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05-23-2026, 10:02 PM,
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Die Sonderlieferung
Marcus Aelius Varro hatte keine Ahnung, weshalb man ihn zu dieser frühen Stunde bereits aus dem Bett und hier herausgeschickt hatte. Der Legionär, der ihn leise und doch eindringlich wachgerüttelt hatte, führte ihn nunmehr über den Platz zu den Ställen. Die Sonne war noch nicht einmal aufgegangen. Einzig am Horizont zeigte sich ihr fahles Licht und kündigte das Kommen eines neuen Tages an.
Varro war müde. Tage voller harter Arbeit und Exerzieren, Nächte, in denen sie kaum ans Schlafen kamen. Er hatte nicht vermutet, dass es in der Legion derart unmenschlich zur Sache ging und hatte das Gefühl, sich heillos überschätzt zu haben. Er wusste nicht, ob er das durchhielt. Dass seine beiden Kameraden noch mehr klagten als er oder nachts, wenn sie glaubten, keiner höre sie, weinten, fand er seltsam nachvollziehbar. Er wusste, wo seine Talente lagen. Beschaffung aller Arten von Dingen und das zu einem annehmbaren Preis, das war seine Berufung. Geschäftsbeziehungen knüpfen. Netzwerke spannen. Wieso nur hatte er gedacht, dass er damit für die Legion in Frage kommen würde? Bevor man ihn entsprechend zuteilen würde, hatte er doch längst ins Gras gebissen.
"Warte hier", sprach der ältere Kollege, der sich schon anschickte, ihn allein zu lassen.
"He, aber was soll ich... tun?" Seine Stimme war leise geworden, denn der Kamerad hatte ihm schon nicht mehr zugehört, sondern sich wieder auf den Weg gemacht - vermutlich ins eigene Bett. Müde, mürrisch und ein wenig bibbernd von der nächtlichen Kälte rieb er sich die Oberarme. Sein Atem stieg als weiße Wolke vor ihm in die Luft. Im Stall brannte irgendwo Licht. Die Tiere rührten sich kaum, schliefen oder standen ganz stumm da, auf ihren nächsten Einsatz wartend.
Bei den Göttern. Hoffentlich setzte es keinen Ärger. Weil er neulich beim Exerzieren gestolpert war? Oder weil er sich bei der Essensausgabe heimlich Nachschlag erschlichen hatte? Nein, wohl kaum. Dafür bestellte man einen nicht zum Stall. Trotzdem... Er hatte überhaupt kein gutes Gefühl.
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Heute, 06:39 AM,
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RE: Die Sonderlieferung
Die Nacht wich nur langsam dem Morgen. Über dem Kastell lag noch jene blaugraue Dämmerung, in der Formen eher geahnt als gesehen wurden. Die Feuerstellen glommen schwach vor sich hin, und selbst die Wachablösungen sprachen leiser als gewöhnlich, als wollten sie die Sonne nicht vorzeitig wecken. Bellator schritt durch die kalte Luft und ließ den Blick über den Hof gleiten. Die Sonderlieferung würde keinen langen Marsch erfordern, aber sie war wichtig genug, dass er sie nicht irgendeinem Mann anvertrauen wollte. Er brauchte keinen Helden. Keinen besonders starken Rekruten. Keinen, der sich beweisen wollte. Gerade solche Männer machten oft die meisten Schwierigkeiten. Sie redeten zu viel, dachten zu viel an sich selbst oder versuchten jede Gelegenheit zu nutzen, um Eindruck zu machen. Bellator hatte lange genug Männer geführt, um zu wissen, dass Zuverlässigkeit meist dort zu finden war, wo andere nur Mittelmaß vermuteten. Seine Gedanken wanderten unwillkürlich zu den drei Tirones. Nero wäre bereitwillig mitgekommen. Wahrscheinlich zu bereitwillig. Der Bäckerjunge besaß ein gutes Herz, vielleicht sogar das beste von ihnen dreien. Er dachte an andere, ehe er an sich dachte. Das war eine Tugend. Doch manchmal war es auch eine Schwäche. Zu oft schweiften seine Gedanken zu den Menschen um ihn herum. Er war noch nicht