>>>
In der Nacht darauf, als ich Besuch meines Tutors gehabt hatte, begannen die Wehen. Ich dachte anfangs, dass sie so hießen, weil sie kamen und gingen wie ein Wind, der ab und an
wehte. Aber später verstand ich, dass sie so hießen, weil sie sehr
weh taten. Ich fragte mich wirklich, wieso Frauen nach einem einzigen dieses Erlebnisses noch weitere Kinder wollten. Aber sie wollten!
Ich war froh, dass nur Anaxarete, der Sklavin Niko und der Hebamme Urbica mir Beistand leisteten. Die Hebamme brachte einen klappbaren Gebärstuhl mit, und als ich saß und mich aufstützen konnte, hatte ich mehr Kraft, doch nicht weniger Schmerzen. Anaxarete löste mein Haar, löste jedes Band, denn nichts sollte gebunden sein an mir. Sogar mein Armband mit dem Isisknoten nahm sie ab.
Allen Geburtsgöttinnen wurden angerufen und ihnen Honigwein geopfert:
Postverta, Prosa, Lucina... doch besonders der Nymphe
Egeria, zu deren Ehren auch die männlichen Claudier vor einer Schlacht ein Licht entzündeten und um den Sieg baten. Egeria sollte das Baby heil und gesund herausbringen. Ganz am Anfang schon hatte ich die Mutter Isis angerufen, mir beizustehen.
Ein Trank aus
kretischem Diptam half mir, als es nicht weitergehen wollte.
Ich brachte das Kind am anderen Tag auf die Welt. Es kam, als die Sonne aufging. Ich bekam nur mit, dass Anaxarete und Niko es mitnahmen und da wusste ich bereits, dass es ein Junge war.
Gerste oder Weizen....
Urbica kam dann noch einmal zu mir: "Du hast einen schönen,an allen Gliedern gesunden Sohn geboren, edle Claudia Sabina" sprach sie und half mir, ein anderes Getränk zu trinken. Ich nickte:
"Schickt gleich einen Boten zu meinem Exehemann" , dann trank ich den Becher aus, obwohl der Trunk bitter war wie Myrrhe. Es war wohl etwas zum Schlafen, denn ich schlief fast sofort wieder ein, und mein Schlaf war tief und fast traumlos.
Als ich erwachte, war schon wieder ein ganz anderer Tag. Anaxarete saß bei mir auf meiner Bettkante. Ich konnte mich kaum bewegen, so fest hatte man mir Brüste und den Unterleib abgebunden:
"Ich ersticke schier. Muss das so eng sein?", sagte ich.
Und dann fing ich an, heftig zu weinen. Mehr möchte ich nicht schildern Anaxarete saß bei mir, hatte meinen Kopf in ihrem Schoß und sagte wie früher, als ich klein gewesen war: "Mein Lämmchen, mein Herzchen, meine Kleine...."
Anaxaretes Kur wirkte. Ich war körperlich rasch wieder hergestellt und nach dem Liegen im Wochenbett kam der Tag, an dem ich aufstand und mich nackt im Spiegel betrachtete. Körperlich sah ich aus wie früher, schlank mit einer schmalen Taille und gerundeten Hüften; vielleicht waren meine Brüste etwas rundlicher geworden.
Alles, was geschehen war, erschien mir jetzt - vielleicht auch dank des Opiumtrankes, den ich getrunken hatte - wie ein ferner Traum. Ich wusste, dass es meinem Sohn Marcus Iulius Cator Minor bei Stella gut gehen würde, bis sein Vater ihn holen ließ. Und die Großeltern in Rom, die den Erbenkel schon sehnsüchtig erwarteten, würden ihn zweifellos verwöhnen und lieben. Es gab sehr viele Menschen, die ihn liebten. Er war nicht ausgesetzt oder verlassen worden. Dennoch blieb ein Stachel, ein ganz tiefer Schmerz, bis auch der weniger wurde, obwohl er nicht verging. Nicht das Schicksal, sondern wie man ihm begegnete, das war es doch, was alles ausmachte.
Als die Zeit vorbei war, machte ich mich bereit, um nach Londinium zurück zu kehren. Vermutlich war Petilius Vindex schon angekommen, da die Schiffe schon wieder fuhren. Lucius Petilius Vindex, mein zukünftiger Ehemann....