Die Nacht lag schwer über dem Kastell. Feiner Regen hatte eingesetzt und strich in schrägen Fäden über die Ziegeldächer der Kasernen. Der Wind trug den Geruch von nassem Leder, kaltem Rauch und feuchter Erde durch die Kolonnaden. In den steinernen Gängen brannten nur wenige Öllampen, deren schwaches Licht sich an den Wänden verlor und die Schatten der Säulen lang über den Boden zog. Am Ende des Ganges war Lucius Aurelius Bellator bereits wach. Der Schlaf des Optio war flach geworden über die Jahre. Zu viele Nächte hatte er in Kastellen wie diesem verbracht, zu viele Alarmrufe gehört, als dass sein Körper sich noch ganz der Müdigkeit überlassen hätte. Noch bevor der erste Ton der Tuba die Nacht durchschnitt, war er schon halb wach gewesen. Als das Horn schließlich erklang, setzte er sich sofort auf. Der langgezogene Ton rollte über den Hof, hart und klar. Ein zweiter folgte kurz darauf. Bellator brauchte keinen dritten, um zu wissen, dass das Lager nun erwachte.
Er griff nach seinem Gürtel, der ordentlich neben der Truhe lag, und zog ihn mit routinierter Bewegung fest. Der Helm wartete griffbereit, ebenso der vitis, der Rebstockstab des Optio. Das Holz war glatt von Jahren des Gebrauchs. Bellator nahm ihn auf, als wäre es ein vertrauter Teil seines eigenen Körpers. Als er die Tür öffnete, war der Gang bereits erfüllt von Bewegung. Sandalen schlugen auf Stein, Türen öffneten sich, Metall klirrte. Legionäre tauchten aus den Mannschaftsstuben auf, manche noch halb im Schlaf, doch ihre Hände fanden instinktiv den Weg zu Helm, Schild und Gürtel. Die Gewohnheit des Dienstes arbeitete schneller als der Verstand. Bellator trat in den Gang und ging los. Er bewegte sich ohne Hast. Ein Mann, der rannte, zeigte Unruhe. Ein Ausbilder durfte sich diese nicht erlauben. Sein Schritt war ruhig, gleichmäßig, während er an den Türen der Contubernien vorbeiging. Aus manchen Stuben kamen bereits Männer heraus, vollständig gerüstet, ihre Schilde unter dem Arm. In anderen herrschte noch das hastige Durcheinander der ersten Momente nach dem Alarm.
Als Bellator die Tür der Stube erreichte, hörte er die vertrauten Geräusche aus dem Inneren. Das Knarren der hölzernen Bettgestelle, das Rascheln von Wollmänteln, das dumpfe Klirren von Metall, wenn Helme von Haken genommen wurden. Er trat ein. Das Armamentarium lag schwach im Licht einer kleinen Lampe. An den Wänden hingen die Scuta, darüber Helme und Kettenhemden. In einer Ecke stand die schwere Handmühle aus Basalt, unbeweglich und dunkel. Im Schlafraum dahinter waren die erfahrenen Männer der Stube bereits in Bewegung. Der Decanus, war schon auf den Beinen. Seine Bewegungen waren ruhig und sicher, wie es bei einem Mann mit fünfundzwanzig Jahren Dienstzeit zu erwarten war. Nichts an ihm verriet Eile. Seine Hände fanden den Gürtel, den Helm, das Schild, als folgte er einem eingeübten Ablauf, der selbst im Halbschlaf funktionierte. Bellicus war ebenfalls aus dem Bett gekommen, sein breiter Rücken im fahlen Licht der Lampe zu erkennen. Er griff nach seinem Schild und legte den Helm an, während Catus bereits dabei war, das Kettenhemd von einem Wandhaken zu nehmen. Iulius Vindex hatte sein Scutum schon in der Hand und zog den Riemen über den Unterarm. Seine Bewegungen waren präzise, ohne überflüssige Gesten. Jahre des Dienstes hatten die Abläufe in Muskeln und Knochen eingeschrieben. Auch Fronto war wach, wenn auch mit einer Spur zu viel Eifer in seinen Bewegungen. Der jüngere Legionär schloss hastig seinen Gürtel und griff nach seinem Helm, bemüht, schneller zu wirken als die anderen. Bellator blieb einen Moment im Türrahmen stehen. Seine Augen glitten durch den Raum, ruhig und aufmerksam. Er beobachtete, wie Felix seine Männer mit wenigen knappen Gesten ordnete. Wie Bellicus und Catus ihre Ausrüstung aufnahmen, ohne ein Wort zu verschwenden. Wie Vindex bereits bereitstand, während Fronto noch versuchte, seine Riemen festzuziehen. Der Vitis berührte leicht den Rand eines Schildes an der Wand. Ein trockenes Klopfen erfüllte den Raum. Mehr war nicht nötig. Die Legionäre verstanden sofort. Die Bewegungen wurden schneller, die letzten Handgriffe erledigt. Schilde wurden von den Haken genommen, Helme aufgesetzt, Gürtel festgezogen.
