"Jedoch ich war dort", sagte Saturninus sich auf die Hinrichtung beziehend:
"Nicht um der Grausamkeit Willen, das brauchst du nicht denken, sondern um jede Konsequenz, die mein Handeln mit sich brachte, auch bis zur bitteren Neige auszukosten" , er reckte sein Kinn vor , er suchte ihren Blick, sein Blick streifte ihre ausdruckslose Miene. Zweimal schon hatte sie ihm schon gesagt, dass er sich von einem Medicus versorgen lassen sollte. Aber das geschah gewiss nicht aus Sorge, es geschah, weil sie ihn loswerden wollte.
Saturninus sprach:
"Du kennst bestimmt die Geschichte von Diogenes von Siope, der am hellichten Tag mit einer Laterne herumlief, und als man ihn fragte, was er suche, sagte er, er suche einen Menschen. Ich dachte tatsächlich für einen Moment, dass Du einer sein könntest. Heute hätte ich die Gesellschaft eines Menschen brauchen können. Mehr wollte ich nicht. Verzeih mir bitte meinen Irrtum", er deutete eine spöttische Verbeugung an und wäre beinahe gestolpert:
"Es soll nicht wieder vorkommen, Liciniana"
Was er heute gesucht hatte, war einfach nur ein offenes Ohr, und das würde sie ihm niemals leihen. Nicht nachdem sie - übertriebenerweise, denn er hatte ihr nicht nachgestellt - nach Londinium abgehauen war. Hatte sie ihm aber je zuvor Freundschaft bezeugt? Er, Saturninus, hatte durch lange Wühlarbeit den Grundstein zu Ovidius Deculas Abstieg gelegt, nur weil dieser einst Aglaia beleidigte. Er hatte ihr, bevor sie sich gestritten hatten,
sagen wollen, dass sie den Militärtribunen nie wieder zu fürchten brauchte. Sie hatte nie etwas für ihn getan.
Und was hatte Aglaia nicht dem Licinianus Owen zugefügt? Hatte sie nicht bisher jeden Mann böswillig verlassen, ja, sogar den angeblich über alles geliebten Ehemann? Owen hatte vor Kummer geweint und geklagt vor ihm, Saturninus.
Aglaia war wie die Bronzefigur des Brunnens, der nach ihr benannt war, und die ihr glich, weil ihr Ehemann noch einmal all seine Liebe hineingelegt hatte, sie zu schaffen: ewig jung und schön, doch eben kalt und hart wie Metall. Das erste Mal schmeckten sie dem Furius schal, all die Hetären, die Käuflichkeit, das Lächeln, das nur galt, wenn man es mit Gold aufwog. Saturninus war ihnen nachgejagt: Aglaia, Kiki, Narcissus....der Lust, dem raffinierten Vergnügen, der Sinnlichkeit und dem Vergnügen an dem Erlegen des Wildes geschuldet....er hatte aber jetzt das erste Mal genug davon, von dieser amorphen Masse, die man nie zu packen bekam, wenn man sie brauchte, die zurückwich, sich verflüchtigte und ihn immer nur genarrt hatte.
Unerwartet wallte in ihm Sehnsucht nach seiner Frau Serena auf. Sie allein war sein Anker im tiefen Meer, sie war rein, sie war in Freude und Not fest an seiner Seite...
"Ich will dich nicht von deinen Geschäftigkeiten abhalten, Liciniana. Gehe in die Thermen, baden. Doch gedenke, dass sich nicht jeder Fleck mit Wasser abwaschen lässt. Manchmal geht es nur mit Blut. Manchmal aber überhaupt nie wieder.
Ich wünsche deinem neuen Mann viel Freude an Dir. Ich wünsche ganz Londinium viel Freude an Dir"
Saturninus trat zur Seite. Er war sich sicher, dass Aglaia ihn nicht verstand. Wie sollte sie? Satte Zufriedenheit und düstere Niedergeschlagenheit sprachen nicht die gleiche Sprache.