Willkommen im Forum, Bitte Anmelden oder Registrieren

Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
02-27-2025, 09:27 PM,
Beitrag #1
Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Mein Leben hatte sich wirklich sehr verändert, seitdem ich mich nicht mehr auf Druck meiner Mutter verkaufen musste und der Makel der Infamie dank einer netten, kleinen Bestechung und entsprechend neuen Urkunden von mir gewaschen war. Ich musste nicht mehr auf jeder Party sein und überall lachend zu schlechten Witzen einen reichen Gönner anlocken. Nein, ich hatte jetzt sehr viel Freizeit, für Thermen, Theater – gut, die hatte ich auch als Hetäre sehr regelmäßig besucht – und dafür, einfach nur in Ruhe zuhause zu sein.
Nur eine Ausnahme gab es in meinem Leben, und die hieß Marcus Pompeius Flavus. Er war Witwer, sehr wohlhabend und ein wahres Goldstück von Mensch, wenn man es erst einmal geschafft hatte, an seiner harten Schale vorbeizukommen. Eben jene hatte er sich zugelegt, nachdem er als Jugendlicher noch einen Angriff auf sich und seine Bruder überlebt und eine ziemlich auffällige Narbe von dem Kampf mitten im Gesicht davongetragen hatte. Die meisten Frauen sahen ihn deshalb entweder mit Schrecken oder voller Mitleid an, was er beides nicht ausstehen konnte. Bei Männern ebensowenig. Aber wo sein hartes Aussehen ihn zwang, hatte er sich die Rolle des harten, kalten Mannes auch angewöhnt. Und es hatte ihn sehr verwirrt, als ich ihn auf einer kleinen, eher privaten Feier getroffen und schlicht ganz normal behandelt hatte wie jeden anderen auch. Gut, vielleicht etwas freundlicher, etwas flirtender, aber ansonsten ganz so, als wäre er keineswegs entstellt und als würde ich den finsteren Blick nicht bemerken.
Und so hatte er angefangen, meine Gesellschaft zu suchen, sich mit mir zu unterhalten, zu lachen, einfach spazieren zu gehen und mir nach und nach sein wahres Gesicht zu zeigen. Er erzählte mir seine Lebensgeschichte, von der Scheidung seiner ersten Frau und dem Tod der zweiten, und ich erzählte ihm meine – zugegebenermaßen erfundene – Geschichte, nach welcher auch ich Witwe war, allein mit meiner kleinen Tochter, nach einer Ehe, die voller Liebe begonnen und sich dann zu einem Gefängnis entwickelt hatte. Der Teil war sogar durchaus wahr und musste von mir nicht gespielt werden. Nun, ich ließ das Dasein als Hetäre weg, und meine Mutter war in meiner Geschichte ebenfalls tot und nur ein böser Geist, der Druck auf mich ausgeübt hatte während meiner gesamten Jugend.


Und wie ich es Kiki prophezeit hatte, hatte er mir schließlich einen Antrag gemacht. Mehr noch, er würde meine Tochter adoptieren, da sie ja nur ein Mädchen war und weder dem vorhandenen Sohn, noch eventuell folgenden Söhnen das Erbe streitig machen würde. Und ich hatte ja gesagt. Freudig sogar. Nun, vielleicht im Inneren ein wenig wehmütig, und vielleicht auch ein wenig beschämt über mich selbst, einen solch guten Mann zu betrügen, aber dennoch mit einem guten Gefühl, dass mein Leben jetzt besser sein würde, als je zuvor.


Deshalb war ich auch entgegen meiner sonst sehr ruhigen Gewohnheiten heute auch außer Haus, begleitet von meinem Leibwächter, die Palla gegen die Kälte züchtig hochgezogen, einen warmen Pelz darunter noch zusätzlich über die Schultern geschlungen – ein Geschenk von Marcus – und auf der Suche nach einem passenden Flammeum. Da es für uns beide nicht die erste Ehe war, war ein Großteil der Bräuche ohnehin nicht wichtig für uns und würde übergangen werden. Ich musste keiner Amme entrissen werden und würde sicher nicht schreien und weinen, wenn ich einen so guten Fang machte. Aber ein Flammeum würde ich anziehen, und dafür brauchte ich ein fein gewebtes.
Der Statthalter hatte irgendeinen jungen Kerl zum Tode verurteilt, weshalb die Straßen hier auch von dem üblichen Gesindel etwas befreit waren, das sich vermutlich gerade noch mit dem Blut und dem Zerstückeln der Leiche vergnügte. Dinge, die ich wahrlich nicht mit anzusehen gedachte. Ich nutzte die Zeit lieber, um einzukaufen und wandte mich so dem nächsten, besseren Horreum mit Stoffmarkt zu.


