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[Tabularium] Stunde Null: Der Schatten des Vierkaiserjahrs - Legionär - 10-17-2026 >>> "Der Treueschwur ist Asche wie Titus.
In diesem Augenblick gehört die Legion keinem Kaiser –
sie gehört sich selbst"
Der Legatus Legionis hatte Optio Bellator von der zweiten Kohorte zu sich rufen lassen. Er empfing ihn nicht im prunkvollen Büro des Kommandanten, wo Schreiber und Sklaven ein und ausgingen, sondern hatte als passenden Ort für dieses Geheimgespräch das Tabularium, das Archiv im rückwärtigen Teil der Principia, gewählt. Zwischen den regalfüllenden Wachstafeln, den staubigen Papyrusrollen der Legionslisten und dem fahlen Licht einer einzelnen Öllampe gab es kaum Ohren, die horchen konnten. Hier roch es nach altem Leder, Tinte und dem kalten Stein der Festungsmauer. Der Legatus Legionis stand mit dem Rücken zur Tür und starrte auf eine mittlerweile antiquierte, aufgespannte Karte des britannischen Grenzlandes. Aber er sah die Karte nicht an. In seinem Kopf wog der Legionskommandeur das bevorstehende Risiko ab. Die Nachricht vom plötzlichen Tod des Kaisers Titus hatte das Lager wie ein unvorhergesehenes Erdbeben erschüttert, und der Name seines Nachfolgers, Domitian, hing wie eine Gewitterwolke darüber. Domitian war bei den Senatoren verhasst und bei den Soldaten bestenfalls geduldet – ganz anders als sein populärer Bruder Titus. Die Stimmung unter den Römern war explosiv. Es wäre nicht das erste Mal, dass in einem solchen Moment gemeutert oder gar ein Gegenkaiser ausgerufen wurde Das fürchterliche Vierkaiserjahr mit seinen Bürgerkriegen saß dem Legaten noch in den Knochen. Darüber hinaus kannte er seine Pappenheimer, die Unruhestifter in den hinteren Reihen der Kohorten, die weniger politisch ambitioniert waren als durch Gier nach Gold und die bei diesem unerwarteten Herrscherwechsel sofort das Wort Solderhöhung ausstoßen und die Hand am Griff des Gladius haben würden. Der Legat war zwar der Oberbefehlshaber dieser stolzen Legion, aber er war eben auch ein Senator. Für die altgedienten Pulsfresser in den Baracken war er in erster Linie ein privilegierter Pinkel aus Rom, ein glattgeleckter Politiker, der wahrscheinlich mehr Ahnung von feinem Falernerwein als vom Geruch brennender Fleischwunden hatte. Wenn er selbst da rausging und den Männern befahl, für diesen unnahbaren Domitian den Kopf hinzuhalten, würden sie ihn im besten Fall ignorieren – und im schlimmsten Fall meutern. Den Primus Pilus, Sabinus, dem die Ehre, den öffentlichen Eid abzulegen, unter normaleren Umständen zugestanden hätte, hatte er bereits mit den verlässlichsten Männern der Ersten Kohorte an die Lagertore geschickt. Sabinus war ein erfahrener Soldat mit einem Schuss Genialität, aber er war auch ein Offizier – die einfachen Legionäre sahen auch in ihm die Obrigkeit. Die Wahl des Legatus Legionis war daher auf Optio Bellator gefallen. Der Optio kam aus der zweiten Kohorte, schwerer Infanterie, richtigen Frontschweinen, die nicht den Elitestatus der ersten Cohorte besaßen. Der Mann hätte auch in der ersten sein können, wenn man seine Verdienste zählte; vermutlich hatte er nicht die richtigen Leute bestochen, da gab sich der Legat keinen Illusionen hin. Bellator war ein vorbildlicher Soldat, eine Naturgewalt auf dem Exerzierplatz und respektiert von jedem Mann, der jemals ein Scutum gehalten hatte. Viele von ihnen hatte er selbst ausgebildet. Was ihnen den Hintern rettete, hatte ihnen Bellator beigebracht. Was den Legaten jedoch am meisten beruhigte: Wenn Bellator sprach, hörten die Jungs zu. Wenn Bellator das sacramentum auf den neuen Imperator schwor, würden sie ihm folgen. Das dumpfe Schlagen von Bellators Nagelstiefeln auf dem Steinboden verkündete dessen Ankunft. Der Legat wandte sich langsam um, trat aus dem Schatten der Regale heraus und musterte den Unteroffizier. Er verzichtete auf das übliche militärische Protokoll. Das hier war kein Befehl von oben herab, es war ein Pakt unter Männern, die überleben wollten. "Salve Bellator“, begann der Legat, und seine Stimme war kaum mehr als ein raues Flüstern, das zwischen den Steuerlisten der Legion verhallte: "Rühren. Spar dir die Grüßerei für die Parade. Wir haben keine Zeit. Der Imperator ist tot. Titus ist....zu den Göttern aufgefahren, und sein Bruder Domitian sitzt nun auf dem Thron in Rom.“ Er trat einen Schritt näher an den Optio heran und blickte ihm in die Augen: "Du weißt wie ich, was das für uns hier bedeutet. Die Männer sind unruhig. Die Halunken in der vierten Kohorte fragen sich, ob Rom sie auch genug für ihre Treue zu einem Mann wie Domitian bezahlt" Der Legat schaute sich aus alter Gewohnheit kurz um. Solches Gerede konnte schon als Hochverrat aufgefasst werden. Aber dann wurde ihm bewusst, dass er in Britannia war und nicht in Rom. Er fuhr fort: "Es geht bereits das Gerücht um, dass Domitian die Donativa für sich behalten will. Unsinn, ich weiß. Ich habe Sabinus die Tore sichern lassen, aber die Tore schützen uns nur vor den Feinden da draußen. Du bist einer von unseren Männern, Bellator. Sie vertrauen dir. Wenn der Morgen graut, wirst du vor die Legion treten. Du wirst den neuen Fahneneid auf Domitian sprechen. Und wenn du fertig bist, erwarte ich, dass jeder einzelne Mann mit 'Ich auch' antwortet" |