an dem Punkt angekommen, an dem er einen Auftrag einfach annahm und ausführte, ohne sich von allem anderen ablenken zu lassen. Verus schied ebenfalls aus. Nicht weil ihm Mut fehlte. Bellator hatte längst erkannt, dass unter der Unsicherheit des Rothaarigen mehr Härte steckte, als selbst der Junge ahnte. Aber Verus trug seine Gedanken offen im Gesicht. Jede Sorge, jede Unsicherheit, jede Überlegung war dort zu lesen. Für einen Mann, der lernen sollte, Befehle auszuführen, war das nicht schlimm. Für einen Mann, der einen Auftrag begleiten sollte, bei dem Aufmerksamkeit wichtiger war als Kraft, war es noch zu früh. Nein. Seine Wahl fiel auf Marcus Varro. Nicht weil er ihn besonders mochte. Tatsächlich war Marcus von allen dreien derjenige, den Bellator am häufigsten bremsen musste. Der Junge besaß Ehrgeiz in gefährlicher Menge. Er wollte gesehen werden. Wollte beweisen, dass er mehr war als ein gewöhnlicher Rekrut. Solche Männer endeten entweder als ausgezeichnete Soldaten oder als tote Narren. Doch etwas hatte Bellator in jener Nacht bemerkt, als Marcus im Schlamm gelegen hatte. Er hatte den Zorn gesehen. Die Kränkung. Das Gefühl, ungerecht behandelt worden zu sein. Und dennoch war der Junge aufgestanden. Nicht für Lob. Nicht weil jemand ihn dazu aufgefordert hatte. Er war aufgestanden, weil die Vorstellung aufzugeben für ihn unerträglicher gewesen war als der Schmerz. Das war eine Eigenschaft, die Bellator verstand. Marcus dachte schnell. Er beobachtete. Er hörte zu, selbst wenn er so tat, als würde er es nicht tun. Vor allem aber besaß er etwas, das die anderen beiden noch nicht hatten: Er wollte die Welt verstehen. Nicht nur überleben. Das machte ihn anstrengend. Aber es machte ihn auch brauchbar. Für diesen Auftrag brauchte Bellator keinen Mann, der schweigend Lasten schleppte. Er brauchte einen, der die Augen offen hielt, sich Einzelheiten merkte und aus einer Begegnung mehr mitnahm als den Inhalt eines Befehls. Marcus würde Fragen haben. Das war sicher. Doch vielleicht war genau das der Grund, weshalb Bellator ihn auswählte. Ein junger Mann lernte manchmal mehr auf einem halbtägigen Marsch als in einem Monat auf dem Exerzierplatz. Und wenn Marcus klug genug war, würde er begreifen, dass Bellator ihn nicht ausgewählt hatte, weil er der Beste war. Sondern weil der Optio wissen wollte, ob aus seinem Ehrgeiz irgendwann Verlässlichkeit werden konnte. Das war ein Unterschied, den die meisten Rekruten erst nach Jahren verstanden. Marcus würde heute die Gelegenheit bekommen, ihn früher zu begreifen.
Die Stallungen lagen noch im Halbdunkel des frühen Morgens. Der Geruch von Heu, Pferden und feuchtem Holz hing schwer in der kalten Luft. Aus den Boxen drang gelegentlich das Schnauben eines Tieres, das Scharren eines Hufs auf festgestampftem Boden. Bellator trat durch das breite Tor und ließ den Blick kurz durch den Raum schweifen. Er hatte erwartet, warten zu müssen. Rekruten kamen gewöhnlich zu spät, wenn niemand sie unmittelbar überwachte. Sie verschliefen, vertrödelten die letzten Handgriffe an ihrer Ausrüstung oder glaubten, eine Minute mehr würde niemandem auffallen. Aber Marcus Varro stand bereits dort. Das allein genügte, um Bellator für einen Augenblick innehalten zu lassen. Der Junge wirkte müde. Natürlich wirkte er müde. Die Ausbildung der vergangenen Tage hatte jeden von ihnen ausgelaugt. Doch er war da. Nicht keuchend vom Rennen. Nicht halb angezogen. Nicht mit einer hastig zurechtgerückten Ausrüstung. Er wartete. Bellators Blick glitt prüfend über ihn hinweg. Helm. Gürtel. Schuhe. Mantel. Alles an seinem Platz. Fast zu ordentlich, wie immer. Der Ehrgeizige