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[In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Druckversion

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[In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Síofra - 01-28-2025

Wenn die Gondeln Trauer tragen
Und es hallt der Toten Klagen



Hastig, viel zu hastig und mit Tränen in den Augen war Síofra den ganzen Weg von Cheddar nach Iscalis im Stechschritt gelaufen. Zumindest die letzten Meter hatte sie im Stechschritt zurückgelegt. Davor war sie wie von Furien gehetzt gerannt. Der schneidende Wind hatte in ihre Wangen gebissen und an ihrem Rock gerissen, den Síofra nach oben gezerrt hatte, damit sich der Stoff nicht um ihre Beine wickelte und sie dadurch ins stolpern geriet. Hämmernd ihr Herzschlag, der sich anfühlte, als würde ihr Kopf jeden Augenblick zerspringen. So stürmte Síofra blindlings vorwärts. Ungeachtet dass sich ihr jeden Moment ein Kind, ein Erwachsener oder gar ein Tier in den Weg stellen könnte. Jedes Lebewesen würde wohl rücksichtslos zu Boden gestoßen werden.
Der Weg nach Iscalis schien sich zäh wie Gummi zu ziehen, zumindest kam es Síofra so vor. Die in diesem Moment abrupt zum stehen kam und hechelnd nach Luft schnappte. Ein, zwei, drei, vier Atemzüge mussten genügen. Dann setzte sie sich abermals in Bewegung. Doch diesmal nicht mehr in dieser Windeseile. Nun waren ihre Schritte gemessener, wenngleich noch immer in einer äußerst schnellen Schrittfolge. Sie musste ihren Vater finden, um Eòghan über den Verlust seiner geliebten Frau in Kenntnis zu setzen. Ihr Vater hatte einmal vom ‚Haus des Roten Mondes‘ gesprochen, als er wieder einmal sturzbesoffen nach Hause kam und seiner Frau entgegen lallte, dass sie es niemals mit den Prostituierten in den Hurenhäusern aufnehmen könnte. Und Róis hatte ihn lediglich schweigend angeblickt. Mit Augen die tief in den Höhlen lagen und ihrem Gesicht einen gar geisterhaften Schimmer verliehen. Jegliches Feuer und jegliche Kraft waren aus ihrem Körper verschwunden. Und Síofra war nun auf dem Weg, um ihren Vater zu finden.

Doch wo befand sich dieses ‚Haus des Roten Mondes‘? Schließlich erreichte Síofra erschöpft und taumelnd Iscalis, schleppte sich mit schweren Schritten in die Stadt hinein und sackte im nächsten Moment zu Boden. Ihre Füße wollten sie wohl einfach nicht mehr tragen und erstickte schluchzende Geräusche entrangen sich ihrer Kehle. Tränenverschleiert ihr Blick, als sie sich dann doch in die Höhe stemmte. Bebende Finger über ihren Rock strichen und sie hastig blinzelte, um ihre Sicht wieder zu klären. Auch wenn dies alles andere als einfach war. Vielleicht würde sie einem der hiesigen Bewohner der Stadt begegnen, der sich nicht als Römerfreund herausstellte. Und diesen könnte sie dann nach dem genauen Weg befragen. Doch wann immer Síofra eine Person erkannte und sich in deren Richtung schleppte, entfernte sich eben jene Personen mit raschen Schritten und nahmen die junge Keltin überhaupt nicht wahr. “Elendes Pack.“ Wisperte Síofra in ihrer Muttersprache und atmete tief durch, um den sich bildenden Kloß in ihrer Kehle zu vertreiben.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Louarn - 01-29-2025

