Es war ein wenig, als hätte jemand ein Gatter geöffnet, um die Gespenster der Vergangenheit wieder auferstehen zu lassen.
" Marcus Mucius Primus", wiederholte Pytheas. Er wusste, wer das war, auch wenn er nicht viel mit ihm zu tun gehabt hatte. Mucius Primus war ein besonders grausiges Gespenst aus jenen Tagen:
"Ich gehörte nie zu Neros Kreis", erwiderte er. Der Kaiser hatte einmal behauptet, dass der Knabe mit den hellen Augen kein Glück bringen würde. Seitdem hielt man ihn fern, und er bediente Gäste, die nicht ganz so hochrangig waren:
"Persephone... Ich meine - Sporus, ich meine Sabina, hat jedoch oft von dir gesprochen",
Pytheas bezog sich auf seinen Jugendfreund, den man später nur noch als Sabina kannte, weil er der Poppaea Sabina, der Gattin des damaligen Kaisers Nero so ähnlich sah. Der Kaiser, der es bereute, seine Frau in einem Wutanfall getötet zu haben, nahm ihn auf sein Lager und behandelte ihn ganz als seine Kaiserin. Sporus war nie gefragt worden, ob er das wollte. Wie
Persephone vom Gott der Unterwelt, Hades, war er von Nero aus seinem früheren Leben gerissen worden.
Kaiser Nero hatte sich vorzugsweise mit jungen gutaussehenden Männern zu jedem erdenklichen Zweck umgeben. So wie Sporus dann seine Gemahlin wurde, wurde der junge Prätorianer Primus seine Klinge, anmutig und tödlich zugleich. Nero schickte ihn aus nichtigem Anlass, wie ein Kind, das seine Puppen zerschlug, los um zu morden.
Pytheas Lehrmeister, der Medicus Andromachus von Kreta, hatte Bo einmal einen
Ker genannt....
Mit diesen hellen Augen, die Unglück bringen sollten, sah Pytheas nun den Prätorianer an:
"Ich hätte nicht erwartet, dass du auch davon gekommen bist"
Nero hatte all zu viele mit sich in seinen Untergang gerissen. Auch
Persephone/Sporus, der keine zwanzig geworden war. Pytheas hatte jedoch überlebt, und Marcus Mucius Primus wider Erwarten auch.
Immer noch war der Andere bereit, ihn zu töten. Er ließ ihn nicht los, auch wenn er ihm nun erlaubte, tief Luft zu holen:
"Ich diene Caesar AugustusVespasian, der mein Patron ist. Didia Corona ist seine Nichte. Ich würde ihr Leben also immer schützen", antwortete er auf Bos Frage. Dem Gatten war er nicht verpflichtet, es sei denn, der Kaiser würde auf dessen Seite stehen.
Der Medicus blieb bei der Wahrheit. Es gab keine Lüge, die taugte, sein Leben zu retten. Der Prätorianer war auf dem Palatin zuhause gewesen wie er selbst. Er kannte die Fallstricke, er kannte die vielschichtigen Beziehungen, er kannte das feine Gespinst der Intrigen, der Verhältnisse, der Worte, die Sieg oder Vernichtung bedeuteten. Sie waren beide im gleichen Sumpf aufgewachsen, auch wenn sich ihre Leben grundlegend unterschieden hatten.
Pytheas war nicht mutig. Eines Tages genau wie seine Freunde an der Reihe zu sein, war jedoch nichts mehr, was ihn noch erschreckte, obwohl er durchaus sehr gerne lebte.
Der Medicus hatte keine Ahnung, wem Bo in diesen Tagen diente und warum er bei
Flavia Maesa war.
Vielleicht diente er ja nur sich selbst.