*reserviert
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
Zitieren
 
03-09-2025, 05:30 PM,
Beitrag #2
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
>>>
Saturninus, übel zugerichtet, bleich und mit flackerndem Blick, ließ sich von den Kauflustigen vorwärtsschieben und vom Bauch des Horreums verschlucken. Drinnen roch es nach Stoffen, raschelte Seide, wurden Baumwollballen hochgehalten, aber Saturninus interessierte nur, wo der gegenüber liegende Ausgang war, und seine Sklaven machten ihm den Weg frei, obwohl einige Matronen zeterten.
Eine junge Römerin, die Palla über den Kopf gezogen und einen Pelz gegen die britannische Kälte über die Schultern gelegt, stand im Weg, und ihr Leibwächter gebot den seinen Abstand, in dem er sie mit seinem Körper abschirmte. Etwas an ihrer Haltung, wie sie den Kopf hielt, rührte Saturninus an; erinnerte ihn an etwas oder jemanden, den er schon lange vergessen glaubte.
"Entschuldige, meine Dame, ich habe es leider etwas eilig", sagte er: "Es war keinesfalls meine Absicht, dich zu bedrängen"
Er versuchte, ihr Gesicht zu sehen, und es gelang ihm. Es war herzförmig, mit großen braunen Augen und einem wunderbar geschwungenen Mund. Eine vorwitzige Locke fiel über ihre Stirn.
Einst hatte Saturninus diese Locken hinter ihre Ohren zurückgestreift. Einst hatte er in diesen Augen Zuneigung vermutet, einst hatte er diese Lippen bis zur Besinnungslosigkeit geküsst. Aglaia! Das war Aglaia, auch wenn es unwahrscheinlich war, so in sie hineinzulaufen. Aber er hätte sie immer wieder erkannt. Seinen Wind aus Arkadien, die mittlere Charite vom Grazienbrunnen. Sie war noch so schön wie früher, oder vielleicht sogar noch schöner, so dass sein Mund trocken wurde, wenn er sie nur ansah.
Saturninus trat einen Schritt zurück. Er wusste, dass er zum Fürchten aussah:
"Entschuldige!", sagte er noch einmal.
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
Zitieren
 
03-09-2025, 08:24 PM,
Beitrag #3
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Es hatte eine ganze Weile gedauert, bis ich gefunden hatte, was ich gesucht hatte, und noch länger, bis ich ein Flammeum ausgewählt hatte, das mir tatsächlich gefiel. Aber schließlich hatte ich einen langen Schleier in leuchtendem Orange gefunden, so fein gewebt, dass man hindurchsehen konnte, und am Rand mit so filigranen Stickereien besetzt, dass je nach Lichteinfall Blumenmuster, sanfte Sterne oder verschlungene Ranken zu sehen waren. Ich schloss den Handel ab und sagte dem Händler, wo er den Stoff hinliefern sollte – natürlich trug ich nicht selbst mehrere Ellen Stoff nach Hause wie eine Wäscherin – und wo ich ihn auch bezahlen würde, und wandte mich weiter, noch ein klein wenig über den Markt zu streifen. So langsam füllte die Halle sich wieder, was wohl hieß, dass der Verurteilte sein Leben verbüßt hatte und all diejenigen, die jetzt nicht noch seinen Leichnam schänden, ihm Gliedmaßen und insbesondere seinen Phallus abtrennen oder…. Anderes mit ihm tun wollten, so langsam wieder in die Stadt zurückströmten. Höchste Zeit also, nach Hause zu gehen.