Repariertes Zaumzeug abholen, auf dem Rückweg noch ein Huhn einkaufen. Dinge, die man so machte, wenn man in einem Mietstall arbeitete. Naja, das Huhn war etwas außergewöhnlich, aber Alan meinte, wir könnten eines gut gebrauchen, und es konnte ja bequem im Stall wohnen. Mir wären ein paar Stallhasen eigentlich lieber, die rochen besser, aber Alan wollte ein Huhn, also bekam er ein Huhn. Und was für eines. Es war dick mit schwarzweißen Federn aufgeplustert in seinem Holzkäfig und gackerte und gurrte beim Laufen beständig vor sich hin. Ich wartete jeden Moment darauf, dass es hier noch während des Laufens ein Ei legen würde.
Ich hatte den aus einfachen Weitenzweigen geflochtenen Korbkäfig zum leichteren Transport einfach an das Zaumzeug gebunden und mir letzteres über die Schulter geschwungen, so dass das Huhn an meinem Rücken im Käfig baumelte und im Takt meiner Schritte leicht mitwippte und mitgurrte. Es klang fast wie ein kleines Lied. Tap-Gurr-Tap-Gurr. “Ich finde, du brauchst einen Namen, so schön wie du singst“, meinte ich über die Schulter an das Huhn, das von meinem Vorschlag aber wenig beeindruckt weiter gurrte. Ich grinste leicht und überlegte, wie man wohl ein Huhn nennen könnte, dass wahrscheinlich in einiger Zeit, wenn es keine Eier mehr legte, im Suppentopf landen würde. War irgendwie ein seltsamer Gedanke, so in der Zukunft Komm, wir packen Nimue in die Suppe zu sagen. Dann vielleicht lieber ein garstiger Name.

Ich ging also fröhlich vor mich hin, als vor der nächsten Biegung auf einmal ein Mädchen vor mir auftauchte. Beinahe wär ich mitsamt Huhn in sie reingelaufen, weil sie so unvermittelt hinter der Ecke gestanden hatte. “Whoar, Vorsicht.“ sagte ich hastig, als ich mich bremste und einen Schritt zurückwich, damit ich sie nicht umrannte und sie mich genausowenig.
Und eigentlich wäre das auch schon die Begegnung im Normalfall gewesen, hätte sie nicht genau da mit verheulten Augen einmal zu mir hochgeschaut. “Alles in Ordnung bei dir?“ sagte ich leicht besorgt. Ich weiß, eigentlich ging mich sowas nichts an, aber weinende junge Frauen… sowas war unfair. Da konnte man doch nicht einfach weiterlaufen, als wäre nichts. Nimue gackerte zustimmend zu meinen Gedanken.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Síofra - 01-29-2025

Am liebsten wäre Síofra einfach noch ein bisschen im Staub der Straße gesessen und hätte sich ihre schmerzenden Füße gerieben. Doch der unbedingte Wille ihrem Vater die traurige Nachricht über den Verlust seiner Frau mitzuteilen, trieb sie dann doch in die Höhe. Auch wenn sie beim auftreten leicht taumelte und ein leises Schmerzgeräusch über ihre Lippen entwich. Später würde sie sich von ihrer Mutter eine ihrer selbstgemachten Salben nehmen und sich damit ihre wunden Füße einreiben. Als erneut Tränen kullerten und Síofra schniefend über ihre Augen wischte, presste sie ihre schmalen Hände gegen ihre Lippen, um das schluchzen zu verbergen, welches sich seinen Weg über ihre Lippen bahnen wollte. Nein. Nicht jetzt. Es reichte schon das sie hier vollkommen verheult inmitten des Weges stand und sich keinen Millimeter auf die Seite bewegte. Wie egoistisch von ihr.

Und dann tauchte auch noch dieser rothaarige Kerl vor ihr auf. D i r e k t vor ihr, so dass nicht viel fehlte und er wäre in sie hineingelaufen und sie wäre schuld daran, wenn er sich ihretwegen verletzte. Doch nicht der Rotschopf war es dem Síofra in erster Linie ihre Aufmerksamkeit schenkte. Ihre verheulten Augen schielten sogleich gen des Weidenkorbs auf seinem Rücken, in dem sich ein ..Huhn befand und fröhlich vor sich hin gackerte. Offensichtlich war dieses Huhn gerade dem Suppenkopf entkommen, denn sonst würde sich das Federvieh nicht derart laut zu Wort melden und seine Fröhlichkeit offensichtlich kundtun. “Ich habe nicht aufgepasst.“ Erklärte die Braunhaarige und wischte sich erneut über ihre tränenfeuchten Augen und ihre Wangen. Sie musste schließlich nicht allzu deutlich zeigen, wie es um ihre Gemütslage bestellt war. Und doch waren ihre Tränen dem Fremden wohl nicht entgangen, denn er sprach sie darauf an. Zwar nicht direkt, aber seine Frage zielte doch in diese eine Richtung. Und Síofra entwich ein leises Seufzen. Sie würde ihm garantiert nicht auf die Nase binden was bei ihr zu Hause geschehen war. Aber vielleicht könnte er ihr den Weg zu eben jenem Hurenhaus beschreiben, in dem sie ihren Vater vermutete. “Alles in Ordnung. Aber kannst du mir den Weg zum ‚Haus des Roten Mondes‘ zeigen?“ Wollte sie von dem Unbekannten wissen und schielte aus dem Augenwinkel zu Louarn empor. Dem Huhn schenkte Síofra dagegen ein leicht verwackeltes Lächeln, als sie einen Schritt zur Seite machte, damit sie das Federvieh genauer betrachten konnte. Gackernd plusterte sich das Huhn auf und Síofra musste trotz ihrer tiefen Trauer leise kichern. Was für Gedanken dem Rothaarigen wohl durch den Kopf geisterten, nachdem er ihre Frage gehört hatte. Was hatte ein junges Mädchen auch schon in einem Hurenhaus zu suchen, wenn nicht um nach Arbeit zu fragen?


