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RE: Gemach Tiberius Furius Victor Aidanus
Natürlich wusste Aidan, dass seine Mama hier 'Brigantia' hieß, so wie er hier 'Victor' heißen musste. Die Römer fanden es irgendwie toll, anderen ihre Namen zu rauben. Warum, das verstand er nicht. Seine Mama hatte behauptet, dass sie sich ihre Namen nicht merken konnten. Und er hatte deshalb immer geglaubt, Römer mussten ganz schön dumm sein. Aber den Papa hatte er trotzdem liebgehabt.
Gleichgültig dem angeblichen Sklavenstolz gegenüber hatte Victor inzwischen seine Holzwaffen alle verstaut, sodass Carus sie beim Erkunden des Hauses nicht versehentlich in die Finger bekam.
Dass ihn sein Vater lobte, registrierte Victor, doch es machte ihn nicht froh. Nicht nur widersprachen die frechen Lehrer ihm beim Vater, auch dessen Stolz fühlte sich nicht so gut für den Jungen an, wie er gehofft hatte. Denn es klang überhaupt nicht stolz. Es klang wie ein Arbeiter, der seine Aufgabe verrichtete. Gar nicht wie ein Papa, der sich für seinen Sohn freute.
"Ich will aber keine Holzmanufitur", murmelte er falsch, doch mit einer Spur jener Bockigkeit, welche sie so häufig aneinandergeraten ließ. Immer noch wich er den Blicken des Vaters aus, suchte nach etwas, um sich zu beschäftigen. Doch das Zimmer war leider schon zu aufgeräumt, um dort noch etwas wegzuschaffen. Leider war es dem Papa überhaupt nicht wichtig, was er wollte.
"Ist das der Grund, warum du Mama nicht mehr gern hast? Weil ich nicht das machen darf, wie deine richtigen Kinder?"
In Victors Stimme war jetzt kein Zorn, kein Vorwurf. Nur die unausgesprochene Angst eines Kindes, nicht zu reichen. Nicht gut genug zu sein.
Seine richtigen Kinder... Ja, das stimmte wohl. Nur die Kinder von Furia Serena waren Papas richtige Kinder. Seine guten Kinder. Die, die mehr zählten und mehr durften. Die mehr wert waren. Tiberius hatte schon lange gelernt, darüber nicht zu weinen, wenn sein Vater in der Nähe war. Auch vor den Sklaven hielt er sich zurück. Und vor Carus, um ihn nicht zu kränken. Doch den Schmerz darüber, den spürte er und man hörte ihn in jeder seiner Silbe.
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