Barnabas an meiner Seite war dabei wie eine lebendige Schutzmauer, und ich war ihm sehr dankbar. Aber selbst er schaffte es nicht immer, alle Menschen von mir fernzuhalten. Und so hörte ich auch eine Stimme, die mir vertraut vorkam. Aber erst, als ich mich leicht umdrehte und Barnabas sich schon ganz automatisch zwischen mich und den Drängler schob, erkannte ich Furius Saturninus. Und er sah entsetzlich aus, als hätte er sich erst eben gerade geprügelt. Oder mehr, als wäre er verprügelt worden. Kleidung und Haar war zerzaust und im Gesicht zeichnete sich eine Stelle ab, die sicherlich ein ordentliches Veilchen werden würde. Selbst seine Augen wirkten wie die eines getretenen Hundes.
Aber das erschreckte mich ehrlicherweise nicht so sehr wie die Tatsache, dass er hier überhaupt vor mir stand und mich angesprochen hatte. Verfolgte er mich? Hatte er mitbekommen, dass ich heiraten wollte und wollte er mir nun alles kaputt machen? Er hatte mich sehr schlecht behandelt und war einer der beiden Gründe, warum ich nicht länger in Iscalis hatte bleiben wollen. Und er war ein rachsüchtiger Mann, der sich gerne in seine Phantasien hineinsteigerte, ob sie der Realität entsprachen doer nicht. Ich konnte mir sehr leicht vorstellen, dass er extra aus Iscalis hergekommen war, um mir mein Leben, das ich mir gerade erst wieder aufgebaut hatte, gleich wieder zu zerstören.
Zum Glück war ich aber geübt genug, meine Gefühle immer und stets hinter einer Maske zu verbergen, damit nie ein Mann erraten würde, was ich wirklich dachte. Und so war mein Gesichtsausdruck wohl bestenfalls neutral überrascht, als sich Barnabas zwischen uns schob und sich bereit machte, den Rüpel, der seine Herrin ansprach, in seine Schranken zu verweisen, wie es seine Aufgabe war. Oh, er musste niemanden besiegen oder gar umbringen, das war für einen Sklaven gefährlich. Er musste nur bedrohlich genug sein, dass Männer davon Abstand nahmen, ihr Glück zu versuchen, und im Zweifelsfall mir die Gelegenheit bieten, laut genug um Hilfe zu schreien und einen Angreifer so lange abzuhalten, bis die Stadtwachen herbeigekommen waren, um mir zu helfen. Nur in diesem Fall wollte ich keine Wache alarmieren und mich öffentlich erklären müssen, da dies Furius Saturninus nur in die Hände spielte.
Ich packte also Barnabas am Oberarm und hielt ihn so zurück, ehe er Streit anfangen konnte. “Ich bin sicher, der Herr hat es nicht böse gemeint, Barnabas“, sagte ich nur bestimmt und trat ein wenig beiseite. Angeblich hatte Saturninus es ja eilig, und so stand ich nicht im Weg. “Bitte, der Weg ist frei.“Aber ich blieb dicht genug bei meinem Leibwächter stehen, dass ich in seinem Schutzbereich stand. Saturninus sollte nicht auf die Idee verfallen, dass ich mich noch einmal auf ihn einlassen könnte.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
Zitieren
 
03-12-2025, 04:06 PM,
Beitrag #4
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
"Liciniana Aglaia!", sagte Saturninus nur. Sie war es unverkennbar,  wenn sie auch in Kleidung und Auftreten den Nimbus der Wohlanständigkeit trug und so tat, als hätte sie ihn nicht erkannt. Als wäre er nur ein Passant, der sie versehentlich fast gestoßen hätte. Er musterte sie mit seinen dunklen Augen. Sie ist wie eine striga, dachte er, mein Blutgeruch hat sie vermutlich angezogen. Gleichzeitig fühlte er jedoch Nostalgie, Sehnsucht nach den alten Zeiten, als sie beide noch jünger und vielleicht auch glücklicher gewesen waren:
"Ich würde dich immer wieder erkennen, selbst in den Tiefen der Unterwelt, Aglaia. Bitte leugne es nicht weiter. Du brauchst dir jedoch bitte auch keine Sorgen zu machen. Es ist nur Zufall, dass du mir...sozusagen in die Arme gelaufen bist", vor Aglaias Leibwächter hatte Saturninus keine Angst. Er hatte sich heute schon einmal derb geprügelt, es käme ihm nicht auf ein zweites Mal an. Er selbst hatte außerdem vier Sklaven dabei.
"Du siehst... sehr schön und ...bürgerlich  aus", fuhr der Furius fort: "Wie geht es Dir und wie geht es deiner kleinen Tochter? Hat sie die Lunula noch, die ich ihr einst schenkte?", seine Sklaven bildeten nun eine Mauer gegen die Leute, die vorüber wollten, dennoch standen sie alle eindeutig im Weg der Kauflustigen:
"Könnten...wir vielleicht woanders hingehen, um ein wenig zu reden, Aglaia?", bat Saturninus, wobei er ihren Namen sanft betonte:
"Ich weiß, dass ich furchtbar zugerichtet bin. Verzeih bitte meinen Aufzug! Ich hatte noch keine Gelegenheit, mich frisch zu machen, was ich sonst nie versäumte, bevor ich dich früher aufgesucht habe"
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
Zitieren
 