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Louarn - 01-29-2025

Sie schaute an mir vorbei zu meinem Rücken, wo Nimue gerade sehr aufgeregt mitdiskutierte. Ich drehte mich leicht, damit sie sehen konnte, was da auf meinem Rücken so einen Krawall machte. “Das ist Nimue. Oder… ich wollte mir was garstigeres einfallen lassen, aber fürs Erste heißt sie so.“ Ich grinste leicht schief, auch um sie aufzumuntern, und es wirkte scheinbar auch ein wenig, denn sie kicherte ein wenig.
Naja, und fragte mich dann, ob ich den Weg zu dem römischen Edelpuff kannte. In dem Moment könnte es sein, dass mir mein Gesicht ein wenig entglitten war. Ich schaute kurz an ihr runter. Sie war sicher hübsch genug, dass man sie nehmen würde, aber war sie sich da sicher. Sie schaute schon ärmlich aus und war ein wenig schmutzig, aber das konnte doch nicht die einzige Lösung sein, dass sie ihren Körper an reiche Römer verkaufte. “Ich weiß schon, wo das ist. Aber bist du dir sicher, dass du da hin willst? Ich meine, wenn du Geld brauchst, gibt es sicher auch andere Wege, welches zu verdienen. Ich kenne eine gute Köchin, eine aufrechte Keltin. Die sucht sicher noch ein Küchenmädchen und würde nicht von dir verlangen, mit irgendwelchen Römern ins Bett zu steigen und dabei zu lächeln.“
Ich hatte vor einiger Zeit Catia angeboten, dass ich ihr Peigi vorstellte. Da sie aber in Cheddar hatte bleiben wollen, war das ausgefallen. Und warum sollte ich ihr nicht… äh… “Wie heißt du eigentlich? Ich heiße Louarn“, stellte ich mich ihr vor. Aber ja, es sprach nichts dagegen, dass ich Peigi jemand anderen vorstellte.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Síofra - 01-29-2025

Offensichtlich befand sich in dem Weidenkorb ein ..Huhn, welches einen derartigen Radau veranstaltete. Dass sich Síofras Lippen zu einem Lächeln verzogen und sogar ein leises kichern ihre Kehle verließ. Tja, da schaffte es ausgerechnet ein verrücktes Huhn die düstere Stimmung der jungen Keltin aufzuhellen. Auch wenn dies wohl lediglich eine Momentaufnahme war, so blitzte es nun sogar in Síofras Augen hell auf. “Nimue ist ein hübscher Name. Und dein Huhn ist bestimmt ein hübsches Tier.“ Eigentlich wollte Síofra Federvieh sagen, doch verkniff sie sich diesen Begriff im allerletzten Moment. Stattdessen beschrieb sie das Huhn trivial als Tier.

