Endlich angekommen - oder fast
Ich stand auf Deck unseres Handelsschiffes, während wir den Fluss Tamesis hinauffuhren. Als wir vor ein paar Tagen noch das Mare Britannicum an seiner engsten Stelle – dem Fretum Gallicum – überquert hatten, hatte ich mich mit einem Eimer in meinem Raum verkriechen müssen und mir wohl alles aus dem Leib gekotzt, was jemals darin gewesen war. Auf dem Meer war mir zwar immer schwummerig, aber so schlimm war es noch nie gewesen. Vermutlich hätten wir doch besser eine Woche länger auf besseres Wetter warten sollen, ehe wir die Überfahrt wagten. Denn auch, wenn der Feiertag der Isis schon vorbei war und damit die Schiffe wieder segelten, war das Mare Nostrum sehr viel friedvoller als dieses barbarische Meer im Norden mit seinen hohen, dunklen Wellen, dem Regen und dem Geschaukel. Und auch, wenn aus mir wohl nie ein Seemann werden würde, hier auf dem Fluss ging es wieder so weit, dass ich mich an Deck trauen konnte und der herannahenden Stadt entgegenblicken konnte, ohne mich lächerlich zu machen.
Schließlich erreichten wir den äußeren Bereich Londiniums und die Hafenanlagen. Da die Kette im Fluss gespannt war, die Schiffe am Passieren hinderte und so die Stadt schützte, mussten wir warten, bis der zuständige Beamte am Hafen zu uns zur Inspektion kam, damit der Kapitän ihm erklären konnte, dass wir weiter zum Statthalterpalast mussten.
Ich lehnte an der Reling unseres Schiffes und schaute dem Treiben auf dem Hafen zu, während der Kapitän und der Hafenbeamte sich stritten. Anscheinend war es über seiner Gehaltsklasse, über das Absenken der Kette zu bestimmen, aber der Kapitän wollte nicht schon hier mein ganzes Zeug ausladen. Ich schaute auf den Hafensteg, wie dort Schiffe beladen und entladen wurden, wie verschiedene Träger die Sachen in verschiedene Lagerhäuser trugen und Tagelöhner lauthals ihre Dienste anboten, wann immer ein Schiff anlegte und Passagiere herauskamen. Denn die Hafenarbeiter luden die Sachen nur am Hafen ab. Wie das Zeug dann in die Stadt kam, das war dem Besitzer überlassen. Oder anders gesagt: Ein gutes Geschäft für Tagelöhner, solange sie nur Muskeln hatten und etwas schleppen konnten.
Heute war ein schöner, sonniger Tag, und es war gerade einmal Mittag. Ich blickte nach links, wo sich sehr deutlich der Statthalterpalast über den Klippen zum Ufer abzeichnete. Es ging da ein gutes Stück nach oben von hier aus. Aber durch die Stadt hindurch würde man den Anstieg wohl kaum bemerken. Vermutlich war auch schon ein Bote unterwegs zum Palast, um meinem Vater zu sagen, dass jemand, der behauptete, ich zu sein, am Hafen eingetroffen war. Wie lange es wohl brauchte, bis der Bote zu ihm vorgelassen wurde, bis dann Rückmeldung kam, bis meine Mutter alles für einen Empfang mit großem Tamtam vorbereitet hatte und wir endlich weitersegeln durften, nur damit ich dann eine Treppe hinaufsteigen durfte und oben vermutlich erstmal unmännlich schnaufen musste? Ich war jetzt zwar fit, aber nach so einer langen Reise und dem ganzen Gekotze auf See musste auch ich mir eingestehen, wahrscheinlich etwas wackeliger zu sein, als ich wollte.
“Ich gehe hier an Land!“ beschloss ich also laut und trat an die Planke, auf der vorhin der Beamte an Bord gelassen worden war.
Was selbigen und den Kapitän beide in Aufregung versetzte. “Aber es ist schon ein Bote unterwegs!“ und “Werter Tribun! Du willst doch nicht alleine durch die Stadt laufen? Wenn du nur etwas warten willst, dann können wir dich und deine ganzen Habseligkeiten direkt am Steg des Statthalters abladen!“
Aber mir dauerte das zu lange, und ich war schon so lange auf diesem Schiff und davor auf Reisen, dass ich einfach nur raus wollte. Vielleicht noch in ein Badehaus, bevor ich meiner Mutter unter die Nase trat. Denn nach einer Reise roch hier niemand mehr nach Veilchen. Deshalb gebot ich geübt mit einer erhobenen Hand Einhalt. Was bei Legionären funktionierte, funktionierte erfreulicherweise auch bei Kapitänen und Hafenbeamten. “Ich habe mich entschieden. Ich gehe von Bord. Und ladet hier auch gleich mein Pferd aus, der Aufgang am Statthalterpalast ist ungeeignet für Saltator. Meine Sklaven sollen ihn zum Palast führen.“
Das Verladen meines Hengstes hatte schon Stunden gedauert. Ich glaubte nicht, dass das Ausladen schneller ginge. Und so sehr ich das fuchsfarbene Tier auch gern hatte, ich wollte nicht so lange warten, bis das erledigt war. Ich wollte endlich wieder festen Boden unter den Füßen spüren. Weshalb ich nun auch schnell auf den Steg trat und zum Pier hinunterschritt, ehe mich noch jemand aufzuhalten versuchte.
Unten angekommen musste ich erst einen kurzen Moment stehen bleiben, in welchem ich so tat, als würde ich mir einen Überblick verschaffen. Aber eigentlich schwankte der Boden gerade unter mir, obwohl ich wusste, dass er fest war, und ich wollte nicht wie ein Betrunkener den Pier entlang torkeln, bis sich das gelegt hätte. So atmete ich also einen Moment die nicht gerade frische Hafenluft ein und wartete, dass sich das Gefühl legte, ehe ich losging, mir meinen eigenen Weg zum Statthalterpalast zu suchen. Und davor vielleicht ein Badehaus. Oder ein wenig Spaß.
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