Sobald das Tor geöffnet wurde, begann der Verkauf der Ernte. Die Leute kamen mit Körben, brachten, was sie boten, kauften, was sie brauchten. Gerwina ging von Stand zu Stand und achtete darauf, dass die Abgaben und Preise ordnungsgemäß festgelegt wurden. Sie bewegte sich mit leichten Schritten in ihrem sehr weiten, sandfarbenen Kleid, mit grünem Blattmuster am Halsausschnitt und am Saum goldbestickt, über die Wiese. Und mit jedem tänzerischen Schritt bauschte sich der helle Stoff im leichten Wind, hob sich sanft und legte sich wieder um ihren Körper, wie ein Segel, das von einer unsichtbaren Brise getragen wird. Das Gras strich über ihre Knöchel und es schien so, als gleite sie nicht über die Erde, sondern über ein stilles, grünes Meer. Das lange, lockige Haar fiel ihr über die Brust und den Rücken herunter und leuchtete golden im Sonnenschein.
Dann näherte sich eine kleine Abteilung römischer Soldaten dem Rand der Wiese, angeführt von einem gut aussehenden Offizier in der prachtvollen Rüstung eines Tribuns. Als Gerwina ihn sah, verlangsamten sie ihre Schritte:
"Salve, edler Tribun Aternius Ocella!" Es war offensichtlich, dass sie sich freute, ihn zu sehen.
Sie kannten sich bereits, denn er war ein ritterlicher Tribun, für die Versorgung seiner Leute zuständig und hatte in den vergangenen Monaten oft mit ihrem Mann, dem Fürsten Eisu Ap Comux, verhandelt über Getreide, Vieh und Wein.
"Leider ist mein Gemahl abwesend. Er ist nach Königsstadt Bagendon gereist, um seinen Vater zu besuchen. Heute musst du wohl mit mir verhandeln, Tribun," sagte Gerwina mit einem Lächeln, das selbst die trübsten Tage erhellen konnte, und blickte zu ihm auf. Denn für einen Römer war er von beachtlicher Statur.
"Salve werte Gabinia, du hast diesen Markt organisiert?" fragte er sie bewundernd, und blickte sie dabei sanft an. Es war nicht zu übersehen, dass die Fürstin guter Hoffnung war. Ocella wusste, dass die schöne Gabinia eine Römerin war, aber ihre germanische Herkunft verlieh ihr einen besonderen Reiz, der sich in ihrer Erscheinung widerspiegelte und sie zu etwas ganz Besonderem machte.
"
Ja, Tribun, das habe ich", antwortete Gerwina und nickte bestätigend:
"Es ist die Pflicht der Herrin des Hauses, für das Wohl der Bewohner des Comux-Hofes zu sorgen und ..."... dann mitten im Gespräch kam der alte Knecht Elfried angelaufen und flüsterte: "Herr Sonnwin steht da, mit Durs…". Gerwina drehte sich um und erblickte in der Tat ihren Bruder in der Menge.
"Entschuldige bitte, Aternius Ocella, mein Bruder ist eingetroffen. Mein Knecht Elfried zeigt dir den Weg zu den Vorratskammern, wir sehen uns dann später!" Sie gab dem Großväterchen die Schlüssel und weg war sie …
Als sie ihren Bruder erreichte, warf sie sich an seine Brust. Dabei prallte ihr Riesenbauch gegen seinen und sofort wurde sie vom kleinen Wesen malträtiert. Sie lächelte glücklich und ihr liefen die Tränen über das Gesicht …
"Sonnwin, mein Bruder, wann bist du angekommen?"