Bei ihrer Frage nach dem ‚Haus des Roten Mondes‘ konnte Síofra deutlich erkennen, wie die Gesichtszüge des Rothaarigen auseinanderfielen. Wie seine Augen groß wurden und seine Lippen schmal. Und dann sein Blick, der langsam über ihre Statur glitt, angefangen bei ihrem Gesicht, bis hinunter zu ihren Zehenspitzen. Hastig schüttelte die Keltin daraufhin ihren Kopf und versuchte mit abwehrenden Handbewegungen zu verdeutlichen, dass sie nicht nach einer Anstellung in diesem Hurenhaus suchen würde. Oh nein. Definitiv nicht. Schließlich hatte Síofra bereits eine Anstellung gefunden. Als angehende Weberin bei Furiana Nivis. “Nein, ich suche jemanden.“ Murmelte Síofra nun mit leiser Stimme und biss sich hart schluckend auf ihre Unterlippe. Offensichtlich war es ihr äußerst peinlich, dass der Unbekannte nun erfuhr, dass sich ihr Vater in den einschlägigen und weniger einschlägigen Hurenhäusern herumtrieb. Um dort die wenigen Münzen, die Síofra mit dem Verkauf der Schafe und deren Wolle verdiente, auszugeben. “Ich muss meinen Vater finden. Er muss erfahren, dass meine Mutter, seine Frau gestorben ist.“ Tapfer entwichen diese Worte Síofras bebenden Lippen, auch wenn sie ihren Blick nach diesem Satz auch schon gen Boden wandte und sich hastig über ihre Wangen wischte. “Entschuldige.“ Abermals ein tiefes durchatmen. “Ich heiße Síofra. Hallo Louarn.“ Zum ersten mal musterte die Braunhaarige den jungen Mann neugierig und schielte dann doch wieder in Richtung des Huhns im Weidenkorb.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Louarn - 01-30-2025

“Hast du gehört, Nimue, sie findet dich hübsch“ meinte ich verschwörerisch zu dem Huhn, das weiter fröhlich vor sich hin gackerte. Vielleicht konnte ein wenig Scherzen die Situation ja auch auflockern und das Mädchen vor mir etwas aufmuntern, so dass sie nicht mehr weinte. Weinen war wie gesagt ziemlich unfair, weil man da so wenig dagegen unternehmen konnte.

Und glücklicherweise wollte Siofra – so hieß sie nämlich – nicht zum roten Mond, um dort Arbeit zu finden, sondern ihren Vater. Ich schaute sie noch einmal kurz an. “Das mit deiner Mutter tut mir sehr leid. Möge Mannanan Mac Lir sie sicher nach Mag Mell führen oder in Emain Ablach unter den Apfelbäumen wandeln lassen, bis sie bereit ist, erneut geboren zu werden“, sprach ich einen kleinen Kondolenzsegen aus. Wohin der Geist eines Toten gebracht wurde, das entschieden die Götter. Meistens die Morrigan, die die Schlachtopfer auserwählte, aber ich nahm mal an, dass Siofras Mutter daheim und nicht im Kampf gestorben war, weshalb eher der Meeresgott Mannanan sie geholt haben dürfte. Und der beste Platz, wo man in der Anderswelt sein konnte, war sicher Mag Mell mit seinen heilenden Quellen, dem Freibier und den magischen Schweinen, die nach dem Schlachten, braten und Essen ihres verjüngenden Specks einfach wieder erschienen. Der zweitbeste war dann die Insel der Äpfel, wo es… Äpfel gab. Naja, es konnte nicht überall magischen Speck und Freibier geben.

“Ich weiß schon, wo das ist. Aber wie sicher bist du dir, dass dein Vater da ist? Ist er denn ein reicher Römer?“ Sie hatte zumindest dunkles Haar, was es auch bei uns Kelten gab, aber eben auch bei den Römern. Sie selber sprach mit mir ja keltisch und sah jetzt auch nicht reich aus. Aber es gab einige Römer, die sich Geliebte unter den Keltinnen suchten, ohne die Frauen ehrbar zu heiraten. Wie die Kelten diese Frauen mehrheitlich nannten, sagte ich lieber nicht.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Síofra - 01-30-2025

Neugierig linste Síofra nun doch an Louarn vorüber, um einen Blick in das Innere des Weidenkorbs werfen zu können. Doch dieser war so blickdicht, dass sie lediglich die Umrisse des Federviehs erahnen konnte. Und wenn Nimue nicht ununterbrochen gegackert hätte, dann hätte man niemals vermuten können, dass sich im Inneren des Korbs ein Huhn befand. “Ähm. Magst du den Korb mal öffnen? Ich würde Nimue gerne mal direkt ansehen und mir nicht vorstellen müssen wie dein Haustier aussieht.“ Grinste Síofra, wenngleich jenes Lächeln noch immer etwas verwackelt anmutete. So war es doch zumindest ein Anfang. Und dies alles herbeigeführt durch ein ..H u h n.

