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[Londinium] Eine öffentliche Hinrichtung
03-02-2025, 03:53 PM,
Beitrag #6
RE: [Londinium] Eine öffentliche Hinrichtung
(02-27-2025, 03:37 PM)Tiberius Furius Saturninus schrieb: "Du bist es gewesen!", entfuhr es Saturninus, und während ihm, dem siegreichen Ankläger das Lächeln vergangen war, lächelte Alun ihn höhnisch an, obwohl er zur Hinrichtung ging, obwohl er, da er nicht bestattet werden würde, auf alle Ewigkeit an den Ufern des Styx herumirren und gewiss zu einem Gespenst werden würde, obwohl er verloren war. Es war fast, als wären die Rollen vertauscht.

"Du bist es gewesen, immer nur du! Was hast du noch alles getan?!"
Die Frage wollte Saturninus stellen, aber da verloren die Soldaten die Geduld; der Delinquent sollte zum Henker und sie hatten heute noch Besseres zu tun. Sie trieben den Gefangenen weiter, und Saturninus war sich nicht sicher, ob Alun ihn gehört hatte. 

Saturninus folgte in einiger Entfernung dem Trupp. Er war blass wie eine Marmorwand. Fast sehnte er das Beil des Henkers herbei; wenn er Aluns Tod wirklich und wahrhaftig mit eigenen Augen sah und bezeugen konnte, konnte er mit diesem Kapitel endlich abschließen. 
Alun war in den letzten beifden Jahren der böse Geist von Iscalis gewesen, so kam es ihm vor. Nichts, aber auch gar nichts, was in der kleinen Stadt an unheimlichen und rätsellhaften Ereignissen geschehen war, war Zufall gewesen.  Die alte Paranoia erwachte; krallte ihre Fänge in Saturninus Fleisch und wütete schlimmer als zuvor.

Alun wurde weitergestoßen, die Furca riss an seinen Schultern, und das höhnische Lächeln, das er Furius Saturninus zugeworfen hatte, verblasste. Der Moment der trotzigen Genugtuung verflüchtigte sich, als Schläge auf seinen Rücken niederfuhren und ihn zwangen, weiterzutaumeln. Sein Körper brannte vor Schmerz, seine Knie drohten nachzugeben, doch sein Geist floh zurück in die Vergangenheit, weit fort von den Schreien der Menge und der bevorstehenden Hinrichtung.

Das Bild des Centurios verblasste, und stattdessen tauchten sechs Gesichter auf. Gesichter, die er lange nicht mehr vor seinem inneren Auge gesehen hatte. Die Gesichter seiner Brüder: Dunduvan, Louarn, Calum, Fintan, Cinead und Ciaran. Sechs Jungen, gezeugt aus Gewalt,die bereits bei ihrer Geburt dazu auserkoren waren, vor ihrer Zeit zu sterben. Sie waren Bastarde, Söhne römischer Soldaten, die keine Heimat kannten und nirgendwo willkommen waren. Die anderen Kinder mieden sie, beschimpften sie als Römerpack und bewarfen sie mit Steinen, weil sie und ihre Mütter es gewagt hatten, am Leben zu bleiben, anstatt mit der Schande zu verschwinden.

Seine Mutter. 

Ihr Gesicht tauchte aus der Dunkelheit seiner Erinnerungen auf. Ihre Augen waren stets so leer, wenn sie ihn ansah. Sie konnte ihn nicht lieben. Wie hätte sie auch? In seinem Gesicht sah sie ihren Peiniger, den Mann, der ihr Leben zerstört hatte. Jede Berührung von ihr war zögerlich, jeder Blick von Schmerz erfüllt. Sie sprach mit ihm, sie fütterte ihn, aber niemals hielt sie ihn lange in ihren Armen, niemals flüsterte sie ihm tröstende Worte zu, wenn er weinte. Er war der ewige Schatten eines Verbrechens, das sie nicht vergessen konnte.

Und dann kam der Tag, an dem sie sich in die Tiefe stürzte.

Er erinnerte sich an ihre Silhouette gegen den grauen Himmel, an den Wind, der an ihrem Gewand zerrte, an den stummen Moment, in dem sie fiel. Er erinnerte sich an den dumpfen Aufprall, an die Stille danach, die viel schrecklicher war als jedes Weinen, jedes Schreien. Er erinnerte sich an das Gefühl der völligen Verlorenheit, an die Kälte, die ihn von innen heraus zu zerfressen schien. Von diesem Tag an war er allein. Ein Geist, noch bevor er gestorben war.

Aber er war nicht lange allein geblieben. Cathbad hatte sich seiner angenommen. Er hatte ihm alles beigebracht, was er benötigt hatte, um sich als Römer auszugeben und die Besatzer zu unterwandern. Der Druide mit den stechenden Augen und der Stimme, die sich wie eine Schlange in seine Gedanken schlängelte. "Willst du nicht endlich sterben?" fragte er, und in diesem Moment fühlte es sich an, als hätte er es bereits getan. Cathbad hatte ihm die Möglichkeit gegeben. Rache zu üben. Der Preis dafür war sein Leben. 

Ein Ruck an seinem Körper riss ihn zurück in die Gegenwart. Der Zug hatte die Hinrichtungsstätte erreicht. Die Soldaten packten ihn, zerrten ihn an den Schandpfahl. Die Seile schnitten in seine Haut, doch er leistete keinen Widerstand. Was hätte es auch gebracht? Dann kam der erste Peitschenhieb. Der Schmerz war ein Feuer, das durch seinen Körper zuckte. Noch ein Hieb. Und noch einer. Er verlor das Gefühl für Zeit, für Raum. Sein Körper wurde zu einer einzigen Wunde, seine Gedanken zu einem formlosen Strudel aus Schmerz und Dunkelheit. Die Stimmen um ihn herum verschwammen, wurden zu einem einzigen dumpfen Dröhnen. Sein Kopf sackte nach vorne, sein Bewusstsein flackerte.

Doch in diesem letzten Moment sah er sie. Seine Mutter. Ihr Gesicht war nicht mehr von Trauer gezeichnet. Sie strahlte, schöner, lebendiger, als er sie je zu Lebzeiten gesehen hatte. Ihr Lächeln war warm, voller Liebe. Eine Liebe, die sie ihm nie hatte geben können. Tränen brannten in seinen Augen, doch es war keine Qual mehr, sondern eine Erlösung. Sie streckte ihm die Hand entgegen, ihre Stimme war sanft, tröstend, wie er sie nie zuvor gehört hatte.
"Komm, mein Sohn."

Alun war zu Hause angekommen.
[Bild: 3_16_10_23_1_09_34.png]
Als "Lucius Tarutius Corvus"
[Bild: 1_22_10_22_8_56_52.png]
Falke
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RE: [Londinium] Eine öffentliche Hinrichtung - von Alun - 03-02-2025, 03:53 PM

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