03-12-2025, 04:39 PM,
Beitrag #5
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Verdammt, er wollte mich wohl wirklich zurück, so wie er säuselte. Und dachte er ernsthaft, dass ich mich so mit ihm in der Öffentlichkeit zeigen würde? Nach allem, was er getan und mir angetan hatte? Ich richtete mich gerader auf, um etwas herrschaftlicher zu wirken, und sah ihm reserviert entgegen.
“Sie hat in der Zwischenzeit eine neue Kette.“ Das von einem anderen Mann, der mir zugetan ist ließ ich unausgesprochen. So dumm war Saturninus nicht, als dass er das überhören würde, auch wenn ich es nicht sagte. “Wenn du deine Kette zurück haben willst, kann ich sie dir über einen Kurier zustellen lassen, sofern du mir sagst, wo du residierst.“ Denn weder würde ich sie ihm persönlich bringen, noch würde er erfahren, wo ich wohnte. Und wenn jemand wie ich Geschenke zurückgab, war das ohnehin auch schon eine Aussage für sich.

“Und auch ein Treffen muss ich ablehnen, werter Furius. Nicht nur wegen deines gerade etwas derangierten Äußeren, aber ich bin einem anderen verpflichtet.“ Die Ansprüche eines anderen Mannes geltend zu machen war normalerweise bei aufdringlichen Verehrern sehr wirkungsvoll. Sagte man als Frau einfach nur so Nein, glaubten viele Männer, sie müssten nur genügend Druck aufbauen, um uns Frauen zu einem Ja doch noch zu zwingen. Sagte man hingegen, dass man schon einem anderen Mann gehörte, benahmen sie sich üblicherweise.
“Aber du solltest dennoch jemanden aufsuchen, der dich verarztet, bevor dich noch die Wachen für einen üblen Raufbold halten.“ Was er zweifellos war, das wussten wir wohl beide. Und die arme Kreatur, die ihm über den Weg gelaufen war und an der er seine schlechte Laune ausgelassen hatte. Vielleicht sollte ich doch die Wache auf ihn aufmerksam machen, die Störenfriede auf den Märkten nicht duldete. Und im Moment sah er durchaus wie einer aus.

Aber erst einmal hoffte ich, dass er die Nachricht verstanden hatte, dass ich kein Interesse an einer Erneuerung unserer Bekanntschaft hatte. Ich wusste sowieso nicht, worüber er hätte reden wollen. Wie schlecht er mich behandelt hatte? Ich bezweifelte, dass Saturninus zu so viel Selbstkritik fähig war. Abgesehen davon würde das ohnehin nichts ändern. Ich war aus gutem Grund aus Iscalis weggezogen und in eine große Stadt, in der ich anonym sein konnte, wenn ich wollte. Und ich wollte.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
Zitieren
 