Doch noch bevor sie sich weitere Gedanken um das Huhn machen konnte, spürte sie den musternden Blick des Rothaarigen auf sich und straffte sich unwillkürlich. Hoffentlich dachte er nicht sonst etwas von ihr ..oder ihrem Vater. Denn Síofra hatte klar gestellt, dass sie garantiert nicht auf der Suche nach einer Anstellung im Roten Mond war. Sie wollte lediglich ihrem Vater die schreckliche Nachricht übermitteln. Wenn sie ihren Vater auch wirklich im Roten Mond entdeckte. Wenn nicht, würde sie die umliegenden Tavernen und kleineren Schenken abklappern. Irgendwo musste er sich befinden. “Meine Mutter war schwer krank. Das Ende war absehbar und es war eine Erlösung für meine Mutter.“ Erklärte Síofra und schniefte erneut vernehmlich, wobei sie hastig blinzelte und sich rasch über ihre Nase wischte. “Ich hoffe, dass man meine Mutter in Manannán mac Lir willkommen heißen wird.“ Antwortete Síofra mit einem nun gar nachdenklichen Klang in ihrer Stimme und richtete ihren Blick kurzzeitig an Louarn vorüber. Bevor sie ihm abermals ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkte. “Die Seele meiner Mutter war rein und frei von jeglicher Sünde. Wenn sie doch nur stärker gewesen wäre. Dann hätte sie diese Krankheit überwinden können.“ Oh nein. Síofra machte ihrer Mutter hier überhaupt keinen Vorwurf. Róis war schon immer zart wie ein Vogel gewesen.

“Mein Vater hält sich entweder in den Hurenhäusern auf oder in den Schenken. An einem anderen Ort wird man meinen Vater nicht finden.“ Leichte Resignation hatte sich bei diesen Worten in Síofras Stimme geschlichen, auch wenn sie tapfer ihr Kinn empor reckte und versuchte Unerschütterlichkeit auszustrahlen. “Nein, mein Vater ist kein reicher Römer. Wir sind Angehörige der Durotriges.“ Nicht ohne Stolz entwichen diese Worte den Lippen der jungen Keltin, in deren Augen es kurzzeitig aufblitzte. Oh ja. Sie war stolz eine Keltin zu sein und kein Mischlingskind, wie man es häufig auf den Straßen entdecken kann. “Ich versuche durch den Kauf und Verkauf unserer Schafe, deren Wolle und Fleisch meinem Vater und mir ein angenehmes Leben zu ermöglichen.“


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Louarn - 01-31-2025

Sie wollte Nimue sehen. Ich grinste schief und zuckte mit den Schultern. “Warum nicht?“ Es war einfach nur ein Huhn wie dutzende andere, was auch immer es da zu gucken gab. Ich holte den Korb nach vorne und stellte ihn vor mir ab und ging in die Hocke. Das Pferdezaumzeug, das oben alles zusammenhielt, war mit ein, zwei Handgriffen gelöst und der Korb öffnete sich noch etwas mehr. Ich schaute auf Nimue und warnte mit erhobenem Zeigefinger. “Wehe, du pickst!“ warnte ich und griff mit beiden Händen schnell hinein, damit ich ihre Flügel gut erwischte und sie nicht flatterte. Mit ein paar Handgriffen war Nimue befreit und unter meinen rechten Arm so eingeklemmt, dass ein Flügel von meinem Körper, der andere von meinem Arm gehalten wurde und sie bequem auf meinem Unterarm zum Sitzen kam. Hühner konnten zwar nicht fliegen, was sie aber nicht davon abhielt, aufgeregt zu flattern, wenn sie flüchten wollten. Solange die Flügel ruhig gehalten wurden, war auch das Huhn ruhig.

Mit der freien Hand sammelte ich eben schnell wieder Zaumzeug und Korb so ein, dass ich es mir wieder über die andere Schulter werfen konnte und stand auf. “So, Nimue, zeig dich von deiner schönsten Seite“, meinte ich zu dem Huhn. Das Gefieder war Schwarzweiß, es sah fast ein wenig gestreift dadurch aus. Kopf und Kamm waren rot, und alles in allem war Nimue ziemlich flauschig.