hatte offenbar beschlossen, dass man einen Optio nicht warten ließ. Gut. Das war eine Lektion, die manche Legionäre erst nach Jahren lernten. Bellator trat näher, während das Licht der Morgendämmerung durch die offenen Stalltüren fiel und lange Schatten zwischen den Boxen zog. Marcus richtete sich unwillkürlich etwas gerader auf. Auch das bemerkte der Optio. Er bemerkte fast alles. Für einige Augenblicke sagte er nichts. Er betrachtete den Rekruten nur. Nicht um ihn einzuschüchtern. Sondern weil Schweigen oft mehr verriet als Fragen. Die meisten jungen Männer begannen irgendwann zu reden, wenn man sie lange genug ansah. Sie erklärten sich. Rechtfertigten sich. Versuchten Eindruck zu machen. Marcus schwieg. Das war ebenfalls eine Antwort. Bellator nickte schließlich kaum merklich. Nicht als Lob. Eher als Feststellung. Der Junge war tatsächlich erschienen. Dann ging er an ihm vorbei zu den beiden bereitstehenden Maultieren und begann wortlos die Gurte einer Last zu prüfen. Seine Hände arbeiteten routiniert, zogen an Lederriemen und kontrollierten Knoten. Erst als er sicher war, dass alles saß, wandte er sich wieder Marcus zu. In seinen Augen lag jene kühle Ruhe, die den Rekruten inzwischen nur allzu vertraut sein dürfte. Er fragte nicht, ob Marcus bereit war. Männer, die bereit sein mussten, fragte man das nicht. Stattdessen musterte Bellator ihn noch einmal und stellte fest, dass die Schwellungen und Blutergüsse der letzten Übung noch sichtbar waren. Gut. Schmerzen waren manchmal bessere Lehrmeister als Worte. Der Optio nahm die Leine eines der Tiere auf und hielt sie dem jungen Mann hin. Nicht wie ein Gefallen. Nicht wie eine Auszeichnung. Eher wie eine Verantwortung. Sein Blick blieb einen Moment auf Marcus ruhen. Irgendetwas in dem Jungen arbeitete ständig. Stolz, Ehrgeiz, Wut, Neugier. Bellator wusste noch nicht, was am Ende davon übrig bleiben würde. Aber heute würde er es ein Stück weit herausfinden. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich dem Ausgang der Stallungen zu und setzte sich in Bewegung, als wäre es selbstverständlich, dass Marcus ihm folgen würde. Vielleicht war genau das die eigentliche Prüfung. Nicht ob der Rekrut marschieren konnte. Sondern ob er verstand, dass manche Gelegenheiten nicht angekündigt wurden. Man musste sie erkennen, wenn sie vor einem standen.
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Vor 10 Stunden,
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RE: Die Sonderlieferung
Es war noch immer arschkalt. Der Schlamm im Lager war noch hart. Man sank nicht ein, doch darüber zu laufen machte aufgrund der vielen Vertiefungen auch keine Freude. Zudem schien er die einzige Menschenseele zu sein, die sich zu dieser unrömischen Uhrzeit hier herumtrieb. Er dachte schon, der Kamerad hätte ihm einen Streich gespielt. Spott war er inzwischen gewöhnt, wenngleich man ihn meist als ‚gutmütig‘ bezeichnen konnte. Streiche… kamen auch vor. Diese Arschlöcher würden sich schlapplachen, wenn er todmüde den Tag rumbringen musste. Er war verärgert. War das Leben hier nicht schon schwer genug? Musste man es ihm noch übler machen? Marcus hatte die Nacht nicht vergessen, in welcher er in den Schlamm geworfen worden war. Der Schmerz, die Demütigung. Sie brannte manchmal noch immer heiß auf seinen Wangen, wenn er abends zu Bett ging. Und den Schmerz vergaß er sicher so bald nicht, denn er spürte ihn beinahe täglich. Und täglich fragte er sich, ob es eine gute Idee gewesen war, der Legion beizutreten. Was würde ihn anderes erwarten als das hier und noch mehr Elend, über Jahre hinweg, während andere den Ruhm für seine Plackerei ernteten?