03-13-2025, 03:38 PM,
Beitrag #6
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
"Das Amulett ist das Wichtigste daran. Meine Kette war aus Gold, sie ist von Wert. Ich will sie nicht zurück. Aber ich verdiene es wohl, dass du jedes Geschenk, das ich dir einst zukommen ließ, schmähst und dazu benutzt, mich zu beleidigen", sagte Saturninus ruhig, wobei seine Ruhe nicht der Gemütsruhe eines in sich ruhenden Mannes entsprang, sondern einer gedrückten  Stimmung, als würde er vor einer Hinrichtung stehen. Heute war er selbst für seine Verhältnisse düsterer Laune.
"Deine Schroffheit ist angebracht, werte Liciniana Aglaia. Es muss in der Tat das sein, was ich verdiene. Und Prügel der Wachen obendrein. Oder Sex mit einem billigen  Schankmädchen. Dabei habe ich nicht einmal Geld für schlechten Wein. Mein saudummer Sklave..", Saturninus warf dem unglücklichen Sidonius, der den Geldbeutel hatte aufbewahren sollen, einen dunklen Blick zu:
"...hat sich tatsächlich vor etwa einer Stunde beklauen lassen. Ich meinte auch nicht diese Art von Treffen, die einen Gönner verärgern könnte...", er blickte an Aglaia herunter: "Oder einen festen Freund, so matronenhaft wie du dich gibst. Vielleicht sogar einen Ehemann. Warum nicht; du warst schon immer eine Meisterin darin, vorzuspielen, was nicht die Wahrheit ist? Freundschaft und Liebe und Begehren. Die Welt ist unsere Bühne. Es geht nur darum, seine Rolle möglichst gut zu spielen, damit die blöde Masse applaudiert.
Apropos Applaus: Warst du nicht auch bei der Hinrichtung von Corvus? Londinium verdankt das Spektakel nämlich mir", er legte den Kopf schief, weil ein Auge mittlerweile ziemlich zugeschwollen war:
"Mir geht es nicht gut, werte Liciniana Aglaia", gestand er: "Nicht heute. Mir tut alles, alles so Leid"
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
Zitieren
 
03-15-2025, 12:46 PM,
Beitrag #7
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Ich interpretierte das mal als Nein, ich will die Kette nicht zurück. Um ehrlich zu sein war mir das ziemlich gleich, so musste ich schon nicht danach suchen oder einen unauffälligen Ersatz beschaffen, denn ich war mir nicht mal sicher, ob ich die Kette bei meinem Auszug überhaupt mit nach Londinium genommen hatte. Sie bedeutete mir schließlich nichts, Saturninus hatte sie mir geschenkt, nur wenige Augenblicke bevor er völlig ausgerastet und mich beleidigt verlassen hatte. Warum also hätte ich das Ding seiner Meinung nach noch haben sollen?

Aber gut, ich kannte die Art von Mann, die so von sich selbst überzeugt waren, dass sie wirklich absolut nichts außer sich selbst sahen. Wie Narziss, der so in sein Spiegelbild verliebt war, dass er nicht einmal eine nahende Gottheit gesehen hatte. Das könnte auch Saturninus passieren, auch wenn er es vehement bestreiten würde.
Erst einmal mokierte er sich über seinen Sklaven, dann über mich, und schließlich über irgendeinen Corvus, den er hatte hinrichten lassen. Sollte das eine Drohung an mich sein? Vermutlich. In jedem Fall sah ich mich um, wo die Wachen rumlungerten, die für Ordnung auf den Märkten sorgen sollten, sagte aber nichts zu seinem seltsamen Ausbruch, den er mit einer noch seltsameren Entschuldigung abschloss. Ich hatte keine Ahnung, wem oder was diese Entschuldigung gewidmet war. Mir, wie er mich behandelt hatte und gerade immer noch behandelte, wohl sicher nicht. Vielleicht dem Hingerichteten, aber am wahrscheinlichsten sich selbst, weil er in Selbstmitleid ertrank.
“Nein, ich war nicht dort. Was immer du suchst, Furius, wirst du hier nicht finden. Du solltest nach Hause gehen und dich versorgen lassen“, antwortete ich nur und verweigerte ihm die Genugtuung, von meinem Leben zu erfahren. Ich würde ihm garantiert kein Sterbenswörtchen von Markus erzählen. Die Zeiten, in denen er ein Anrecht auf Informationen von mir geltend zu machen versuchen konnte, die waren vorbei.
“Wenn du mich also entschuldigst, ich gehe die Therme besuchen.“ Nicht, weil ich das vorhatte, sondern als Code für Barnabas. Die Thermen waren ein riesiges Gebäude mit mehreren Ein- und Ausgängen und einem abgetrennten Frauenbereich, so dass das der perfekte Ort war, wenn man Verfolger abschütteln wollte.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
Zitieren
 
03-17-2025, 06:47 PM,
Beitrag #8
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
"Jedoch ich war dort", sagte Saturninus sich auf die Hinrichtung beziehend:
"Nicht um der Grausamkeit Willen, das brauchst du nicht denken, sondern um jede Konsequenz, die mein Handeln mit sich brachte, auch bis zur bitteren Neige auszukosten" , er reckte sein Kinn vor , er suchte ihren Blick, sein Blick streifte ihre ausdruckslose Miene. Zweimal schon hatte sie ihm schon gesagt, dass er sich von einem Medicus versorgen lassen sollte. Aber das geschah gewiss nicht aus Sorge, es geschah, weil sie ihn loswerden wollte.