Siofra taute auch ein wenig auf und fing an zu erzählen. Ich hatte zwar keine Ahnung, was sie mit Sünde meinte oder einer reinen Seele, weil sowas bei uns Kelten nicht wirklich eine Rolle spielte. Alle Wesen waren gut und böse, Licht und Schatten, von der kleinsten Mücke bis hin zu den Tuatha de Dannan. Aber ich schloss einfach, dass sie ausdrücken wollte, dass ihre Mutter nett gewesen war.
Ihr Vater war also einfach nur ein Säufer. Wie sie dann darauf kam, dass er im roten Mond wäre, wusste ich nicht. “Ich denke nicht, dass du deinen Vater im roten Mond finden wirst. Ich versteh jetzt nicht so viel von den römischen Dingen, aber das ist eines ihrer feineren Bordelle und da lassen sie sicher keinen Kelten rein. Und selbst wenn, würden sie dich da nicht reinlassen, weil du kein schnöseliger Römer mit viel Geld bist.“
Ich wollte ihr ja nicht alle Hoffnung nehmen, aber wenn ihr Vater so war, wie sie beschrieben hatte, dann würden die Römer ihm da die Tür von der Nase zuschlagen. Es gab einige Bordelle in der Stadt, und bei längst nicht allen durften auch Kelten rein. Selbst die nüchternen, sauberen und zahlenden nicht immer. Nicht, dass ich da hätte reingehen wollen oder in ein anderes. Ich hatte da sehr wenig Verlangen danach. Aber man hörte halt so einiges von anderen. Und Schänken gab es noch mehr und die Tavernenmädchen waren auch nichts anderes als Prostituierte, die sich jeder kurz ausleihen konnte, um den Druck loszuwerden.
“Hat er denn eine Lieblingsschenke oder sowas?“ Das wäre viel eher ein Anhaltspunkt als ein römischer Edelpuff.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Síofra - 01-31-2025

Kurz konnte man es in Síofras Augen aufblitzen sehen, als sich der Rotschopf tatsächlich daran machte und den Weidenkorb nach vorne nahm. Um mit wenigen Handgriffen das Zaumzeug zu lösen, welches den Korb zusammengehalten hatte und damit das Huhn, also Nimue am davonfliegen hinderte. Aber wieso Zaumzeug für ein Pferd als Befestigungsmittel? Hätte es da nicht auch ein Seil getan? Kurz spiegelten sich diese Fragen deutlich auf dem Gesicht der jungen Keltin ab. Doch auszusprechen würde sie diese Worte wohl nicht. Als Louarn das Huhn jedoch warnte ihn nicht anzugreifen, musste Síofra dann doch kaum merklich schmunzeln. Und beobachtete wie der Rothaarige in das Innere des Korbs griff und Nimue vorsichtig aus dem Weidenkorb empor holte. Fasziniert verfolgte Síofra wie Louarn das Huhn so auf seinem Arm platzierte, dass es ihm nicht herunterfallen konnte. Denn sogleich begann Nimue heftig mit ihren Flügeln zu flattern, auch wenn sie wohl nicht davonfliegen würde. Denn so weit Síofra wusste konnten Hühner überhaupt nicht fliegen. Auch wenn sie diesen Eindruck zu vermitteln versuchten. “Nimue ist wirklich ein schönes Federvieh.“ Meinte Síofra und trat vorsichtige Schritte näher, wobei ihr Blick auf dem hübschen Gefieder des Huhns ruhte. “Glaubst du, dass es mir erlaubt ist kurz über ihr Gefieder zu streicheln. Oder meinst du das sie mich dann pickt, auch wenn du es ihr verboten hast?“ Verschämt das Grinsen welches bei diesen Worten über Síofras Lippen huschte. Doch noch hatte Síofra ihre Finger miteinander verschränkt und behielt diese bei sich. Denn unter keinen Umständen würde sie einfach so fremdes Eigentum berühren und das Huhn gehörte nun einmal dem Rotschopf.

