Als der Medicus Primus den Raum verlassen wollte, lief er fast in Scaevus, den Privatsekretär des Herrn, hinein. Dieser presste die Lippen so fest zusammen, dass sie eine schmale, blasse Linie bildeten, während er sich verbeugte. Seine Verbeugung wirkte herablassend. In Scaevus Augen brannte eine unverkennbare, Eifersucht, die jede seiner Bewegungen hölzern wirken ließ. Doch während Scaevus den jungen Medicus musterte – das unordentliche, blonde Haar, die breiten Schultern, die sich unter der feingewebten Tunika abzeichneten und die beinahe unverschämte, natürliche Attraktivität, die Primus ausstrahlte –, mischte sich ein widerwilliges Gefühl in seinen Blick. Scaevus war empfänglich für gutaussehende Männer. Er fand diesen Fremden, der so plötzlich das Bett seines Dominus erobert hatte, anziehend.
Scaevus zeigte Primus das schwere silberne Tablett, das er trug. Es war ein frugales, streng römisches Frühstück darauf angerichtet: ein Becher mit klarem Wasser, etwas kühler Ziegenkäse, ein paar Oliven und ein Stück trockenes, ungesäuertes Brot. Keine süßen Früchte, kein Wein. Eine subtile Erinnerung daran, wer hier der Diener und wer der Herr war Er stellte das Tablett auf ein Marmortischchen neben der Tür
."Der Dominus hat das Gemach bereits verlassen“, betonte Scaevus das Offensichtliche:
"Er erwartet dich im Tablinum. Du solltest dich beeilen"
Scaevus wusste genau, dass Primus nicht aus einer römischen Familie stammte. Er vermutete, dass dieser Medicus aus einfachen, vielleicht sogar zwielichtigen Verhältnissen kam, auch wenn er die genaue Wahrheit nicht ahnte. Doch alle Kelten hatten für Scaevus etwas Zwielichtiges. Ein kleines, überhebliches Lächeln stahl sich auf die Lippen des Privatsekretärs:.
"Tablinum nennt man offizielle Empfangszimmer des Hauses. Es liegt direkt hinter dem Atrium. Dort bewahrt der Dominus die Tabulae auf – die Steuer- und Haushaltsbücher, die ich für ihn führe. Aber was noch wichtiger ist: Dort stehen die Ahnenbüsten aus Marmor und das Lararium. Laren sind die Hausgötter. Für einen römischen Patrizier ist das Tablinum das Herz seiner Würde. Wenn er dich dort hinruft, dann nicht für ein privates Gespräch. Er versammelt die gesamte Hausgemeinschaft, um dich offiziell vorzustellen.“
Scaevus reichte Primus nach einer kurzen Musterung seinen eigenen malvenfarbenen Umhang. Seine Finger berührten für den Bruchteil einer Sekunde die Haut des Medicus, und Scaevus zog die Hand fast erschrocken zurück.
"So unterscheidet du dich in deiner Kleidung von den gewöhnlichen Dienern. Doch du darfst ruhig zuvor etwas essen", fügte Scaevus leiser hinzu, während der Neid in seiner Brust wieder mit der plötzlichen Zuneigung kämpfte
. „Ich werde hier auf dich warten und dich hinbringen. Alleine würdest du dich in den Gängen der Villa nur verlaufen – und es macht keinen guten Eindruck, die Familia warten zu lassen.“