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[Markt beim Forum] Gwen und der Klang fallender Münzen
02-23-2025, 07:03 PM,
Beitrag #1
[Markt beim Forum] Gwen und der Klang fallender Münzen
Zwischen den Ständen, wo Händler ihre Waren lautstark anpriesen und Kunden feilschten, bewegte sich eine Gestalt lautlos durch das Gewimmel.
Ihr Mantel war alt und schäbig, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass nur ein paar rotblonde Haarsträhnen hervorlugten. Ihre löchrige Tunika hing lose an ihrem Körper – sie hatte schon weitaus bessere Tage gesehen. Doch genau das machte sie unsichtbar. Niemand schaute zweimal hin, wenn eine Bettlerin durch die Menge schlich – und genau das war ihr Vorteil.
Ihr Blick glitt über die Stände. Der Markt bot alles, was das Herz begehrte und der Geldbeutel hergab: Feine Köstlichkeiten aus fremden Ländern, Datteln aus Arabia, duftende Gewürze, die an diesem feuchtkalten Tag einen Hauch von Orient nach Londinium brachten.

Ein Mann schob sich an ihr vorbei, den Blick auf ein Stück Stoff gerichtet, das eine Händlerin ihm hinhielt. Eine gute Gelegenheit! Ablenkung war ihr Verbündeter.
Gwen ließ die Finger unter den Mantel gleiten, tastete nach der versteckten Messerklinge, die sie bei sich trug. Nicht, um jemanden anzugreifen – nur für den Fall. Das Messer war scharf genug, um Seile zu durchtrennen, Stoff aufzuschlitzen oder einen prall gefüllten Geldbeutel abzutrennen, wenn die Gelegenheit günstig war.

Ein Lufthauch trug den Duft einer Garküche zu ihr, der ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ und ihren Magen zum Knurren brachte. Es war schon einige Zeit vergangen, seit sie das letzte Mal etwas gegessen hatte. Die Stimmen der Passanten mischten sich mit dem Klappern von Krügen und dem Rufen der Marktschreier. Dann bot sich tatsächlich eine Gelegenheit!
Ein Junge, kaum älter als zwölf, stieß gegen einen der Stände, eine Handvoll Walnüsse fiel zu Boden. Der Händler fluchte, drehte sich um. Gwen glitt vorwärts. Ein schneller Griff nach einer Feige – und dann ein leises Schnippen der Klinge. Der Lederriemen eines Beutels gab nach. Die Münzen darin klimperten kaum, als sie ihn in den Falten ihres Mantels verschwinden ließ.
Ein Herzschlag später war sie fort, auf dem Weg in eine Seitengasse, bevor jemand sie bemerkte. Heute würde sie nicht hungern. Und vielleicht reichte es diesmal sogar für mehr als nur das.

In der engen, schattigen Seitengasse verlangsamte Gwen ihre Schritte. Hier war sie vor neugierigen Blicken sicher, doch das bedeutete nicht, dass sie allein war. Londinium war voller Menschen, die sich lieber abseits der belebten Straßen bewegten. Manche waren harmlos, doch anderen wollte man lieber nicht allein begegnen.
Sie lehnte sich an eine raue Steinwand und öffnete den Beutel. Münzen klimperten leise in ihrer Handfläche. Es waren nicht viele, aber genug für ein paar anständige Mahlzeiten oder eine neue, einfache Tunika. Sie musste vorsichtig sein, wo sie das Geld ausgab – zu auffällige Einkäufe weckten nur unliebsame Fragen.

Ein Geräusch ließ sie innehalten. Schritte! Sie waren gedämpft, aber gezielt. Jemand folgte ihr. Gwen drückte sich tiefer in den Schatten und spähte vorsichtig um eine Ecke.
Ein Mann stand dort, vielleicht drei Schritte entfernt. Groß und hager, mit strähnigem blondem Haar und einem berechnenden Blick. Er trug eine wollene Hose und eine Tunika. Definitiv kein Römer. Seine Hände steckten in den Falten seines Mantels. Gwen wusste genau, dass er dort eine Waffe haben konnte.

"Nicht schlecht", sagte er mit einem schiefen Lächeln. "Schnelle Finger, saubere Arbeit. Aber du hast einen Fehler gemacht."

Gwen verharrte und überlegte angespannt, was sie tun sollte. Kein panisches Davonlaufen, keine überstürzte Bewegung. Sie kannte Männer wie ihn. Das waren Straßenratten, die von Angst lebten und sie für sich nutzten. Aber Gwen hatte keine Angst. So leicht würde sie ihre Beute nicht wieder hergeben.

"Ach ja?" fragte sie ruhig.

"Ja." Sein Lächeln wurde breiter. "Du hast meine Beute gestohlen."