Für einen kurzen Augenblick wirkte Síofra gar ganz abgelenkt durch das Huhn, welches mit seinem schwarz-weißen Gefieder hübsch aussah. Und eigentlich viel zu schade für den Suppentopf war. “Du möchtest nicht gegessen werden, gell?“ Gurrte Síofra mit nun leiser Stimme und kraulte dem Huhn über das Gefieder. Völlig selbstvergessen wirkte die Keltin in diesem Moment. So war es auch wenn sie sich bei ihren Schafen aufhielt. Schon vergaß sie Zeit und Raum. Doch schon holte Louarn sie aus ihrem Zwiegespräch mit dem Huhn in die Gegenwart und Síofra musste tatsächlich etwas blinzeln. “Ich habe keine Ahnung wo sich mein Vater herumtreibt. Er verschwindet immer in der Früh, noch im Morgengrauen, wenn er überhaupt nach Hause kommt.“ Anklagend ihre Stimme, bevor sie sich auch schon besann und tief durchatmete. Oh nein. Sie wollte ihren Vater unter keinen Umständen schlecht machen. Schon gar nicht vor einem eigentlich völligen Fremden. “Vielleicht sollte ich zu Hause auf ihn warten.“ Murmelte Síofra mit einem mal sehr niedergeschlagen und blickte gen Boden. Zu Hause. Bei dem Gedanken an ihr nun karges und gar trostloses Elternhaus schluckte Síofra vernehmlich und musste abermals hastig blinzeln.

“Ich weiß nicht wo sich mein Vater aufhält, wenn er das Haus verlässt. Ich habe mich die meiste Zeit bei meiner Mutter befunden. Habe sie gepflegt und mit ihr gelacht und Lieder gesungen, wenn es ihr an einigen Tagen doch etwas besser ging und sie sogar aufstehen konnte.“ Nur das dies nun nie wieder möglich sein würde und die Tage, an denen es ihrer Mutter besser ging, auch schon sehr lange zurück lagen. “Kennst du dich hier denn besonders gut aus? Also ich meine hier in Iscalis? Vielleicht kannst du mir den Weg zeigen und dann kann ich dort selbst nachfragen?“ Unter keinen Umständen wollte sie Louarn von wichtigeren Dingen abhalten.


RE: [In der Nähe der Casa Liciniana] Die Lieblinge der Götter sterben früh. - Louarn - 01-31-2025

“Klar, streichel ruhig, ich hab sie sicher“, meinte ich leichthin, als sie fragte, ob sie mal streicheln durfte. Wäre ich auf der Suche nach einer Frau gewesen, hätte ich mir das vermutlich merken sollen. Scheinbar hatten Hühner einen ähnlichen Einfluss auf Mädchenherzen wie Hundewelpen. Wer hätte das gedacht? Vielleicht sollte ich da besser aufpassen, dass ihre Aufmerksamkeit wirklich nur Nimue galt, die aber grade ganz friedlich versuchte, meinen Unterarm auszubrüten, so warm wie es da wurde.
Als Siofra mit Nimue sprach und sie fragte, ob sie gegessen werden wollte, musste ich grinsen. “Dann solltest du viele Eier legen. Aber bitte erst, wenn wir im Stall sind, nicht auf meinem Arm.“ Hier auf der Straße gäbe das vermutlich nur eine Sauerei auf dem Boden und der ein oder andere Streuner würde sich freuen, weil er Ei zum Auflecken hatte. Sofern die Leute nicht zuvor darüberlatschten und alles verteilten. Im Moment machten sie wie üblich einen Bogen um mich. Ein Vorteil, wenn man groß und breitschultrig war.

Und dann wurde sie wieder traurig und überlegte, nach Hause zu gehen und zu warten. “Und wenn du nicht auf ihn wartest? Offenbar ist er niemand, der für eine Familie sorgen kann. Wenn du deine Schafe nimmst und einfach gehst und ihn zurücklässt, hättest du es glaube ich auch nicht schlechter. Oder rede mal mit den Dorfältesten, dass sie ihn rauswerfen, dann behältst du sogar deine Hütte.“ Es klang ja jetzt nicht gerade so, als wäre der Vater jemand, den man besonders vermissen würde, wenn er nicht mehr da wäre.

Und dann fragte sie mich, ob ich ihr den Weg zeigen könnte. “Ich kenn mich ein bisschen aus. Ich arbeite im Mietstall am Forum. Und wohin genau willst du jetzt?“ Wenn die ihren Vater wirklich in den roten Mond gelassen hätten, fraß ich einen Besen mitsamt Putzeimer.