Rhian.
 
Was sie dort erwartete, wusste sie nicht. Doch Raven hatte gelernt, dem Weg zu vertrauen, den die Große Mutter ihr wies. Und tief in ihrem Inneren spürte sie, dass ihre Reise sie genau dorthin führen sollte.
Namen haben Macht.
[Bild: 1_22_10_22_8_54_26.png]Falke
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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