 Saturninus sprach:
"Du kennst bestimmt die Geschichte von Diogenes von Siope, der am hellichten Tag mit einer Laterne herumlief, und als man ihn fragte, was er suche, sagte er, er suche einen Menschen. Ich dachte tatsächlich für einen Moment, dass Du einer sein könntest. Heute hätte ich die Gesellschaft eines Menschen brauchen können. Mehr wollte ich nicht. Verzeih mir bitte meinen Irrtum", er deutete eine spöttische Verbeugung an und wäre beinahe gestolpert:
"Es soll nicht wieder vorkommen, Liciniana"

Was er heute gesucht hatte, war einfach nur ein offenes Ohr, und das würde sie ihm niemals leihen. Nicht nachdem sie - übertriebenerweise, denn er hatte ihr nicht nachgestellt - nach Londinium abgehauen war. Hatte sie ihm aber je zuvor Freundschaft bezeugt? Er, Saturninus, hatte durch lange Wühlarbeit den Grundstein zu Ovidius Deculas Abstieg gelegt, nur weil dieser einst Aglaia beleidigte. Er hatte ihr, bevor sie sich gestritten hatten, sagen wollen, dass sie den Militärtribunen nie wieder zu fürchten brauchte. Sie hatte nie etwas für ihn getan. 
Und was hatte Aglaia nicht dem Licinianus Owen zugefügt? Hatte sie nicht bisher jeden Mann böswillig verlassen, ja, sogar den angeblich über alles geliebten Ehemann? Owen hatte vor Kummer geweint und geklagt vor ihm, Saturninus. 

Aglaia war wie die Bronzefigur des Brunnens, der nach ihr benannt war, und die ihr glich, weil ihr Ehemann noch einmal all seine Liebe hineingelegt hatte, sie zu schaffen: ewig jung und schön, doch eben kalt und hart wie Metall. Das erste Mal schmeckten sie dem Furius schal, all die Hetären, die Käuflichkeit, das Lächeln, das nur galt, wenn man es mit Gold aufwog. Saturninus war ihnen nachgejagt: Aglaia, Kiki, Narcissus....der Lust, dem raffinierten Vergnügen, der Sinnlichkeit und dem Vergnügen an dem Erlegen des Wildes geschuldet....er hatte aber jetzt das erste Mal genug davon, von dieser amorphen Masse, die man nie zu packen bekam, wenn man sie brauchte, die zurückwich, sich verflüchtigte und ihn immer nur genarrt hatte.
Unerwartet wallte in ihm Sehnsucht nach seiner Frau Serena auf. Sie allein war sein Anker im tiefen Meer, sie war rein, sie war in Freude und Not fest an seiner Seite...

"Ich will dich nicht von deinen Geschäftigkeiten abhalten, Liciniana. Gehe in die Thermen, baden. Doch gedenke, dass sich nicht jeder Fleck mit Wasser abwaschen lässt. Manchmal geht es nur mit Blut. Manchmal aber überhaupt nie wieder.
Ich wünsche deinem neuen Mann viel Freude an Dir. Ich wünsche ganz Londinium viel Freude an Dir"


Saturninus trat zur Seite. Er war sich sicher, dass Aglaia ihn nicht verstand. Wie sollte sie? Satte Zufriedenheit und düstere Niedergeschlagenheit sprachen nicht die gleiche Sprache.
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
Zitieren
 