Die Wahrheit war, er konnte nirgends anders hin. Niemand würde dem zweiten Sohn eines namenlosen Bezirksbeamten eine Chance geben. Nicht, wenn er etwas aus sich machen wollte. Mehr, als ein Hufschmied oder ein windiger Händler. Er hatte immer etwas von Bedeutung tun wollen. Und er wusste, wusste, dass er dazu in der Lage war! Doch wie es nun aussah, würde diese Chance nie kommen. Die beiden übrigen Rekruten ihrer Einheit, Nero und Verus, waren in einer ähnlichen Lage. Sie verstanden sich gut, doch auch bei ihnen fragte er sich, was sie noch hier hielt. Sie kamen kaum besser weg als er selbst. Nero war gutmütig und Verus gab dem Schmerz schnell nach. Beide waren noch da. Ein Teil von ihm war sogar froh darüber. Früher hätte er die beiden nicht beachtet, sie nicht als Kameraden betrachtet und ganz sicher nicht gemocht. Hier waren sie seine einzigen Verbündeten. Der gemeinsame Kampf ums Überleben in dieser Einheit hatte sie zusammengeschweißt. Bis zu dem Punkt, an dem ihr Schmerz sein Schmerz wurde. Ihre Demütigung seine Demütigung. Und ihre Angst die seine. Sie kannten sich erst so kurz und dennoch kam es ihm manchmal vor, als kenne er sie länger und besser als seinen eigenen Bruder.
Der frühe Morgen hatte den Jungen fast in die Knie gezwungen, als er Schritte hörte. Die Wachablösung für die Torwache womöglich?
Doch nein. Als Marcus erkannte, wer sich da in seine Richtung begab, rutschte ihm das Herz in die Hose. Der aurelische Optio hatte etwas an sich, das ihm eine gehörige Portion davon einflößte, was minder Kundige wohl als Respekt fehlinterpretiert hätten. Tatsächlich war es eine komplizierte Ansammlung ganz unterschiedlicher Gefühle, die der Anblick des voll gerüsteten Offiziers bei ihm auslöste. Da war noch ein Funke jenes trotzigen Zorns, den die Prügel mit dem Vitis in ihm geweckt hatte, doch auch eine ganze Spur Angst. Dieser Mann hatte die Mittel, ihm den Tag vollkommen zu ruinieren, eine Härte, die der Rekrut beinahe täglich am eigenen Leib zu spüren bekam und eine Undurchsichtigkeit, die ihn, der Menschen gerne las, ärgerte.
Marcus nahm sofort Haltung an. Sagte nichts, bewegte sich nicht. Doch seine Gedanken rasten. Suchten fieberhaft nach der Frage, was er falsch gemacht hatte. Ob dies nun der Augenblick war, dass man ihn in den Schlamm vor dem Tor warf, mit der Aufforderung, sich nie mehr blicken zu lassen. Ihre Blicke trafen sich. Jener, der nichts durchblicken ließ und jener, der dies nur von sich geglaubt hatte. Marcus‘ Aufmachung war wie immer tadellos, wenngleich die Ausrüstung inzwischen etwas gelitten hatte. Alle Schäden ausgebessert, der Dreck wegpoliert, doch die Gebrauchsspuren waren da. Marcus erwartete das stille Urteil inzwischen, doch dass sich der Optio zu keinem Wort hinreißen ließ und sich wortlos den Tieren zuwandte, verwirrte ihn. Noch immer konnte er den Mann vor sich nicht einschätzen. Schluckte einen nervösen Frosch im Hals herunter, beobachtete, wie ihm Aurelius die Leine des Maultiers reichte… und verstand. Das war keine Entlassung, sondern eine Art Auftrag. Ein Auftrag… für ihn allein? Oder… Oh Götter, nein… Der pure Schrecken, den er empfand, als er erkannte, dass er wer weiß wie lange mit dem Optio allein sein würde, war unbeschreiblich. Marcus hatte die Lippen fest aufeinandergepresst, nickte knapp und wickelte den Riemen der Leine um seinen Unterarm, bevor er dem Mann folgte. Dabei hatte er das Gefühl, jetzt an einen entlegenen Ort gebracht zu werden, um ihm dort den Garaus zu machen.
Sie ließen die Tore der Castra hinter sich, der Rekrut hinter dem Offizier. Nero und Verus würden noch schlafen und sich später fragen, wo er war. Das Schweigen war erdrückend. Die stille Morgenluft rief seine Unterarme kribbeln. Und schließlich, die Castra war bereits weit hinter ihnen, fasste sich der Junge ein Herz:
„Herr? Optio? Darf ich… Darf ich fragen, wo wir hingehen?“
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