Das ließ sich Onkel Gerfridu nicht zweimal sagen. Er las vor. Er hatte eine Fülle lyrischer Naturbeschreibungen verfasst, und alles erinnerte ihn an Sergia Viola: wenn das Abendrot die Ränder des Himmels zartviolett färbte, an ihre Augen, das Wolkenspiel an ihre Anmut, die hochgewachsenen Ulmen an ihre Grazie...
Quiwon hörte aufmerksam zu. Dann neigte er sich zu mir und fragte leise:
"MUss ich sowas auch an ein Mädchen schreiben?"
"Nur wenn du möchtest. Möchtest du denn gerne?"
Entschieden schüttelte der Junge den Kopf.
Ich fuhr ihm übers Haar:
"Du hast noch sehr viel Zeit, Quiwon!"
Ein anderes Thema fiel mir ein:
"Du weisst schon, dass wir dieses Jahr nicht in die Sabrinamarschen können, weil deine Mutter, nun ja, sie ist guter Hoffnung..."
Quiwon schaute mich mit seinen klaren blauen Augen an: "Ich weiß schon, Mama ist schwanger", sagte er ruhig. Er war ein Bauernsohn, für ihn war es die natürlichste Sache der Welt:
"Aber ja, Vater, alle die hier noch zuhause sind, wussten es schon vorher. Die Mama muss sich schonen, und wir beide müssen auf sie aufpassen"
Ich gab den Blick des Erstgeborenen zurück. Wieder spürte ich, dass Quiwon ein besonderes Kind war. Er ruhte weit mehr in sich als jedes andere Kind in seinem Alter....Wie er gesagt hatte:
Alle, die hier noch zuhause sind. Er sprach nicht nur von den Menscben, dessen war ich gewiss. Unser Sohn wurde beschützt.
Mittlerweile hatte Gerfridu seinen Brief beenden können, und er zog beglückt von dannen. Quiwon, der darauf brannte, dass sie weiter übten, schloss sich ihm an. Ich sah ihnen lächelnd nach.
"Quiwon wusste schon, dass es mit den Sabrinamarschen in diesem Jahr nichts wird", sprach ich zu Stella:
" Er hat es schon lange gewusst. Ich wollte ihn fragen, ob er sehr traurig ist, doch nun ist er mit dem Oheim schon weg"
Ich legte beide Arme um Stella und küsste ihren Nacken:
"Wie geht es dir heute, meine Fridila?", fragte ich sie:
" Bitte erschöpfe dich nicht so sehr. Ich glaube, du solltest nun ein wenig ruhen. Ich bringe dich auf unser Zimmer.
Und was meinst, leidet Gerfridu sehr? Er kann deine Freundin einfach nicht vergessen. Er ist ein Krieger, weißt du. Wind und Wetter machen ihm nichts aus. Er lacht seinen Feinden ins Gesicht. Aber die edle Viola Sergia hat ihn nicht mit einer Frame, sondern auf ganz andere Art eine Wunde geschlagen"