RE: Irrungen, Wirrungen - Verloren in Londinium
Angesichts der bedrohlichen Lage wurde es selbst Gwen allmählich zu heiß. Ihre sonst so abgebrühte Fassade begann zu bröckeln. Ihre Worte prallten an dem Römer und seinen Sklaven einfach ab. Niemand glaubte ihr, dass sie nur gestolpert war. Die wütende Menge um sie herum wurde unruhig, und es fehlte nicht mehr viel, bis sie über sie herfiel.
Der Sklave, der sie festhielt, lockerte seinen Griff keine Sekunde. Im Gegenteil! Er begann, sie zu schütteln. Ihr Kopf ruckte vor und zurück, ihr zerschlissener Mantel flatterte, und dann geschah, was nicht hätte passieren dürfen: Mit einem dumpfen Geräusch fielen die Geldbeutel zu Boden. Einer der Sklaven bückte sich hastig, hob sie auf und musterte sie prüfend.
Es dauerte nur einen Moment, bis er den einen erkannte. Der seines Herrn.
"Den hab ich gefunden!" platzte ich hervor, ehe mir etwas Besseres einfiel. "Vor ein paar Stunden, als ich mir die Hinrichtung angesehen habe. Er lag da einfach auf dem Boden, also hab ich ihn eben aufgehoben!"
Doch dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Der Kelte, den ich gerade noch erleichtert hatte, sprach mich mit einem Namen an, der mich mitten ins Herz traf. Bryn.
Mir stockte der Atem. Ich blinzelte überrascht und hob langsam den Blick. Und dann sah ich ihn. Sah ihn wirklich. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Mir wurde schwindelig, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich hätte beinahe den Halt verloren. Denn dieses Gesicht… war mir nicht fremd.
Die Erinnerungen kamen wie eine Flutwelle. Damals war ich noch ein Kind gewesen, unschuldig und ahnungslos, mit einem Zuhause, mit Menschen, die mich liebten und beschützten. Das alles hatte die Welt mir genommen.
"Owain…" hauchte ich fassungslos. "Du lebst?"
Oh ja, das tat er. Und wie! Seiner Kleidung nach zu urteilen, ging es ihm zumindest materiell gut. Er war kein Sklave, das stand außer Frage. Kein Römer hätte einen keltischen Sklaven in seiner Tracht herumlaufen lassen.
Ich bemerkte, dass ich immer noch mit offenem Mund dastand, unfähig, es zu begreifen. Dann zwang ich meine Lippen dazu, sich zu bewegen.
"Nein, ich bin nicht Bryn." Meine eigene Stimme klang mir fremd. "Bryn ist tot. Schon seit einer ganzen Weile." Es fühlte sich seltsam an, ihren Namen auszusprechen. So lange hatte ich ihn nicht mehr über meine Lippen gebracht.
"Ich bin… Tegwen." Mein Name. Der Name, den man mir genommen hatte. So wie alles andere auch.
Owain löste schließlich den Blick von mir – und wandte sich wieder dem Römer zu, der ihn bei einem römischen Namen nannte: Licinianus... werter Licinianus!
"Was gedenkst du mit ihr zu tun?", hatte Owain ... äh nein, der werte Licinianus ihn gefragt.
Mir wurde eiskalt. Ich hielt den Atem an. Obwohl ich meine Wut auf den Verräter laut hinaus schreien wollte. Würde er mich verraten? So wie der Mistkerl ganz offensichtlich auch sein Volk verraten hatte. Oder… gab es noch eine Chance?
|