03-17-2025, 08:14 PM,
Beitrag #9
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Es wunderte mich nicht, dass Saturninus sehen wollte, wie jemand, den er vor Gericht gebracht hatte, auf grausame Weise sein Leben verlor. Er gehörte zu diesen Männern, auch wenn er sich selbst gerne gänzlich anders sehen wollte. Er wollte groß und gönnerhaft und bewundert sein, aber eigentlich war er ziemlich klein, leicht aus der Fassung zu bringen und ängstlich. So ängstlich, dass er alles und jeden verdächtigte und zu so etwas wie Vertrauen gar nicht fähig war. Natürlich musste er da mit ansehen, wie jemand starb, um sicher zu gehen, dass derjenige sich nicht rächen konnte.
Er beleidigte mich weiterhin und ich ging davon aus, dass er gerade einfach jemanden suchte, um sich an ihm abzureagieren, und das ganze hinter dieser seltsamen Art, mich einerseits um ein Treffen zu bitten und andererseits permanent zu beleidigen, versteckte. Was ich allerdings keine Sekunde lang glaubte, war, dass er sich tatsächlich freundschaftlich mit mir hatte unterhalten wollen. Dann hätte er dieses Gespräch ganz anders geführt. Oder vielleicht auch nicht, es würde durchaus auch zu ihm passen, zu denken, jemanden zu einem Gespräch erpressen zu können oder konsequenzenlos Beleidigungen zu verteilen.

So oder so, ich ließ es über mich ergehen und hielt mich in Barnabas’ Schatten, bis er endlich einsah, dass ich nicht ein geeignetes Ziel darstellte. Seine Sticheleien beim Abschied passten zum Rest und blieben ebenfalls von mir unbeantwortet, auch wenn ich ihm wirklich gerne an den Kopf geworfen hätte, ob er eigentlich merkte, wie unmöglich er sich verhielt, und ob er wirklich dachte, dass irgendjemand sein Freund sein wollte, wenn alles, was er konnte, beleidigen, unterdrücken und bedrohen war. Und ob er tatsächlich dachte, dass ich mit ihm reden wollen würde, nachdem er mich so schlecht behandelt hatte und auch jetzt nur Beleidigungen für mich übrig hatte. Aber nein, ich sagte nichts und blieb ruhig, machte mich uninteressant für ihn, und es wirkte ja schließlich auch. Er machte den Weg frei.
“Leb wohl, Furius“, verabschiedete ich mich und schritt selbstverständlich nicht an ihm vorbei. Ich war nicht lebensmüde. Man drehte einem gefährlichen Mann nicht den Rücken zu, solange er in Griffreichweite war. Nein, stattdessen trat ich rückwärts ganz in Barnabas Schatten, schlug meine Palla noch etwas weiter nach oben und ging zwischen den Ständen durch zu der benachbarten Marktstraße, wo ich auf Barnabas wartete, der mir erst mit einigem Abstand folgte. Und ja, ich ging tatsächlich in Richtung Thermen, nur für den Fall, dass er mir doch folgen würde.
[Bild: 15_14_01_23_5_20_11.png]
Zitieren
 
03-19-2025, 02:54 PM,
Beitrag #10
RE: Horreum vellerum | Überdachter Woll- und Stoffmarkt | Aglaia kauft ein
Und Aglaia ging, in dem sie in den Schutz ihres Leibwächters trat. Sie sagte nichts auf seine Worte. Sie tat, als würde sie ihn fürchten; dabei wusste sie nur zu gut, dass wenn Saturninus es wirklich gewollt hätte, hätte er ihr irgendwas anhängen und ihr neues Leben zerstören können. Er hatte gerade zugeschaut, wie ein Mann, für den er Freundschaft gefühlt hatte, hingerichtet wurde. Was war da schon ein infames Frauenzimmer! Aber er wollte nicht. Aglaia erschien ihm gerade das, an was er vorhin gedacht hatte: Teil einer gesichtslosen, zähen Masse, die man nicht zu fassen bekam, weil gar nicht genügend Substanz da war, sie zu fassen. Er hatte ihr gesagt, dass ihm alles Leid tat, und damit meinte er alles; nicht nur die Ereignisse des heutigen Tages, sondern auch ihre Trennung; sie hatte jedoch nicht weiter nachgefragt.  Kein Wort. Aber dann erinnerte sich Saturninus daran, dass Aglaia ihn schon bei ihrem letzten Treffen nicht anhören wollte.  Hätte sie ihn in der Vergangenheit nur ein kleines bisschen gern gehabt, so hätte sie jetzt doch mit ihm geredet? 

Aglaia war nun weg. Saturninus Kopf brummte. Er fasste sich an die Stirn und stützte sich auf Sidonius: "Ich muss etwas trinken", sagte er: "Gehen wir...."

>>>
[Bild: 3_18_08_22_2_20_05.png]
[Bild: 3_15_08_22_9_31_55.png]

Honoratior von Iscalis
Zitieren
 


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 2 Gast/Gäste