Bellator trat einen Schritt in den Raum, sagte jedoch nichts. Er hatte lange genug Männer ausgebildet, um zu wissen, dass Worte in solchen Momenten selten notwendig waren. Disziplin zeigte sich nicht im Lärm, sondern in der Geschwindigkeit, mit der Ordnung entstand. Sein Blick blieb kurz auf jedem der Männer liegen. Felix, ruhig wie immer. Bellicus, zuverlässig. Catus und Vindex, bereits bereit. Fronto, bemüht, den Anschluss zu halten. Er wandte sich schließlich ab und trat wieder hinaus in den Gang. Draußen sammelten sich bereits die ersten Formationen im Hof. Fackeln warfen flackerndes Licht auf Schilde und Helme, während die Männer der Legion ihre Plätze fanden. Regen fiel jetzt dichter, doch niemand beachtete ihn. Bellator blieb unter der Kolonnade stehen und blickte über den Platz. Hinter ihm hörte er die Männer aus der Stube treten. Der Alarm hatte das Lager geweckt.
Jetzt wurde aus dem ruhigen Schlaf eiserne Disziplin. Und Ordnung. Doch etwas stimmte nicht am Gesamtbild. Bellator ließ den Blick langsam weiter durch den Raum wandern. Der hintere Teil der Stube war noch nicht in Bewegung geraten. Die drei Tirones. War ja klar. Hatte der Alarm den Raum nur halb erreicht? So schien es. Der dicke Bäckerjunge hatte einen Körper, der weich an den falschen Stellen war. Die Bewegungen schienen schwer und langsam, als würde sein Körper noch immer glauben, dass die Nacht ihm gehörte. Sein Kollege war ein zittriger Rothaariger mit weibischen Gesichtszügen. Die Augen waren noch voller Schlaf und wachsender Furcht. Selbst jetzt, in der Hast, lag etwas Zögerliches in jeder Bewegung. Und dann war da noch dieser Marcus. Sein Gesicht blieb verschlossen. In seinen Augen lag dieser Ausdruck, den Bellator schon mehrfach bei ihm gesehen hatte. Der Blick eines Mannes, der glaubte, seine Zukunft liege nicht im Schildwall, sondern irgendwo darüber. Ehrgeiz, gespeist von Geschichten über Kontakte, über Handel, über Möglichkeiten jenseits des einfachen Soldatenlebens. Bellator beobachtete sie, ohne sich zu rühren. Drei Körper, die sich nun endlich aus den Decken schälen sollten. Drei Jungen, die erst jetzt begriffen, dass der Alarm keine Übung ihrer Träume war. Zu spät. Viel zu spät. Eindeutig sehr viel zu spät. So nicht. Der Vitis hob sich langsam in seiner Hand. Das Holz schlug hart gegen das Gestell des nächstgelegenen Bettes. Der Klang fuhr durch den Raum wie ein Peitschenhieb. Der Optio trat einen Schritt näher. Sein Blick ruhte nun offen auf den drei Jungen. Er sagte nichts. Der Vitis hob sich erneut und schlug diesmal gegen den Boden zwischen den Betten. Das dumpfe Geräusch hallte im Raum wider, begleitet vom leisen Klirren eines Helmes, der hastig vom Haken gerissen wurde. Seine Augen verengten sich leicht. Die erfahrenen Legionäre waren längst bereit und die drei Rekruten kämpften noch immer mit der Trägheit. Der Optio betrachtete sie einen langen Moment. Mit Zorn? Nein. Mit Urteil.
Bellator trat näher an die Betten heran. Sein Schatten fiel über die drei Tirones, während das schwache Lampenlicht hinter ihm stand. Der Vitis ruhte wieder locker in seiner Hand. Die Stille dauerte nur einen Atemzug. Dann wandte Bellator sich langsam wieder zur Tür. Die Legionäre des Contuberniums standen bereit. Die Rekruten nicht. Der Optio verließ die Stube ohne Eile und trat zurück in den Gang. Die Männer würden ihm gleich folgen müssen, hinaus in den Regen, hinaus auf den Hof. Doch der Blick, den er ihnen hinterlassen hatte, könnte länger wirken als jeder Schlag des Rebstockstabs. Bellator wusste bereits, was der kommende Tag bringen würde. Diese drei Männer würden lernen müssen, was Disziplin bedeutete. Oder dieses Land würde sie verschlingen.