Gwen spannte sich an. Also gehörte der Beutel ihm? Oder wollte er sie nur einschüchtern, um selbst an das Geld zu kommen?

"Dann solltest du besser aufpassen", entgegnete sie leichthin.

Sein Blick verengte sich. "Vielleicht bringe ich dir das besser selbst bei."
Seine Hand zuckte – vielleicht zog er nach einem Messer, vielleicht wollte er sie  aber auch nur einschüchtern. Doch Gwen war schneller. Sie machte einen Schritt zurück, die Klinge verborgen in ihrer Hand – bereit, falls er sich ihr weiter näherte. Die Frage war nur: Wollte sie wirklich kämpfen? Oder gab es einen besseren Weg, um unbeschadet aus dieser Situation herauszukommen?

Gwen wich noch einen Schritt zurück, aber nur so weit, dass sie die Mauer noch im Rücken hatte. Flucht war nicht ihre erste Wahl. Der Mann musterte sie abschätzend, sein Mund verzog sich zu einem dünnen Grinsen.

"Kluges Mädchen", sagte er und hob leicht die Hände, als wolle er zeigen, dass er keine Gefahr darstellte. "Du bist schnell und vorsichtig. Das gefällt mir."

Sie  entgegnete nichts, hielt aber den Griff ihres Messers fest in der Hand. Vertrauen war in den Straßen Londiniums eine Ware, die sich niemand leichtfertig leisten konnte.

"Ich bin Drystan", fuhr er fort. "Und du hast gerade meinen Beutel gestohlen. Oder besser gesagt … den Beutel, den ich mir nehmen wollte, bevor du schneller warst." Für ihn war es ein Test gewesen. Er hatte sie beobachtet. Vielleicht von Anfang an.

"Dann warst du nicht schnell genug", entgegnete Gwen kühl.

Drystan lachte leise. "Das stimmt wohl." Er lehnte sich lässig gegen die gegenüberliegende Wand der Gasse. "Weißt du, wir könnten uns gegenseitig das Leben schwer machen. Oder aber wir könnten es uns leichter machen."

Gwen musterte ihn. Er war mager, aber kein Bettler. Seine Kleidung war abgetragen, aber nicht wertlos. Vor allem aber hatte er eine Gelassenheit an sich, die nur jemand besaß, der sich in den dunklen Ecken dieser Stadt auskannte – und überlebte.
"Wie meinst du das?" fragte sie schließlich.

"Du bist flink, hast scharfe Augen und eine ruhige Hand. Aber du bist allein." Er machte eine bedeutungsschwere Pause. "Und allein kommt man hier nicht weit."

Sie wusste, dass er recht hatte. Jeder Tag war ein Kampf. Und wenn sie Pech hatte, wurde sie erwischt. Dann war sie auf sich gestellt. Die Römer fackelten nicht lange mit jemandem wie ihr. Man würde sie ans nächste Kreuz schlagen. Keine angenehmen Zukunftsaussichten.

Drystan schob sich von der Wand weg. "Ich kenne die Straßen. Die Leute. Die besten Wege, um unterzutauchen. Und ich könnte jemanden gebrauchen, der so schnell mit den Fingern ist wie du."

Gwen hielt den Blick auf ihn gerichtet, doch ihre Gedanken waren woanders. Es gab Gründe, warum sie allein arbeitete. Gründe, über die sie niemals sprach.
"Nein." Ihre Stimme war ruhig, aber entschieden.

Drystan blinzelte überrascht. "Nein?"

"Ich arbeite allein." antwortete sie.

Sein Blick wurde prüfend, als versuche er, durch ihre Fassade hindurchzusehen. "Bist du sicher? Allein ist es riskant."

"Dann ist es eben riskant." Sie richtete sich auf und zog den Mantel enger um sich. "Aber ich lasse mich nicht auf Dinge ein, die mir irgendwann den Strick um den Hals legen könnten."

Einen Moment lang herrschte Stille zwischen ihnen. Dann zuckte Drystan mit den Schultern und ließ sein schiefes Grinsen wieder aufblitzen. "Wie du willst."

Sie nickte ihm knapp zu, bevor sie sich in Bewegung setzte. Weg aus der Gasse, weg von ihm. Sie hatte es überlebt. All die Jahre, seit ihr altes Leben eine plötzlche Wendung erfahren hatte. Und sie würde es auch weiterhin tun. Ohne Drystan oder irgendjemand anderen...
Niemand durfte erfahren, wer sie wirklich war.
[Bild: 3_15_08_22_9_39_13.png]
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[Markt beim Forum] Gwen und der Klang fallender Münzen - von Gwen - 02-23-2025, 07:03 PM

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