Wie das so ist, wenn man sich nach einiger Zeit wiedersieht, musste meine Mutter mir erst einmal alles erzählen, was ich verpasst hatte. War ja nicht so, als hätte sie mir das meiste davon auch geschrieben, wie ich sie mehrfach erinnerte, aber sie erzählte es mir trotzdem. Und im Gegenzug fragte sie mir Löcher in den Bauch zu meiner Zeit. Natürlich nichts wirklich wichtiges, oder nur oberflächlich. Sie wollte wissen, wo ich Ruhm für die Familie errungen hatte, das schon, aber allzu genaue Details über unsere Feldtaktiken oder die Lagerverwaltung und all das wollte sie dann doch nicht hören. Nein, stattdessen fragte sie mich so Sachen, was ich gegessen hatte, ob ich eine Geliebte gefunden hatte (und ob diese hübsch war. Als würde ich mir eine hässliche Frau suchen.) und ob ich auch ausreichend Vornehmlichkeiten gehabt hatte. Ich verschonte sie vor der Realität des Lebens eines Soldaten im Feldzug und erzählte nur den Teil des festen Lagers, das alle Annehmlichkeiten besessen hatte. Die blutigen, steinigen und rauen Einzelheiten würde ich eher mit meinem Vater besprechen, wenn er sie hören wollte und Zeit dafür hatte. Mit meiner Mutter würde das nur in Diskussionen ausarten, wie schlecht die römische Legion ihre Offiziere behandelte und dass Männer zwar harte Krieger sein sollen, aber doch bitte nicht ich so viel ertragen sollte. Wie auch immer das zusammenpassen sollte.
Und sie fütterte mich. Wir hatten uns irgendwann in einen der Räume zurückgezogen, in dem jede Menge Pflanzen und einige bequeme Möbel herumstanden, und ab da liefen die Sklaven quasi permanent zwischen der Küche und uns hin und her und brachten immer neue Häppchen. Sie musste echt denken, ich hätte in der kompletten Zeit, in der ich weg war, nicht einmal was zu Essen bekommen. Oder sie wollte mich doch noch zum Gladiator mästen. Oder beides.
Irgendwann war ich aber wirklich voll und konnte auch nicht aus Höflichkeit noch einen Bissen nehmen, also lehnte ich mich bequem zurück und scheuchte die Sklaven mit einer Handbewegung von mir, wenn sie ankamen.
“Du hast noch irgendwas von einer Überraschung in deinem letzten Brief geschrieben. Darf ich wissen, was es ist, oder warten wir, bis Vater Zeit hat?“
![[Bild: baku93gz.jpg]](https://s1.directupload.eu/images/user/250311/baku93gz.jpg)
Meine Mutter winkte ab.
“Dann warten wir noch bis morgen, wahrscheinlich. Nein, ich glaube nicht, dass dein Vater was dagegen hat, wenn ich es dir sage.“ Sie machte eine bedeutende Pause und grinste von einem Ohr zum anderen.
“Du wirst eine Claudia heiraten!“
Ich hoffte, dass mein Gesicht gerade nicht meine Gedanken übermittelte, aber scheinbar tat es das, denn Mutter fragte:
“Was ist? Freust du dich gar nicht?“
Ich musste mich etwas fangen und schüttelte leicht den Kopf.
“Aber warum das denn? Rufinus ist doch schon mit Iulia Vestina verheiratet. Und ich bin erst zweiundzwanzig! Ich hab noch drei Jahre, bis ich heiraten muss.“
Ich hatte jetzt gar nicht den Kopf für eine Ehefrau. Was, wenn sie dumm war? Oder hässlich? Oder dumm
und hässlich?
“Es ist eine große Ehre für unsere Familie, in den Patrizierstand zu heiraten. Das Mädchen ist fruchtbar und schenkt ihrem bisherigen Mann gerade ein Kind...“ “Also ist sie noch verheiratet? Na großartig!“ jammerte ich, aber meine Mutter sprach unberührt weiter:
“...und sie ist verdammt reich, was dir im Wahlkampf für die Quaestur zugute kommen wird.“
Ich stöhnte resignierend und warf die Arme hoch.
“Aber ich werde dabei nicht gefragt, oder?“
“Jetzt stell dich nicht an, Luci! Wenn du sie gar nicht magst, suchst du dir halt eine Geliebte. Du musst ja dann nur ein paar Mal mit ihr das Bett teilen, damit sie schwanger wird, und kannst ansonsten tun, was du willst. Also mecker nicht rum. Es ist eine gute Partie!“
Götter, ich hasste die Aussicht darauf jetzt schon. Gute Partie war auch nur ein anderes Wort für
Stock im Arsch oder
potthässlich. Aber ich musste mich wohl damit arrangieren, denn es klang nicht so, als hätte ich dabei ein Mitspracherecht. Ich winkte jetzt doch wieder einem der Sklaven.
“Ich glaube, für die Nachricht brauche ich Gewürzwein.“