Unser Onkel Gerfridu war bei uns geblieben und unterrichtete die größeren Jungen und auch einige zuverlässige Arbeiter im Waffenkampf. Zwar herrschte in Iscalis und Umgebung die
Pax Romana, der römische Friede, aber es gab manchmal Räuberbanden, die meinten, sich an anderer Menschen Eigentum vergreifen zu müssen. Unsere kampfgeübten jungen Leute würden abschreckend wirken.
Ich traf ihn, als ich gerade mit Quiwon aus dem Stall kam. Er schaute ernst drein, die Stirn gerunzelt.
"Oheim, welche Laus ist dir über die Leber gelaufen?", fragte ich ihn in unserer Chattensprache, und Quiwon quitschte vor Vergnügen, denn diesen Ausdruck kannte er noch nicht.
"Keine Laus, sondern eine Römerin", erwiderte Gerfridu.
Ich wusste sofort, wen er meinte. Sergia Viola und er waren nach der Hochzeit meiner Schwester einjeder wieder ihren Bestimmungen gefolgt. Sie waren erwachsene Menschen und hatten schließlich Pflichten. Gerfridu war bei uns in Britannien geblieben. Aber vergessen hatten sie sich nicht, zumindest Gerfridu sie nicht...Ich hoffte für ihn, dass Sergia Viola auch an ihn dachte.
"Tut das nicht weh?", erkundigte sich Quiwon teilnahmsvoll.
"Was....?"
"Na wenn eine Römerin über deine Leber spaziert, Oheim Gerfridu..."
Gerfridu lachte laut auf und hob zum Spaß drohend die Hand. Quiwon flitzte davon.
Gerfridu aber sprach:
"Ich habe der edlen Sergia Viola einen Brief geschrieben. Nun brauche ich dich, damit du meinen Stil und meine Rechtschreibung verbesserst"
Mein Onkel sprach Latein, hatte allerdings nicht viel Übung im Schreiben.
"Komm mit zu Stella, wenn du einen schönen Stil brauchst, der einer edlen Patrizierin würdig ist", sagte ich zu ihm:
"Ich habe in letzter Zeit nur Landwirtschaftskram geschrieben"
Meine Fridila saß im Officium und machte Abrechnungen, auch wenn ihre Schwangerschaft schon weit fortgeschritten war. Ich trat ein, näherte mich ihr und gab ihr einen Kuss auf ihre Stirn. Sie war zum Anbeißen schön, jede Schwangerschaft machte Stella in meinen Augen noch weiblicher und begehrenswerter.
"Liebste Fridila, hättest du Zeit, für Gerfridu einen Brief an deine Freundin Viola stilistisch durchzusehen?", fragte ich sie:
"Der Brief ist freilich lange geraten, du kennst meinen Onkel und seine blumigen Worte ja. Vier Seiten lang nur Landschaftsschilderungen"
Das hatte Gerfridu mir zwar nicht gesagt, doch so ausführlich war sein letzter Brief an die Sergia auch gewesen. In jedem Chatte steckte außer einem Krieger oder einem Bauern auch irgendwo ein Skalde, und Gerfridu war keine Ausnahme.