Hoffnung heißt der Morgenstern, Sehnsucht der Abendstern.
Der Tod des Militärtribun lag nun bereits einige Wochen in der Vergangenheit und dennoch hatte Rhian in manchen Augenblicken, besonders in den Nachtstunden, den Eindruck, als würde sie der hungrige Blick des Römers verfolgen. Als würde er sie aus der Dunkelheit heraus beobachten und als würden sich seine Finger nach ihr ausstrecken.
“Verschwinde böser Geist.“ Zischte Rhian dann immer und sandte ein stilles Gebet an ihre Göttin, dass diesem Albtraum endlich Einhalt geboten wurde. Denn als der Körper des Militärtribuns im Moor versenkt wurde, hatte sich Rhian wohlweislich zurückgehalten. Sie hatte der Priesterin der Andraste, sowie Madoc das Feld in diesem Fall überlassen und die Göttin Andraste war voller Verzückung ob dieses Opfers. So wie sie einst verzückt war ob des Opfers des Sohnes ihres Gemahls. Ach Cahir. Niemals durfte ihr Ehemann darüber Bescheid wissen. Niemals. Denn Rhian würde den Mantel des Schweigens über diese schändliche Tat bereiten. Eine Tat, die absolut schändlich war, nicht wahr? Zumindest in ihren Augen, auch wenn Rhian bei der Berührung des Römers nicht zurückgewichen war. Welch‘ Verräterin sie doch an Cahir war. Welch‘ schändliche Verräterin. Augenblicklich ballte sie ihre Finger zu Fäusten, so fest dass ihre Fingerknöchel weißlich durch ihre Haut hindurch stachen und ihr Blick gar wild gen die Wand gerichtet verweilte. Beinahe könnte man bei Rhians Erscheinen Angst bekommen, denn in just diesem Moment wirkte sie wahrlich als hätte die Göttin höchstselbst von ihr Besitz ergriffen. Angespannt ihr Körper, bedrohlich der Ausdruck ihrer Augen.
Erst nach einigen Wimpernschlägen gelang es Rhian die Anspannung aus ihrem Körper zu vertreiben und auch ihre Finger zu lockern. Behutsam streichelte sie über ihren Bauch, der nun wahrlich eine deutliche Wölbung aufwies. Schon wollte sich Rhian daran machen und hinunter in die Große Halle gehen, als ihr eine der Knechte aufgeregt entgegen geeilt kam. Schlitternd kam eben jener junge Mann vor der Königin zum stehen, verneigte sich tief und holte im nächsten Moment ebenso tief Luft.
“Der König wurde gesichtet. Der König ist auf dem Weg zurück. Er ist schon durch das Stadttor geritten.“ Sprudelte es eifrig über die Lippen des Knechtes. Während Rhian ein freudiges Gefühl in sich aufsteigen spürte. Cahir war zurück. Das schreckliche Gefühl des Verrats verdrängte die junge Königin rasch und befahl, dass in der Küche ein festliches Mahl für die Ankunft des Königs vorbereitet werden sollte. Rhian selbst strich sich über ihr hübsches Kleid und strich im selben Moment eine ihrer rotbraunen Strähnen aus dem Gesicht. Bevor sie ihre Schritte nicht minder rasch durch die Gänge trugen. Zumindest versuchte sie diesen Eindruck zu vermitteln, auch wenn sie das Gewicht der Kinder, ja es mussten zwei an der Zahl sein, zur lahmen Ente verdammte. Zum Glück keuchte sie nicht wie ein Walross, schoss es der jungen Königin durch den Kopf und ein Grinsen umspielte bei diesem Gedanken ihre Lippen. Schon trat Rhian, in Begleitung ihrer Entourage vor das Langhaus und ging ihrem König sogar etwas entgegen. Trotz der Tatsache, dass der Boden durchweicht war ob des Regens, der in den letzten Tagen gewütet hatte. Sie hatte Cahir vermisst. Schrecklich vermisst. Immer schneller wurde die junge Königin, wie sie durch den Schlamm hastete, um endlich Cahir zu erblicken. Ihm gegenüber treten zu können.
“Mein König.“ Sprach Rhian mit ehrfürchtiger Stimme, als sie das Streitross ihres Gemahls erblickte und sich Cahir direkt näherte.
“Mein Geliebter.“ Fügte die junge Königin mit deutlich leiserer, wärmerer und sanfterer Stimme hinten an.
“Ich habe dir bereits ein Bad eingelassen.“ Rhian würde Cahir in das Bad geleiten, ihm aus seiner Bekleidung helfen und ihn anschließend in das warme Wasser verfrachten, damit er sich dort entspannen konnte. Und sich den Dreck vom Körper waschen konnte. Denn ihr Geliebter roch nicht gerade anheimelnd, wie Rhian mit gerümpfter Nase bemerkte.